Liebe Filmfreundinnen und Filmfreunde
In Cannes haben sich auch dieses Jahr die Stars die Klinke in die Hand
gegeben, haben das Kino und sich selbst hochleben lassen. Dafür haben
viele weite Reisen in Kauf genommen - schliesslich leben solche Anlässe
von der Präsenz, dem zwischenmenschlichen Austausch. Dem ökologischen
Fussabdruck hingegen sind solche Events weniger zuträglich. Und auch
wenn wir alle wissen, dass wir im Allltag viel dazu beitragen könnten,
dem Klima Sorge zu tragen, so stolpern wir alle immer wieder über unsere
Bequemlichkeit und unsere Vorlieben. «Utama» von Alejandro Loayza Grisi,
unser Film des Monats, zeigt auf ganz subtile Art, welche Folgen der
Klimawandel bereits jetzt für bestimmte Lebensweisen bedeutet. Wenn das,
was Heimat war, plötzlich nicht mehr bewohnbar ist - was macht das mit
uns? «Utama» ist eine filmische Reflexion über das, was uns ausmacht,
eingefangen in beinahe übernatürlich schönen Bildern.
Wir wünschen Ihnen ein bewegendes - in vielerlei Hinsicht -
Filmerlebnis!
Eva Meienberg und Natalie Fritz
FILM DES MONATS JUNI
Juni 2022
UTAMA
ZWEI ALTE QUECHUA IM BOLIVIANISCHEN HOCHLAND LASSEN SICH AUCH VOM
KLIMAWANDEL NICHT AUS IHREM HÄUSCHEN VERTREIBEN. HEIMAT IST HEIMAT –
AUCH WENN SIE BEDROHT IST! EINE BERÜHRENDE GESCHICHTE MIT UNIVERSALEM
CHARAKTER.
«Wenn der Kondor merkt, dass er nicht mehr nützlich ist und schwach,
fliegt er auf den höchsten Berg. Dort zieht er die Flügel ein und lässt
sich fallen», erklärt Grossvater Virginio seinem Enkel aus der Stadt.
«Hat er keine Angst?» - «Hat er bestimmt», seufzt der Grossvater und
blickt in die Weite des Altiplano. Noch ahnt Enkel Clever nicht, dass
der Kondor aus der Erzählung sinnbildlich für seinen Grossvater steht.
Dieser ist schwer krank, versucht aber seine zunehmende Schwäche zu
verheimlichen. Es hat im bolivianischen Hochland keinen Platz für
Weicheier, so der Grossvater.
Virginio und seine Frau Sisa sind Quechua. Sie leben ausserhalb des
Dorfes in einem Lehmhaus, mitten im kargen Altiplano. Der Tradition
verpflichtet, halten die beiden Lamas und betreiben Ackerbau. Aber seit
über einem Jahr bleibt der Regen aus und das Wasserholen wird für die
alte Frau immer beschwerlicher. Auch die Lamas finden kaum mehr Nahrung.
Doch Virginio will partout nicht in die Stadt ziehen. Das Haus und das
Hochland sind seine Heimat («Utama»), hier lebt er, hier will er
sterben.
Alejandro Loayza Grisi erzählt seine Geschichte über die Bedrohung
traditioneller Lebensweisen, Klimakrise und Entwurzelung in
überwältigenden Bildern. Die Kamera transzendiert die
selbstverständliche Naturverbundenheit der Quechua regelrecht. Als
Zuschauer*in ist man betroffen: unser Lebensstil ist dafür
verantwortlich, dass Menschen, wie die beiden Alten, ihren Lebensraum
verlieren. Gut, dass uns dies unter die Nase oder die Augen gerieben
wird!
