Liebe Filmfreundinnen und *Filmfreunde
Fate, destino, déstin, Schicksal... Der Duden definiert Schicksal
folgendermassen: "Von einer höheren Macht über jemanden Verhängtes, ohne
sichtliches menschliches Zutun sich Ereignendes, was jemandes Leben
entscheidend bestimmt." Dieser vorläufig letzte Film des Monats hat in
zweierlei Hinsicht mit dem Begriff Schicksal zu tun.
Einerseits legen wir Ihnen die Visionierung des Schweizer
Dokumentarfilms "Prisoners of Fate" (Gefangene des Schicksals) wärmstens
an Herz. Mehdi Sahebi fand seine Protagonist*innen in einem Schweizer
Asylzentrum und begleitete sie über Jahre hinweg durch ihren mühsamen,
bisweilen absurden Alltag in der "Warteschlaufe". Ein Alltag, der
geprägt ist von Behördendeutsch, Unsicherheit und Sehnsucht. Sahebi
kommt dabei den Protagonist*innen ganz nah, wahrscheinlich auch deshalb,
weil er 1983 selbst aus dem Iran geflohe war. Sahebi weiss, wie schwer
es ist, sich in einer neuen Umgebung und mit verschiedenen Traumata im
Gepäck zurechtzufinden. "Prisoners of Fate" zeigt uns keine anonymen
Asylbewerber*innen, sondern Menschen, die für eine bessere Zukunft alles
aufs Spiel gesetzt haben.
Andererseits verabschieden wir uns - zumindest vorläufig - von Ihnen,
geschätzte Leser*innen. Das Schicksal - beziehungsweise eine "höhere
Macht" - zwingt uns momentan dazu, die Filmarbeit für den
Filmtipp/kath.ch einzustellen. Der Wert der Kultur und des
Kulturschaffens wird vielen erst dann bewusst, wenn sie fehlen...
Wir aber lieben den Film und die Kutur auch weiterhin und werden in der
einen oder anderen Form versuchen, auch weiterhin eine humanistisch
geprägte Filmkritik anzubieten. Wir halten sie auf dem Laufenden, denn
wie erklärte bereits Novalis: "Schicksal und sich schicken scheinen mir
nicht ohne Bedeutung nahe verwandt. Wie wir uns schicken, so ist unser
Schicksal".
„Schicksal und sich schicken scheinen mir nicht ohne Bedeutung nahe
verwandt. Wie wir uns schicken, so ist unser Schicksal. [1]"
- https://gutezitate.com/zitat/239233
„Schicksal und sich schicken scheinen mir nicht ohne Bedeutung nahe
verwandt. Wie wir uns schicken, so ist unser Schicksal. [1]"
- https://gutezitate.com/zitat/239233
Herzliche Grüsse
Sarah Stutte, Eva Meienberg und Natalie Fritz
FILM DES MONATS MÄRZ
März 2024
Prisoners of Fate (Gefangene des Schicksals)
Afghanische und iranische Flüchtlinge erzählen in einem Asylzentrum von
ihrem Alltag in der Schweiz. Der Regisseur Mehdi Sahebi flüchtete selbst
als 20-Jähriger aus dem Iran in die Schweiz. Dadurch ist eine ganz
besondere Nähe zu seinen Protagonist:innen entstanden, die auch in uns
Verständnis und Empathie weckt.
Eine afghanische Mutter telefoniert mit ihrem kleinen Sohn. Dieser
fragt, wann sie ihn endlich hole. «Ich warte schon so lange», sagt er.
Die Mutter weint. Auf der dramatischen Flucht aus dem Iran wurde der
damals Sechsjährige entdeckt und musste zurückbleiben. Die Eltern haben
es mit ihrer kleinen Tochter in die Schweiz geschafft und hier Asyl
beantragt. Seitdem kämpfen sie um einen Familiennachzug.
Im selben Asylzentrum ist auch Mahmad untergebracht, der seine Tränen
irgendwann auch nicht mehr zurückhalten kann. Er ist ein iranischer
Kriegsveteran, den seine traumatische Vergangenheit nicht loslässt. «Ich
kann nicht vergessen. Der Krieg hat sich tief in meinen Kopf
eingegraben. Er frisst mich lebendig auf», erzählt er seinem Freund.
Trotzdem ist er davon überzeugt, dass jeder Mensch alles erreichen kann,
was er will. Wenn das Schicksal es so vorherbestimmt hat.
Der Schweizer Regisseur Mehdi Sahebi begleitete für seinen Film mehrere
iranische und afghanische Flüchtlinge über Jahre. Dadurch ist eine ganz
besondere Nähe zu seinen Protagonist:innen entstanden. Sahebi flüchtete
selbst 1983 aus dem Iran in die Schweiz und kann deshalb deren
innerliche Zerrissenheit nachvollziehen. Eine ältere afghanische Frau
sagt im Film: «Ich habe nicht ein einziges Jahr meines Lebens in Frieden
gelebt». Das stimmt nachdenklich und dankbar über unsere Privilegien und
weckt Mitgefühl für Menschen, die entwurzelt wurden und doch immer die
Hoffnung auf ein besseres Leben mit sich tragen.
Sarah Stutte, Filmjournalistin
«Prisoners of Fate (Gefangene des Schicksals)» Schweiz 2023; Regie:
Mehdi Sahebi; ProtagonistInnen: Mojtaba Seyedi, Omid Jafari, Sanam
Hosseini; Verleih: Cineworx; Homepage: www.cineworx.ch [2]; Filmseite:
https://www.prisoners-of-fate.com/
Ab 14. März im Kino
Links:
------
[1] https://gutezitate.com/zitat/239233
[2] http://www.cineworx.ch
Liebe Filmfreundinnen und *Filmfreunde
Obwohl bei der Weihnachtsgeschichte ein freudiges Ereignis - eine Geburt
- im Zentrum steht, so wissen doch die meisten, dass diesem Kind kein
langes Leben bestimmt ist. In einigen Maria-Kind-Darstellungen, so legen
Kunsthistoriker*innen nahe, kann man Mariens Wissen um den frühen Tod
des Sohnes in ihrem Blick und ihrer Haltung erahnen. So verbinden sich
in besagten Darstellungen innigste Liebe mit einer prospektiven
Melancholie.
Ganz ähnlich funktioniert das in unserem Film des Monats Dezember. In
«Tótem» ist ein baldiger Abschied ebenfalls unausweichlich, das wissen
alle. Denn der Vater der siebenjährigen Sol liegt im Sterben. Jede
Bewegung, jeder Satz verursachen ihm, dem krebszerfressenen jungen Tona,
höllische Schmerzen. Dennoch will seine Familie Tona ein letztes
wunderbares Geburtstagsfest organisieren. Aus der Perspektive der
kleinen Sol werden die hektischen Vorbereitungen, die langsam
zerrinnende Zeit, das Warten auf den Beginn des Festes (und den Tod)
sowie die latente Nervosität aller Beteiligten gezeigt. Die Mexikanerin
Lila Avilés präsentiert eine herzzerreissende Familiengeschichte über
Liebe, Tod, Abschiednehmen und Hoffnung, die durch die filmische
Gestaltung sehr intim und gleichzeitig universal wirkt.
«Tótem» hat an der diesjährigen Berlinale den Preis der Ökumenischen
Jury erhalten,
https://www.inter-film.org/de/festivals/berlinale-internationale-filmfestsp…
In diesem Sinne wünschen wir Ihnen eine hoffnungsvolle Adventszeit,
frohe Weihnachtsfeiertage und einen gten Rutsch ins neue Jahr!
Sarah Stutte und Natalie Fritz
FILM DES MONATS DEZEMBER
Dezember2023
Tótem
Sols Vater Tona liegt im Sterben. Seine Familie organisiert eine letzte
Geburtstagsparty für ihn. Lila Avilés Familiendrama fängt den Schmerz
des Abschiednehmens genauso ein wie die Kraft, die die Liebe in solchen
Momenten spendet.
Sols Vater Tona ist todkrank. Und obwohl sich die Siebenjährige aus
ganzem Herzen wünscht, er möge gesund werden, glaubt sie wohl selbst
nicht daran. Immer wieder verliert sich ihr Blick oder sie verkriecht
sich in einem Winkel des grossväterlichen Hauses, um dem Trubel zu
entgehen. Denn hier wird heute Abend gefeiert: die Schwestern von Sols
Papa organisieren für ihn die wohl letzte Geburtstagsparty. Wobei das
Fest den Erwachsenen vor allem dazu dient, sich nicht mit dem nahenden
Tod des geliebten Tona auseinandersetzen zu müssen. Dieser wiederum
versucht, alle noch verbliebenen Kräfte für diesen Abend zu
mobilisieren. Er möchte Familie und Freunde nicht enttäuschen.
Lila Avilés hat dieses Familiendrama über das Abschiednehmen als ein
unkonventionelles Kammerspiel inszeniert. Die Beziehungen zwischen den
einzelnen Familienmitgliedern offenbaren sich in ihren Handlungen und im
Umgang mit der Krankheit. Während die eine Schwester den Schmerz mit
Alkohol und Hyperaktivität betäubt, treibt die andere böse Geister aus.
Der Vater hegt einen Bonsai.
Alles dreht sich um den sterbenden Tona, der sich als «grosser
Abwesender» in seinem abgeschlossenen Zimmer vorbereitet. Er ist die
Person, die die Familie zusammenhält, das titelgebende Totem dieser
Gemeinschaft. An seiner Party verbinden sich Liebe, Angst und Hoffnung.
Avilés fängt den schmerzhaften Prozess des Abschiednehmens in poetischen
Bildern ein und verleiht so der bisweilen quälenden Natur der Dinge eine
beinahe magische Qualität.
_«Tótem» hat an der diesjährigen Berlinale im Internationalen Wettbewerb
den Preis der Ökumenischen Jury gewonnen,
__https://www.inter-film.org/de/festivals/berlinale-internationale-filmfest…
Natalie Fritz, Religionswissenschaftlerin und Redaktorin Medientipp
«Tótem» Mexico 2023; Regie: Lila Avilés; ProtagonistInnen: Naíma
Sentíes, Mateo Garcia Elizondo, Monserrat Marañon; Verleih: Trigon;
Webseite: https://trigon-film.org ; Filmseite:
https://trigon-film.org/de/filme/totem/
Ab 7. Dezember 2023 im Kino
Liebe Filmfreundinnen und *Filmfreunde
War es ein Unfall? War es ein Suizid? War es ein Mord? Als Sandras
Ehemann Samuel tot im Schnee gefunden wird, nimmt die Kriminalpolizei
Ermittlungen auf und für die Ehefrau beginnt ein Spiessrutenlauf. Weil
die Todesumstände unklar bleiben, gerät Sandra unter Mordverdacht.
Während des folgenden Gerichtsprozesses wird die Ehe von Sandra und
Samuel akribisch durchleuchtet, geradezu seziert. Aussagen widersprechen
sich, Erinnerungen sind ungenau - alle und alles bleiben ambivalent, die
Wahrheit über den Hergang des Todes auch. «Anatomie d'une chute» von
Justine Triet zeigt absolut überzeugend auf, wie auf der Suche nach
einer Täterschaft auch kleine Fehler oder Zwistigkeiten plötzlich an
Bedeutung gewinnen. Die zerrüttete Ehe von Sandra und Samuel, ihre
unterschiedilchen Lebensentwürfe werden als belastbares Motiv für einen
Mord vorgebracht; doch ist das die Wahrheit? Immer wieder lässt Triet
ihr Publikum ins Leere laufen, spielt mit der Subjektivität der
Wahrnehmungt und der Komplexität des Wahrheitsbegriffs.