Natalie Fritz, Religionswissenschaftlerin und Redaktorin Medientipp
«Utama», Bolivien 2021; Regie: Alejandro Loayza Grisi; ProtagonistInnen:
José Calcina, Luisa Quispe, Santos Choque; Verleih: Trigon; Filmseite:
https://www.trigon-film.org/de/movies/utama
Ab 23. Juni 2022 im Kino
https://vimeo.com/702858327?embedded=true&source=vimeo_logo&owner=6318399https://www.medientipp.ch/events/utama/
Liebe Filmfreundinnen und Filmfreunde
«Alles neu macht der Mai, macht die Seele frisch und frei...» - so
heisst es zumindest in Hermann Adam von Kamps berühmten Gedicht. Der
Frühling erweckt alles zu neuem Leben, spendet Saft und Kraft und
vertreibt düstere Gedanken. In «Wet Sand», unserem Film des Monats, ist
der Suizid eines Dorfbewohners - der Tod also - der Beginn eines
Neuanfangs. Plötzlich brechen verkrustete Lügengebilde auf, tritt die
Wahrheit ans Licht und endlich können die Menschen frei reden und
fühlen. Insofern passt der Film bestens in die Frühlingszeit, macht er
doch deutlich, dass ein Neubeginn fast immer möglich ist. Oder wie es
bei Kamp heisst: «Waldespracht, neu gemacht nach des Winters Nacht.»
Einen hoffnungsvollen Frühlingsanfang wünschen Ihnen
Eva Meienberg und Natalie Fritz
FILM DES MONATS MAI
Mai 2022
WET SAND
IN EINEM DORF AM SCHWARZEN MEER BRINGT EIN SELBSTMORD ALTE, GUT GEHÜTETE
GEHEIMNISSE ANS LICHT UND EIN NETZ VON LÜGEN WIRD SICHTBAR.
Die Wellen, die den Sand am Ufer des Schwarzen Meeres nässen, bedecken
und wieder freigeben, eröffnen und beschliessen den Film. Vielleicht ein
Symbol dafür, wie tabuisierte Tiefendimensionen eines gesellschaftlichen
Systems aufgrund einer unerwarteten Situation an die Oberfläche kommen.
«Wet Sand», so heisst ein Strand-Café irgendwo an der Küste Georgiens.
Hier leben Menschen, die ihre eigenen Regeln definieren - und damit
schlimmstenfalls andere, die diesen nicht entsprechen, in den Tod
treiben. Amnon, der Besitzer des Cafés, darf nicht zeigen, was in ihm
vorgeht. Eliko, der Elegante, von der Dorfgemeinschaft nie Akzeptierte,
begeht Suizid. Bewegung in die gefühlskalte und sprachlose
Dorfgemeinschaft bringt Moe, die städtisch geprägte Enkelin Elikos. Dem
Häuten einer Zwiebel gleich entfaltet der Film, was in diesem Dorf über
Jahre und Jahrzehnte im Geheimen ablief. Er thematisiert das Recht auf
Liebe und das Recht zu trauern - in Verbindung mit welcher sexuellen
Orientierung auch immer.
Die georgisch-schweizerische Regisseurin Elene Naveriani (*1985) hat
einen berührenden Film geschaffen, der neben der Charakterisierung der
Persönlichkeiten durch beeindruckende Farbkomposition und Ästhetik der
Kameraführung (Aufnahmen gerinnen zeitweise fast zu Fotos) überzeugt.
Hermann Kocher, Vizepräsident Interfilm Schweiz
«WET SAND», Schweiz/Georgien 2021; Regie: Elene Naveriani;
DarstellerInnen: Gia Agumava, Eka Chavleishvili, Zaal Goguadze; Verleih:
Sister Distribution, Genève [1]
Kinostart 5. Mai 2022
https://youtu.be/u0xezpunt94https://www.medientipp.ch/events/wet-sand/
Links:
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[1] https://sister-distribution.ch
Liebe Filmfreundinnen und Filmfreunde
Kaum hat man sich an die «neue Normalität» in einer etwas
hoffnungsvolleren Pandemielage gewöhnt, als auch schon die nächste
Schreckensbotschaft eintrifft. Der Einfall Russlands in die Ukraine hat
viele von uns völlig unerwartet getroffen. Die Solidarität mit den
Ukrainer*innen ist enorm, die Angst vor einem Dritten Weltkrieg
ebenfalls. Die Gefahr einer militärischen Eskalation führt in Anbetracht
des Leides vor Ort zu einem moralischen Dilemma auf staatspolitischer
aber auch auf individueller Ebene. Eingreifen oder nicht? Wie kann man
selbst unterstützen? Was bedeuten Demokratie und freie Meinungsäusserung
und wie lassen sie sich schützen? - dies nur einige der Fragen, die
sich aktuell stellen.