«Anatomie d'une chute» ist nicht nur eine fesselnde Kriminalgecshichte,
sondern eine meisterhaft umgesetzte Chronik einer kaputten
Paar-Beziehung, in der Sandra Hüller als ambivalente Protagonistin
brilliert.
In diesem Sinne wünschen wir gutes Abwägen der Argumente!
Sarah Stutte und Natalie Fritz
FILM DES MONATS NOVEMBER
November 2023
Anatomie d'une chute
Der erfolglose Schriftsteller Samuel liegt tot im Schnee. Ein Unfall
oder hat seine erfolgreiche Ehefrau nachgeholfen? Justine Triet sucht in
ihrer fesselnden Kriminalgeschichte nicht in erster Linie nach der
Täterschaft, sondern seziert eine Beziehung, in der die Frau nicht den
traditionellen Erwartungen entsprach.
Die Musik dröhnt laut vom Dachboden und schallt durch das ganze Haus.
Unten versucht die erfolgreiche Autorin Sandra einer Studentin zu
erklären, wie die Realität ihre Romane beeinflusst. Doch der Krach
verschluckt jedes Wort - das Interview muss abgebrochen werden.
Warum Sandras Mann Samuel, den wir nicht sehen, die Szenerie stört,
bleibt unklar. Vielleicht aus Bitterkeit darüber, dass er selbst -
ebenfalls Schriftsteller - nie ein Buch veröffentlichen konnte. Eine
Stunde später findet ihn sein blinder Sohn Daniel draussen tot im
Schnee. Offenbar stürzte er aus dem obersten Stock des Bergchalets in
den französischen Alpen - oder war es doch kein Unfall?
Der Film von Justine Triet ist vordergründig eine Kriminalgeschichte,
die nach einem Opfer und einem Täter sucht. Doch diese Grenzen
verschwimmen nach und nach, denn die Wahrnehmung ist stets individuell.
Der Titel des Films spielt auf den buchstäblichen Sturz von Samuel an,
der durch die Forensik untersucht wird. Aber auch auf den bildlichen
Sturz von Sandra, deren Leben nach dem Verlust aus den Fugen gerät.
Der folgende Prozess ist für sie ein Akt der Demütigung. Ihr Charakter,
ihre Arbeit und ihre Ehe werden in Frage gestellt, um daraus mögliche
Mordmotive herzuleiten. Sandra Hüller ist bemerkenswert in ihrer Rolle
als ambivalente Frau, die zwischen Arroganz und Verletzlichkeit
schwankt. Letztendlich ist sie genauso wenig fassbar wie der Tod, das
Leben und die Wahrheit, die irgendwo dazwischen liegt.
Sarah Stutte
«Anatomie d'une chute», Frankreich 2023, Regie: Justine Triet,
Besetzung: Sandra Hüller, Swann Arlaud, Milo Machado Graner, Verleih:
Filmcoopi, https://www.filmcoopi.ch/movie/anatomie-d-une-chutehttp://www.filmcoopi.ch, Filmwebseite:
https://www.frenetic.ch/katalog/detail//++/id/1254 [1]
Kinostart: 9. November 2023
Links:
------
[1] https://www.frenetic.ch/katalog/detail/++/id/1254
Liebe Filmfreundinnen und *Filmfreunde
Was empfinden wir als gerecht? Warum? Kann ein Mensch alles vergeben?
Sollen Menschen, die sich etwas haben zu Schulden kommen lassen, büssen?
Wenn ja, wie und wie lange? Mit diesen und anderen Fragen nach Schuld,
Sühne und Recht konfrontiert uns Jeanne Herrys Spielfilm "Je verrai
toujours vos visages". Im Film wird anhand von zwei Erzählsträngen
dargelegt, wie die Restaurative Justiz funktioniert, welches ihre
Chancen aber auch ihre Herausforderungen sind. In der Schweiz wird diese
ergänzende Form zum gängigen Strafrecht, die in erster Linie die Opfer
von Gewaltakten und ihre Bedürfnisse ins Zentrum stellt, erst in
verschiedenen Einzelprojekten getestet. Die Rückmeldungen scheinen aber
durchaus positive Rückschlüsse zuzulassen. Offensichtlich kann für Opfer
von Gewalthandlungen die Möglichkeit, mit Täter*innen über die
Gewalterfahrung zu sprechen und drängende Fragen zu stellen, hilfreich
sein, um Traumata zu überwinden. Ausserdem ist der Aspekt der
Verantwortungsübernahme durch die Täter*innen ebenfalls wichtig - sowohl
für die Opfer von Gewalt als auch für Täter*innen. Die Teilnahme an
Massnahmen der Restaurativen Justiz ist immer freiwillig und kann auch
nicht in jedem Fall angewendet werden. Als ergänzender Zugang, um mit
Gewalt und ihren Konsequenzen für die Direktbetroffenen sowie die
Gesellschaft umzugehen, könnte die Restaurative Justiz eine
vielversprechende Vorlage bieten.
Mit herzlichen Grüssen
Sarah Stutte, Eva Meienberg und Natalie Fritz
FILM DES MONATS OKTOBER
Oktober 2023
Je verrai toujours vos visages
Jeanne Herrys Film beleuchtet die Chancen und Herausforderungen der
Restaurativen Justiz. Dieser Ansatz möchte es Gewaltopfern sowie Tätern
und Täterinnen ermöglichen, in einem sicheren Umfeld miteinander zu
sprechen und dadurch Verständnis, Verantwortungsgefühl und vielleicht
sogar Heilung zu fördern.