Um den Schutz von Gefährdeten dreht sich auch unser Film des Monats. «La
mif» handelt von einer Ersatzfamilie (das französische «mif» steht
umgangssprachlich für famille), einem Heim für verhaltensauffällige
Jugendliche in der Westschweiz, wo Mädchen aus schwierigen Verhältnissen
ein neues Zuhause finden. Die Protagonistinnen sind Laiendarstellerinnen
und schöpfen aus ihrem Erfahrungsschatz. Das macht Fred Baillifs Film zu
einer mitreissend-emotionalen Auseinandersetzung mit dem Jugendschutz in
der Schweiz, mit Akzeptanz und Solidarität trotz allem. Der Film hat am
ZFF 2021 den Filmpreis der Zürcher Kirchen gewonnen.
In diesem Sinne wünschen wir Ihnen viel Kraft für die kommenden Tage und
Wochen, bleiben wir solidarisch - dort, wo wir können!
Herzlich
Eva Meienberg und Natalie Fritz
FILM DES MONATS MÄRZ
März 2022
LA MIF
IN EINEM HEIM FÜR VERHALTENSAUFFÄLLIGE JUGENDLICHE IN DER WESTSCHWEIZ
FINDEN MÄDCHEN AUS SCHWIERIGEN VERHÄLTNISSEN EINE NEUE FAMILIE UND
FÜHLEN SICH ENDLICH GEBORGEN. DER GENFER FILMEMACHER FRED BAILLIF HAT
MIT «LA MIF» EIN BEEINDRUCKENDES ENSEMBLESTÜCK GESCHAFFEN, IN DEM DIE
LAIENDARSTELLERINNEN MIT IHREN EIGENEN ERFAHRUNGEN UND GESCHICHTEN
GRAVIERENDE INSTITUTIONELLE UND SOZIALPOLITISCHE PROBLEME OFFENBAREN
Lora ist Leiterin eines Heims für verhaltensauffällige Jugendliche in
der Westschweiz. Nachdem dort zwei minderjährige Teenager beim Sex
erwischt wurden, kassiert sie eine Rüge und darf in der Folge nur noch
Mädchen beherbergen. Alle kommen aus schwierigen Verhältnissen, einige
sind misshandelt, missbraucht oder von Erwachsenen im Stich gelassen
worden. In diesem Heim aber finden sie Liebe, Solidarität und eine
Ersatzfamilie - la mif (fr. Umgangssprache für la famille).
Trotzdem sind Konflikte unter den Mädchen, als auch mit ihren
Betreuenden an der Tagesordnung. Unter allem brodelt Loras
unverarbeitetes Trauma, der Verlust ihrer eigenen Tochter. Das zieht ihr
langsam den Boden unter den Füssen weg und lässt die Dinge ausser
Kontrolle geraten.
Dem Genfer Filmemacher und ehemaligen Sozialarbeiter Fred Baillif ist
mit «La mif» ein explosiv-energetisches Drama gelungen. Es gewährt einen
realistischen Einblick in ein Heim, in dem das Aufsichtspersonal noch
dysfunktionaler scheint als die Insassinnen selbst. Diese werden von
jungen Laiendarstellerinnen verkörpert, die grösstenteils tatsächlich in
solchen Einrichtungen leben. Durch ihre eigenen Erfahrungen sowie
Improvisationen formen sie die Geschichten, die Baillif in starken
Einzelporträts nachzeichnet - mit einer Kamera, die immer nahe an den
Figuren bleibt. «La mif» ist ein beeindruckendes Ensemblestück, das
institutionelle Probleme offenbart und mit viel Vehemenz und
Aufrichtigkeit gespielt ist.
Sarah Stutte, Filmjournalistin
_«La mif» hat den Filmpreis der Kirchen am ZFF 2021 gewonnen._
«La mif», Schweiz 2021, Regie: Fred Baillif, Besetzung: Claudia Grob,
Anaïs Uldry, Kassia Da Costa, Verleih: Aardvark Film Emporium,
www.aardvarkfilm.com
Kinostart: 17. März 2022
https://www.youtube.com/watch?v=CZaOMCCQQCghttps://www.medientipp.ch/events/la-mif/
Liebe Filmfreundinnen und Filmfreunde
Die letzten Tage waren ziemlich frühlingshaft - zumindest im
schweizerischen Mittelland - und die Aussicht auf ein baldiges «Back to
Normal» verstärkt das Gefühl von Neuanfang und Aufbruch.
Um einen Neuanfang geht es auch bei unserem Film des Monats Februar.