Seit 2014 existiert in Frankreich die Restaurative Justiz, die es Opfern
und Täter*innen ermöglicht, in einem sicheren Rahmen miteinander zu
sprechen. Dabei geht es darum, die jeweils andere Seite anzuhören und
deren Geschichten und Befindlichkeiten zu verstehen. So kann es
gelingen, Ängste zu überwinden, resilient zu werden und die eigenen
Handlungen und Motive zu überdenken.
In zwei parallelen Erzählsträngen zeigt der Film die Möglichkeiten und
Herausforderungen der Restaurativen Justiz auf. Wir nehmen einerseits
Teil an Gruppensitzungen, wo drei Straftäter auf drei Menschen treffen,
die in unterschiedlichen Kontexten überfallen und ausgeraubt worden
sind. Nach und nach öffnen sich die Beteiligten und es werden
tiefgehende Auseinandersetzungen mit dem Vorgefallenen und den Folgen
möglich.
Andererseits fokussiert der zweite Erzählstrang auf Chloé, die über die
Anwältin Judith einen Austausch mit ihrem Vergewaltiger anstrebt. Seit
sie weiss, dass er wieder in ihrer Nähe wohnt, möchte sie Regeln
fixieren, die verhindern, dass sie ihm zufällig über den Weg läuft. Das
Problem: der Vergewaltiger ist ihr Bruder…
Jeanne Herrys Blick auf die Restaurative Justiz ist ein sehr
differenzierter. Sie lässt den Protagonistinnen und Protagonisten viel
Zeit, um ihre hochemotionalen Geschichten zu erzählen und sich dadurch
auch aus einer ungewollten Opferrolle zu emanzipieren. Ein
humanistisches Werk, das an die Versöhnung glaubt, ohne dabei
illusorisch zu sein.
Natalie Fritz, Religionswissenschaftlerin und Redaktorin Medientipp
«Je verrai toujours vos visages» Frankreich 2023; Regie: Jeanne Herry;
ProtagonistInnen: Lëila Bekhti, Gilles Lellouche, Miou-Miou; Verleih:
Frenetic Films; Filmseite:
https://www.frenetic.ch/katalog/detail//++/id/1250
Ab 5. Oktober 2023 im Kino
https://youtu.be/f1AYZEwrcmo
Liebe Filmfreundinnen und *Filmfreunde
Wenn es um Schöpfergottheiten geht, spielt in den abrahamitischen
Religionen das Weibliche - unlogischerweise - eine untergeordnete Rolle.
Natürlich kommt es aber immer auch auf die Lesart beziehungsweise das
Verständnis eines Weltbildes an, wie man die Rolle des Weiblichen im
Schöpfungsakt auffasst. Andere religiöse Traditionen sehen explizit im
Weiblichen eine (re-)kreative Kraft, die das Weltgeschehen und die
Menschheit lenkt.
Kurzum geht es aber immer um die Legalisierung gesellschaftlicher
Hierarchien, denn wer erschaffen oder eben schöpfen kann, hat Macht.
Im nigerianischen Spielfilm «Mami Wata» geht es um Glauben und um Macht,
die angezweifelt werden. Grossartig in schwarz-weiss gefilmt, nimmt uns
der Film mit auf eine Reise zu einem Dorf am Golf von Guinea, in dem die
Meerjungfrauen-Gottheit "Mami Wata" (Mutter des Wassers) verehrt wird.
Die Mittlerin zwischen der Lebensspenderin Mami Wata und der
Dorfbevölkerung ist Mama Efe. Als sie einen Knaben nicht vor einer
tödlichen Erkrankung retten kann, werden die Zweifel an Mama Efe und der
Wassergottheit immer lauter. Zusammen mit ihren Töchtern versucht Mama
Efe, die Menschen von der Macht Mami Watas und von der Richtigkeit ihrer
Position zu überzeugen.
Ein Film, der zwar in einem fremden Kontext spielt, dabei aber
universelle Grundprobleme eines gleichberechtigten menschlichen
Zusammenlebens und des Glaubens per se visuell überwältigend abhandelt.
In diesem Sinne: Guten Film!
Sarah Stutte und Natalie Fritz
FILM DES MONATS SEPTEMBER
September 2023
Mami Wata
In einem kleinen nigerianischen Dorf am Golf von Guinea dient Mama Efe
als Priesterin der Nixen-Gottheit Mami Wata. Als ein kleiner Junge an
einem Virus stirbt, kommt es zu Aufständen unter der Führung der
Zweifler. Mama Efe und ihre Töchter versuchen alles, um die Wogen zu
glätten und das Vertrauen in ihre Gottheit wiederherzustellen.
In einem kleinen nigerianischen Dorf am Golf von Guinea wird die
Geschichte dreier Frauen erzählt, deren Leben durch die Verehrung der
Meerjungfrauen-Gottheit Mami Wata geprägt ist. Die Menschen hier
glauben, dass sie dem Ort Wohlstand und Gesundheit bringt. Da Efe die
von Mami Wata gesalbte Priesterin ist, geniessen sie und ihre leibliche
Tochter Zinwe sowie ihre Adoptivtochter Prisca einen gewissen Status
unter ihresgleichen. Doch dann erkrankt ein kleiner Junge plötzlich an
einer Virusinfektion, vor der Efe ihn nicht retten kann. Als er stirbt,
führen die lange gehegten Zweifel an Efes Verbindung zu Mami Wata zu
einer Rebellion, die das Dorf spaltet.
Der nigerianische Regisseur C.J. Obasi hat mit seinem
elegant-monochromen Göttinnen-Mythos «Mami Wata» ein visuell
beeindruckendes Werk geschaffen. Das poetische Märchen entfaltet mit
tiefen Schwarztönen, die durch die geisterhafte weisse Gesichtsbemalung
erhellt wird, im Kino - und nur hier - seine volle Wirkung.