Allerdings empfindet die junge Protagonistin von «Ninjababy» das Leben,
das in ihrem Bauch heranwächst, eher als Bedrohung, denn als Beginn von
etwas Neuem. Ein Kind passt im Moment so gar nicht in ihr Lebenskonzept.
Als kreative Frau sucht sie einen ganz eigenen Weg, mit sich, dem Kind
und den gesellschaftlichen Erwartungen ins Reine zu kommen.
«Ninjababy» ist ein humorvoller und zugleich sensibler Film zum Thema
Mutterschaft und Familie, der Idealvorstellungen und Genderrollen
hinterfragt ohne dabei moralisch zu werten.
Mit herzlichen Grüssen
Eva Meienberg und Natalie Fritz
FILM DES MONATS FEBRUAR
Februar 2022
NINJABABY
DIE 23-JÄHRIGE RAKEL MALT SICH IHRE ZUKUNFT AUS: ASTRONAUTIN ODER
BIERVERKOSTERIN WÄREN TOLL – NUR JA NICHT MUTTER! DOCH NUN IST SIE IM
SECHSTEN MONAT... IN IHRER VERZWEIFLUNG ZEICHNET SIE IHR «NINJABABY» UND
REIFT WÄHREND DER SCHWANGERSCHAFT ZUR VERANTWORTUNGSVOLLEN FRAU
Astronautin, Bierverkosterin, Comiczeichnerin - einige Lebensentwürfe,
die Rakel tagträumt. Mutter werden steht nicht auf ihrer Liste. Es ist
ein Schock, als die 23-jährige Grafikdesign-Aussteigerin entdeckt, dass
sie schwanger ist. «Das ist Norwegen. Ich kann abtreiben», sagt sie und
fährt in die Klinik. Dort wird ihr jedoch eröffnet, dass sie schon im
sechsten Monat ist und nicht jede schwangere Frau einen Bauch bekommt.
Rakel, verzweifelt-zornig über ihr Schicksal, zeichnet ihr ungeborenes
Baby auf ein Blatt Papier, stattet es mit einer Zorro-Maske aus und gibt
ihm den Spitznamen Ninjababy. Dieses scheint während der turbulenten
Schwangerschaft der Kritzelei zu entsteigen und zwingt die
unentschlossene Rakel dazu, zum ersten Mal in ihrem Leben Entscheidungen
zu treffen.
Das Baby möchte sie nicht behalten, aber wem soll sie es geben? Ihrer
älteren Halbschwester Mie, die sich sehnlichst ein Kind wünscht? Oder
Adoptiveltern, bei denen sich Rakel nicht sicher sein kann, dass
darunter keine «pädophilen Nazis sind»?
Die Komödie der norwegischen Regisseurin Yngvild Sve Flikke erzählt von
einem urkomisch-ehrlichen Reifeprozess. Der bissige Humor und der offene
Ton lassen die Figuren sehr authentisch erscheinen. Dazu passen die
spritzigen Animationen von Inga Sætre, auf deren Graphic Novel
«Fallteknikk» der Film basiert. Flikke bürstet die Geschichte über das
Kinderkriegen konsequent gegen den Strich und kratzt damit am
überstilisierten Mutterbild.
Sarah Stutte, Filmjournalistin
«Ninjababy», Norwegen 2021, Regie: Yngvild Sve Flikke, Besetzung:
Kristine Kujath Thorp, Nader Khademi, Arthur Berning, Verleih: Xenix,
www.xenixfilm.ch [1]
Kinostart: 3. Februar 2022
https://vimeo.com/575831180https://www.medientipp.ch/events/ninjababy/
Links:
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[1] http://www.xenixfilm.ch
Liebe Filmfreundinnen und Filmfreunde
Wir wünschen Ihnen von Herzen einen guten Start ins neue Jahr. Wir
hoffen ganz fest, dass sich im 2022 die pandemische Situation nach und
nach beruhigt und ein Miteinander - wie wir es uns von früher gewohnt
waren - wieder möglich wird.
Austausch, Kommunikation und die Kraft der Sprache stehen auch in
unserem Film des Monats Januar im Zentrum. «Drive My Car» macht auf eine
sehr poetische Weise deutlich, welch heilsame Wirkung Sprache und Kunst
haben, wie sie zu Vergebung, Resilienz und neuen Perspektiven anregen
können. Ein hoffnungsvoller Film für einen hoffnungsvollen Start in
eine neues Jahr.
Mit den besten Wünschen für 2022
Eva Meienberg und Natalie Fritz
FILM DES MONATS JANUAR
Januar 2022
DRIVE MY CAR
EIN THEATERREGISSEUR VERSUCHT DEN VERLUST SEINER FRAU MIT EINER NEUEN
BERUFLICHEN HERAUSFORDERUNG ZU BEWÄLTIGEN. WÄHREND DER ARBEIT AN «ONKEL
WANJA» LEHRT UND LERNT ER, WIE KUNST UND SPRACHE BARRIEREN ÜBERWINDEN
KÖNNEN UND DADURCH VERGEBUNG UND AKZEPTANZ MÖGLICH WIRD
Der Theaterregisseur Yûsuke verliert seine Frau inmitten einer
Beziehungskrise. Er hofft, den Schicksalsschlag mit einer neuen
beruflichen Herausforderung überwinden zu können. Yûsuke, der sich auf
experimentelle Inszenierungen mit Schauspielern aus verschiedenen
Sprachräumen spezialisiert hat, nimmt das Angebot an, in Hiroshima mit
einer neuen Gruppe Tschechows «Onkel Wanja» einzustudieren.
Yûsuke geht es beim Theater um die kleinen Momente, in denen zwischen
den Schauspielenden und dem Publikum «etwas passiert». Diese Methode
erklärt er nach einer Szene zwischen einer Chinesisch und einer in
koreanischer Zeichensprache sprechenden Darstellerin.
Der Film zeigt sehr zurückhaltende und beherrschte Menschen, die sich
nur langsam öffnen. Die Momente, in denen die Emotionen durchbrechen,
sind umso überwältigender. Die sich allmählich entwickelnde Nähe
zwischen Yûsuke und seiner Fahrerin Misaki, kann symbolisch für das
Aufbrechen der Sprachlosigkeit in den gezeigten Beziehungen gedeutet
werden.
«Drive My Car» zeichnet sich aus durch das poetische Nachdenken über die
heilende Kraft von Kunst und Worten, die Vergebung und Akzeptanz
ermöglichen. Der Film inszeniert mit eindrücklichen Bildern die
Botschaft, dass Sprache und künstlerisches Schaffen bestehende
Kommunikationsbarrieren - wie Konventionen, soziale Klasse, Nationalität
oder Behinderung - überwinden können.
«Drive My Car» gewann in Cannes den Preis für das Beste Drehbuch und den
Preis der Ökumenischen Jury [1].
Ingrid Glatz, Co. Präsidentin Interfilm Schweiz
«Drive My Car» (Doraibu mai kâ), Japan 2021; Regie: von Ryûsuke
Hamaguchi; ProtagonistInnen: Hidetoshi Nishijima, Toko Miura, Reika
Kirishima; Verleih: Sister Distribution; Webseite:
https://sister-distribution.ch/; Filmwebseite:
https://sister-distribution.ch/drive_my_car/
Ab 6. Januar 2022 im Kino
https://www.youtube.com/watch?v=P-7w9_0lufI&feature=emb_imp_woythttps://www.medientipp.ch/events/drive-my-car/
Links:
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[1]
https://www.inter-film.org/festivals/festival-de-cannes/74th-festival-de-ca…
Liebe Filmfreund*innen
Entgegen allen Hoffnungen begleiten uns Masken und Teststäbli auch heute
noch. Die Pandemie ist leider noch längst nicht überwunden. Da sind
sogenannt «kleine Fluchten» umso wichtiger. In Kino beispielsweis!
Auch in Pedro Almodóvars neuestem Spielfilm «Madres paralelas» spielen
Speicheltests eine gewichtige Rolle; allerdings nicht zum Nachweis eines
Virus, sondern einer Mutterschaft. Mütter und Familienbande sind seit
jeher das grosse Thema im Œuvre des spanischen Filmemachers. Auch in
«Madres paralelas» spürt er äusserst gekonnt der Frage nach, was
Muttschaft und Familie denn ausmacht. Almodóvar präsentiert keine
eindeutigen Antworten, vielmehr macht er deutlich, dass das Gefühl
familiärer Verbundenheit oder mütterliche Fürsorge und Liebe nicht an
biologische Tatsachen gebunden sind. Familie ist, wer füreinander da ist
- unter allen Umständen. Und «Mutterschaft» bedeutet in Almodóvars
Kosmos in erster Linie Hingabe - die ist weder geschechtsspezifisch noch
biologisch begründet. Ein hochpolitisches Statement in einem
hochemotionalen Spielfilm, der gerade vor Weihnachten, der Zeit der
Familie, wohl niemanden kalt lässt.