Die afrikanische Wassergottheit wird auch heute noch vor allem in West-,
Süd- und Zentralafrika sowie in Teilen des karibischen Raums gepriesen
wie auch gefürchtet. Die Verkörperung des göttlichen Weiblichen hat im
Leben von Generationen von Frauen tiefe Wurzeln geschlagen. Efe, Zinwe
und Prisca versuchen - jede auf ihre Art - alles in ihrer Macht Stehende
zu tun, um ihr Volk zu beschützen. Hin- und hergerissen zwischen
Tradition und Moderne kämpfen sie darum, ihren Glauben an Kräfte zu
verstehen, die grösser sind als sie selbst.
Sarah Stutte
«Mami Wata» Nigeria 2023; Regie: C.J.Obasi; ProtagonistInnen: Rita
Edochie, Uzomaka Aniunoh, Evelyne Ily; Verleih: Trigon Film; Homepage:
http://www.trigon-film.org; Filmseite:
https://www.trigon-film.org/de/movies/mami_wata
Ab 21. September 2023 im Kino
https://vimeo.com/855624445
Liebe Filmfreundinnen und *Filmfreunde
"Werden sie mich trotzdem noch lieben?"; "Wird plötzlich alles anders?"
- Wer nicht ins heteronormative Schema passt, hat es auch in der ach so
aufgeschlossenen Gesellschaft von heute nicht immer leicht. Umso
schöner, wenn die Abweichung davon, was wir gemeinhin als "Norm"
anschauen, nicht skeptisch beäugt, sondern als Ergänzung begrüsst wird.
In Luis de Filippis wunderbar heiter-melancholischen Sommergeschichte
"Something You Said Last Night" muss die transProtagonistin zwar nicht
um die Anerkennung ihrer Familie kämpfen, aber im Sommerurlaub in einem
konservativen Rentnerparadies wird sie doch ab und an mit scheelen
Blicken konfrontiert. Ausserdem sind bei Familienferien auf engstem
Raum und mit zwei Mittzwanzigerinnen Spannungen quasi vorprogrammiert...
"Something You Said Last Night" erzählt ohne Klischees und mit feinem
Humor von Familie, Identität und Liebe.
In diesem Sinne wünschen wir Ihnen erholsame Sommertage und -ferien und
grüssen herzlich,
Sarah Stutte und Natalie Fritz
FILM DES MONATS JULI
Juli 2023
Something You Said Last Night
Mittzwanzigerin Renata reist mit ihrer Familie in den Urlaub. Im
konservativen Ferienort fühlt sich Renata leicht unbehaglich als
transFrau - auch wenn sich ihre Familie liebevoll um die erwachsene
Tochter - ihre Transsexualität ist kein Problem - kümmert. Regisseurin
Luis De Filippis erzählt in diesem herrlich klischeefreien Film von
Familiendynamiken, Identität, Abhängigkeiten und Liebe.
Familie ist - besonders im queeren Umfeld - oft ein schwieriges Thema.
Komplizierte Gefühle und Beziehungen, Gedanken zwischen Loslösen und
Vertrautheit stehen in Konflikt mit der Sehnsucht nach Liebe und
Verständnis. Diejenigen, die jemanden am besten kennen, können diese
Person auch am meisten verletzen. Vor allem, wenn Selbsterkenntnis und
Selbstliebe für das eigene Überleben unabdingbar sind.
Diese Themen klingen in «Something You Said Last Night», dem
Spielfilmdebüt der kanadisch-italienischen Trans*-Filmemacherin Luis De
Filippis leise an. Der Film, der lose von ihrer eigenen Familie
inspiriert ist, erzählt von der jungen Renata, die während eines
einwöchigen Familienausflugs auf engstem Raum zwischen Bindung und
Entfremdung schwankt. So teilt Renata sich mit ihrer Schwester ein
Schlafsofa im Wohnzimmer, während zwischen ihnen - doch nicht nur dort -
langsam die Spannungen zunehmen.
Auch die Eltern pendeln zwischen kleinen Zwistigkeiten und innigen
Augenblicken hin und her. In vielen kleinen häuslichen Momenten baut De
Filippis schnell eine berührende Intimität auf und malt eine erkennbare
Familiendynamik mit nicht viel mehr als einem grünen Smoothie. Das
Schöne an dieser Geschichte, die Tiefe im Alltäglichen findet, ist
dabei, wie natürlich und liebevoll hier eine Familie miteinander umgeht,
in der die Transsexualität der Tochter nie zum Problemthema gemacht,
sondern einfach als selbstverständlich betrachtet wird.
Sarah Stutte
«Something You Said Last Night», Kanada/Schweiz 2022; Regie: Luis De
Filippis; ProtagonistInnen: Carmen Madonia, Paige Evans, Ramona Milano;
Verleih: First Hand Films; Homepage:
https://www.firsthandfilms.ch/de/something-you-said-last-night/;
Filmseite:
https://www.cinedokke.ch/Something-You-Said-Last-Night-445f7900
Ab 6. Juli 2023 im Kino
https://www.youtube.com/watch?v=hUsFtTTwg6A
Liebe Filmfreundinnen und *Filmfreunde
Grosse Fragen im warmen Sommer! «Wo kommen wir her?» «Wo gehen wir hin?»
«Hat das Leben einen Sinn?» - Der Filmemacher Wes Anderson präsentiert
in seinem neuesten Werk «Asteroid City» keine platten Antworten auf
diese existenziellen Fragen, sondern regt vielmehr zum Nachdenken
darüber an, was wirklich wichtig ist im Leben; was das Leben eigentlich
ausmacht. Natürlich macht er dies auf seine typische Anderson-Art: viele
kleine Episoden ergeben nach und nach eine Geschichte, deren Vielfalt
überwältigt und letztlich wirklicher anmutet, als das hyperästhetische
Setting auf den ersten Blick vermuten lässt. Aberwitzige Episoden
wechseln sich mit traurigen oder tiefgründigen Momenten ab. Indem
Anderson auf die kleinen Geschichten des Alltags fokussiert und sie zu
einem grossen Ganzen orchestriert, werden die Absurditäten des Lebens
umso sichtbarer.
Auch bei «Asteroid City» muss sich das Publikum - wie bei allen Filmen
des Texaners - auf Andersons Welt einlassen, zwischen den Zeilen lesen
und die Ästhetik als bedeutsamen Aspekt eines kritischen Reframings der
Gesellschaft durch die Kameralinse verstehen. Die liebevoll gezeichneten
Figuren und die Unvorhersehbarkeit der Geschichte machen den Film zu
einem erfrischend-exzentrischen Augenschmaus, der durchaus Tiefgang hat.
In diesem Sinne wünschen wir einen heiter-anspruchsvollen Kino-Juni,
Sarah Stutte und Natalie Fritz
FILM DES MONATS JUNI
Juni 2023
ASTEROID CITY
«Vielleicht liegt der Sinn des Lebens irgendwo da draussen!» -
Gestrandet im Wüstenkaff Asteroid City, erlebt Kriegsfotograf Augie
Steenbeck in den 1950ern mit einer bunt gemischten Gruppe von Menschen
einen extraterrestrischen Besuch. Wes Anderson macht sich in «Asteroid
City» nicht nur auf die Suche nach dem Sinn des Lebens, sondern wirft
einen kritischen Blick auf die US-amerikanische Vergangenheit - und die
Gegenwart.
Kriegsfotograf Augie Steenbeck bleibt mit seinem Sohn, einem
hyperintelligenten Nachwuchswissenschaftler, und seinen drei Töchtern
nach einer Autopanne mit anschliessender Motorenexplosion im Wüstenkaff
Asteroid City stecken.
Was sich erst wie eine Farce anhört, wird noch viel verrückter. Jedes
Jahr wird nämlich in Asteroid City der «Asteroid Day» gefeiert. Der Tag,
an dem vor 5'000 Jahren ein Meteorit einschlug, dabei einen gigantischen
Krater hinterliess und Namensgeber der Ortschaft wurde. Neben
Feierlichkeiten und Feuerwerk am nächtlichen Wüstenhimmel werden an
diesem Tag auch Nachwuchsforschende ausgezeichnet. Als dann den
Anwesenden in Asteroid City auch noch ein Alien erscheint, ist die
Ironie perfekt.
Wes Anderson ist bekannt für seine symmetrischen Bilder, seine
künstlichen Welten und absurd schöne, melancholische Geschichten.
«Asteroid City» wirkt wie eine Modelllandschaft mit lebenden Menschen,
was die Skurrilität noch unterstreicht und den Film formal abschliesst.
Dennoch sucht der Film Antworten auf die grossen Fragen des Lebens. So
scheint es, dass Wes Anderson, der in Texas Philosophie studierte, uns
immer wieder fragt: «Was ist der Sinn des Lebens und was wollen wir
eigentlich alle hier?»
Mit einem All-Star-Cast, bei dem bereits die kleinste Nebenrolle von
einer Berühmtheit gespielt wird, gelingt ihm dieser philosophische
Aspekt etwas gar zu oberflächlich. Trotzdem berührt der Film, nicht
zuletzt dank einer wunderschönen Verpackung.
Silvan Maximilian Hohl, Multimediaproduzent
«Asteroid City», USA 2023; Regie: Wes Anderson; Mit: Jason Schwartzman,
Scarlett Johansson, Jake Ryan, Tom Hanks, Steve Carell; Verleih:
Universal Pictures Switzerland; Homepage:
https://www.universalpictures.ch/micro/asteroid-city
Ab 15. Juni 2023 im Kino
https://www.youtube.com/watch?v=AmUggROmhqk
Liebe Filmfreundinnen und *Filmfreunde
Zeigen, was man sonst nicht sieht, hinschauen, wo niemand freiwillig
hinsiehtv- für Filmemacher*innen mit einem ausgeprägt sozialkritischen
Zugang wie etwa Andrea Arnold oder die Gebrüder Dardennes ist das eine
zentraler Aspekt ihrer Arbeit. Ihre Filme lassen das Kinopublikum in
Milieus eintauchen, die es meist nur aus den Medien kennt. Dadurch
sensibilisieren sie die Zuschauer*innen für gesellschaftliche Probleme
und geben Menschen eine Stimme, die sonst nicht gehört würden.
Doch der Einblick in die Leben von arbeitslosen Alleinerziehenden,
minderjährigen Asylsuchenden oder Alkoholabhängigen ist ein Balanceakt:
was soll und muss man zeigen, um aufzurütteln, was lässt man weg, um die
Würde besagter Menschen nicht zu verletzen? Wo hört das kritische
Aufzeigen auf und beginnt der platte Voyeurismus? In «Les pires» von
Lise Akoka und Romane Guerets geht es genau um diese Gratwanderung, mit
der sich jede*r Filmemacher*in auseinandersetzen muss, die*der in diesem
Bereich tätig ist. In einem Problemviertel in Nordfrankreich sucht ein
Regisseur Kinderdarsteller für ein Sozialdrama. Er sucht gezielt nach
denjenigen, mit der schlimmsten Biografie - den «pires» eben.
Akokas und Guerets Film entwickelt einen unglaublichen Sog, dem man sich
nicht entziehen kann. Die Figuren sind komplex und glaubwürdig, ethische
Fragen werden auf unterschiedlichen Ebenen durchdekliniert und zum
Schluss dann die erlösenden Tränen...
Nicht nur emotional eine Wucht von Film!
Herzlich grüssend,
Sarah Stutte und Natalie Fritz
FILM DES MONATS MAI
Mai 2023
LES PIRES
Eine Filmcrew will in einem Problemviertel Nordfrankreichs ein
Sozialdrama drehen. Zunehmend vermischen sich die Ebenen und werden
Grenzen überschritten. Lise Akoka und Romane Gueret haben mit «Les
pires» einen unglaublich dichten, einfühlsamen und zugleich kritischen
Film über das Filmen gedreht.
Gabriel, ein spätberufener Regisseur, möchte im Problemviertel Cité
Picasso in Boulogne-sur-Mer einen Spielfilm drehen. Weil er
grösstmögliche Authentizität für sein Sozialdrama sucht, ist er hierhin,
in den Norden Frankreichs, gereist und hat beim Casting die Kinder
ausgesucht, die ihm am vielversprechendsten, also am schwierigsten
erschienen. Die vier Halbwüchsigen Lily, Ryan, Maylis und Jessy sind
alle in keinem einfachen Umfeld gross geworden und kämpfen mit ihren
Problemen.
Lily vermisst ihren kleinen Bruder, der an Krebs verstorben ist und
versucht diese Lücke mit Liebeleien zu füllen. Jessy gibt den coolen
Macker, verdeckt damit aber tiefliegende Traumata. Ryan kann seine
Emotionen nur schwer kontrollieren und lebt bei der Schwester, weil die
Mutter psychisch labil ist. Nur Maylis lässt sich vom Film-Team und der
Vorstellung von Ruhm und Geld nicht blenden. Sie bleibt wortkarg und
springt vom Projekt ab, als Regisseur Gabriel - im Dienste der
Dringlichkeit seines Films - die Grenzen des Verantwortbaren übertritt.
Lise Akoka und Romane Guerets «Les pires» ist ein unglaublicher Film!
Die beiden jungen Regisseurinnen zeigen anhand des fiktiven Filmprojekts
auf, wie schmal der Grat zwischen Ausbeutung und sozialem Engagement ist
und wie leicht man Vorurteile nicht nur aufnimmt, sondern sogar
untermauert. Die Kinderdarstellerinnen und -darsteller sind allesamt
Laien und grossartig: sie verleihen ihren Figuren Glaubwürdigkeit und
Tiefe. Eine Wucht von einem Film!
Natalie Fritz, Religionswissenschaftlerin und Redaktorin Medientipp
«Les pires», Frankreich 2022; Regie: Lise Akoka und Romane Gueret;
ProtagonistInnen: Mallory Wanecque, Timéo Mahaut, Mélina Vanderplancke;
Verleih: Outside the Box; Homepage: https://www.outside-thebox.ch;
Filmseite: https://www.outside-thebox.ch/de/les-pires/
Ab 18. Mai im Kino
https://www.youtube.com/watch?v=Q1ij-DvwhlQhttps://www.medientipp.ch/events/les-pires/
Liebe Filmfreundinnen_und Filmfreunde
Es ist eine Wonne - obwohl noch nicht Mai - sich im noch jungen Jahr im
Kinosessel zu fläzen und die vielen guten Schweizer Produktionen auf der
Leinwand zu geniessen; fiktionale und dokumentarische. Auffällig ist,
dass es häufig um starke Frauenfiguren und ihre Familien geht: Neben
Kaspar Kasics beeindruckendem Portät der schillernden US-amerikanischen
Feministin Erica Jong, brillierten in Ursula Meiers "La Ligne" Stéphanie
Blanchoud und Valeria Bruni-Tedeschi als ambivalentes
Mutter-Tochter-Gespann oder klärte uns die Journalistin Rachel M'Bon in
"Je suis noires" über strukturellen Rassismus gegenüber schwarzen
Schweizerinnen auf.
Mit "Foudre" hat die Genfer Regisseurin Carmen Jaquier nicht nur den
Filmpreis der Zürcher Kirchen am ZFF 2022 gewonnen, sondern auch im März
zwei Preise beim Schweizer Filmpreis abgeräumt. Und dies zu Recht, wie
unsere Filmexpertin Sarah Stutte meint.
Unser Film des Monats April erzählt die Geschichte weiblicher
Emanzipation und Selbstfindung, die man im gezeigten Milieu - einem
Walliser Tal um 1900 - mit seinen starren Konventionen und voll
patriarchaler Selbstgerechtigkeit kaum für möglich halten würde.
"Foudre" ist ein bildgewaltiges, beinahe mystisches Werk, das Körper und
Geist aufs Schönste verbindet.
Wir freuen uns bereits jetzt auf einen starken Schweizer Kinofrühsommer!
Herzlich grüssend,
Sarah Stutte und Natalie Fritz
FILM DES MONATS APRIL
April2023
FOUDRE
Die 17-jährige Elisabeth steht im Sommer 1900 kurz davor, ihr Gelübde im
Kloster abzulegen. Dann stirbt Elisabeths Schwester und sie muss zurück
zu ihrer Familie in ein Walliser Tal. Daheim entdeckt Elisabeth
unerwartete Seiten ihrer verstorbenen Schwester. In «Foudre» erzählt die
Genfer Regisseurin Carmen Jaquier mit überwältigenden Bildern eine
weibliche Emanzipationsgeschichte.
Die 17-jährige Elisabeth (eindringlich: Lilith Grasmug) steht im Sommer
1900 kurz davor, ihr Gelübde im Kloster abzulegen. Als ihre Schwester
Innocente unerwartet stirbt, muss die Novizin jedoch auf den Familienhof
in einem Walliser Tal zurückkehren, um in der Landwirtschaft zu helfen.
Zurück im Tal sucht Elisabeth nach der Wahrheit in Bezug auf die
Todesumstände ihrer Schwester. Doch die Eltern schweigen und bleiben so
Antworten schuldig. Dann findet Elisabeth jedoch Tagebucheinträge von
Innocente. Aus ihnen wird klar, dass ihre Schwester im Ausleben ihrer
Sexualität eine tiefe Verbindung zu Gott suchte. Das wurde in der
konservativen Dorfgemeinschaft nicht gutgeheissen.
Das Spielfilmdebüt der Genfer Regisseurin Carmen Jaquier fängt die
Rastlosigkeit einer jungen Frau ein, die mit ihren widersprüchlichen
Gefühlen in Bezug auf ihren Glauben und ihr Bedürfnis nach Zuneigung
kämpft. In visuell berauschenden Bildern wird damit die Geschichte von
weiblicher Emanzipation inmitten erdrückender Gesellschaftsnormen
erzählt.
«Foudre» wirkt zeitlos und doch sehr modern und ist dabei von einer
tiefen Mystik durchdrungen, die unweigerlich die Verse von Teresa von
Ávila ins Gedächtnis ruft. Ein kraftvoller Film voller Aufrichtigkeit,
der eine ländliche Welt zeigt, in der die Menschen mit Ängsten und
Konventionen ringen, wenn es um die eigene Identität geht. Damit macht
«Foudre» bewusst, dass sich ein tiefer Glaube und der Drang nach
Freiheit nicht ausschliessen.
Sarah Stutte, Filmjournalistin
«Foudre», Schweiz 2022; Regie: Carmen Jaquier; ProtagonistInnen: Lilith
Grasmug, Sabine Timoteo, Mermoz Melchior; Verleih: Sister Distribution;
Homepage: www.sister-distribution.ch [1]
Ab 13. April im Kino
https://www.medientipp.ch/events/foudre/
Links:
------
[1] http://www.sister-distribution.ch
Liebe Filmfreundinnen und Filmfreunde
Was bringt eine Mutter dazu, ihr Kind zu töten? Ist sie selbstsüchtig?
Ist sie krank? Oder ist sie einfach unglaublich verzweifelt? Wenn ja,
weshalb? Und wer hat letztlich schuld?
«Saint Omer» - unser Film des Monats März - wirft genau diese Fragen
auf, spürt ihnen nach und findet einige, wenn auch längst nicht alle
Antworten. Das Spielfilmdebüt der Dokumentarfilmerin Alice Diop ist ein
fesselnder Gerichtsfilm, der die Komplexität des Lebens erfasst, indem
er ein differenziertes Bild der Täterin sowie der Umstände zeichnet.
Dabei wird der Medea-Mythos im Kontext von weiblicher Selbstbestimmung,
Mutterschaft und Rassismus aus einer neuen Perspektive beleuchtet. Ein
faszinierender Film, der sein Publikum herausfordert, über die eigenen
Unzulänglichkeiten, Vorurteile und die Widersprüche des Lebens
nachzudenken.
In diesem Sinne wünschen wir Ihnen einen filmisch unbequemen aber
ansonsten sonnigen März,
Sarah Stutte und Natalie Fritz
FILM DES MONATS MÄRZ
März 2023
SAINT OMER
Eine Senegalesin ist in Frankreich des Kindsmordes angeklagt. Eine
ebenfalls senegalesische Romanautorin verfolgt den Gerichtsprozess und
versucht zu verstehen, was in der Kindsmutter vorging und was die Tat in
ihr selbst auslöst. Alice Diops Spielfilmdebüt ist eine komplexe und
aussergewöhnliche Reflexion über die Stellung der Frau, über
Mutterschaft und Rassismus.
Rama (die Genfer Schauspielerin Kayije Kagame) lebt als erfolgreiche
Buchautorin in Paris. Sie reist in die Stadt Saint Omer bei Calais, um
über einen Gerichtsprozess zu schreiben, der schon im Vorfeld hohe
Wellen geschlagen hat. In Saint Omer wird Laurence Coly (grossartig:
Guslagie Malanda) angeklagt, ihre 15 Monate alte Tochter ermordet zu
haben. Sie liess das Baby allein an einem Strand zurück, worauf es von
der Flut ertränkt wurde.
Wie Rama ist die Angeklagte senegalesischer Herkunft, gebildet und
redegewandt und noch eine Gemeinsamkeit verbindet sie: Die Entfremdung
zur eigenen Mutter. Beeindruckt von Colys unerschütterlicher
Verteidigung, die auf ihren Erfahrungen mit emotionaler Vernachlässigung
fusst, beginnt Rama während des Prozesses über ihre eigene Vergangenheit
und das Muttersein nachzudenken.
Die preisgekrönte Dokumentarfilmerin Alice Diop liefert mit ihrem ersten
Spielfilm ein geheimnisvolles, tragisches und zutiefst verstörendes
Gerichtsdrama ab. Dieses beruht auf dem wahren Fall der Senegalesin
Fabienne Kabou, deren Prozess Diop 2015 selbst besuchte.
Nicht nur den Medea-Mythos nimmt der Film auf, auch die Herkunft und
Stellung der Frau sowie Rassismus sind starke Motive, die immer wieder
subtil in die Handlung eingeflochten werden. Die Gelassenheit dieses
ruhigen Films, seine emotionale Zurückhaltung und moralische
Ernsthaftigkeit - und die angedeutete Bekenntnisdimension, die Diop
selbst betrifft - machen «Saint Omer» zu einem aussergewöhnlichen
Erlebnis.
Sarah Stutte, Filmjournalistin
«Saint Omer», FR 2022, Regie: Alice Diop, Besetzung: Kayije Kagame,
Guslagie Malanda, Aurélia Petit, Verleih: Cineworx,
http://www.cineworx.ch
Kinostart: 2. März 2023
https://www.medientipp.ch/events/saint-omer/