In diesem Sinne wünschen wir Ihnen eine besinnliche Adventszeit und
frohe Festtage
Eva Meienberg und Natalie Fritz
FILM DES MONATS DEZEMBER
Dezember 2021
MADRES PARALELAS
ZWEI FRAUEN BEKOMMEN ZUR GLEICHEN ZEIT IM SELBEN SPITAL IHRE TÖCHTER.
MONATE SPÄTER TREFFEN SIE SICH WIEDER. DURCH DRAMATISCHE UMSTÄNDE SIND
SIE WEITAUS ENGER MITEINANDER VERBUNDEN, ALS SIE ERAHNEN KÖNNEN... MIT
«MADRES PARALELAS» HAT PEDRO ALMODÓVAR EINE HOCHEMOTIONALE HOMMAGE AN
ALLE MÜTTER UND DIE FAMILIE INSZENIERT – SO DIVERS UND UNGEWÖHNLICH SIE
AUCH SEIN MÖGEN!
Stolz zeigt Janis dem Kindsvater Arturo ihr kleines Töchterchen. Dieser
zweifelt aber an seiner Vaterschaft. Janis ist irritiert. Und obwohl sie
weiss, dass nur Arturo als Vater infrage kommt, beginnt sie, ihre
Tochter ganz genau zu beobachten. Schliesslich macht Janis einen
Mutterschafts-Test, der die unabhängige und selbstsichere Fotografin
völlig aus der Bahn wirft. Wie konnte das sein? Was ist passiert?
Langsam fügen sich in Janis Ahnungen und Verdachtsmomente zu einem Bild
zusammen...
Die blutjunge Ana verliert ihre kleine Tochter. Plötzlicher Kindstod.
Sie rappelt sich auf und verlässt ihr Elternhaus, um endlich
selbstständig zu leben. Zufällig treffen sich Ana und Janis. Die beiden
kennen sich bereits. Sie haben ihre Töchter im selben Spital zur
gleichen Zeit zur Welt gebracht. Beide Babys wurden direkt nach der
Geburt zur Beobachtung weggebracht. Janis verunsichert die Begegnung
nachhaltig. Was, wenn...?!
Pedro Almodóvar beschäftigt sich in «Madres paralelas» wiederum äusserst
kunstvoll und vielschichtig mit seinem Lieblingsthema Mutterschaft und
Familie. Gekonnt verbindet der spanische Regisseur die Frage nach
«wahrer» Mutterschaft mit dem historischen und soziopolitischen Problem,
was Familie und Verbundenheit ausmacht. Almodóvar zeigt auf, dass
«Familie» im Alltag viel diverser ist - und immer schon war -, als uns
das klassisch christliche Ideal der «Kernfamilie» glauben macht. Eine
hochemotionale Reise in die Welt der biologischen und der
Wahlverwandtschaften.
Natalie Fritz, Religionswissenschaftlerin und Redaktorin Medientipp
«Madres paralelas» (Parallele Mütter), Spanien 2021; Regie: Pedro
Almodóvar; DarstellerInnen: Penélope Cruz, Milena Smit, Rossy de Palma
Verleih: Pathé Films AG; Webseite: https://www.pathefilms.ch/;
Filmwebseite: https://www.pathefilms.ch/catalog/madres-paralelas/
Ab 16. Dezember 2021 im Kino
https://www.youtube.com/watch?v=AUJ4cd8QOOohttps://www.medientipp.ch/events/madres-paralelas/
Liebe Filmfreundinnen und Filmfreunde
Naomi Kawase ist eine Regisseurin, die sich immer wieder mit dem Thema
Familie und Beziehungsgeflechte auseinandergesetzt hat. Familie, das
wird bei Kawase schnell deutlich, ist ein Gefühl und hat aus ihrer Sicht
nur teilweise mit Genetik und Verwandtschaft zu tun. Insofern passt
«True Mothers» wunderbar in den kalten und nebligen November, wo wir uns
nach Wärme und Geborgenheit sehnen. Denn der Film nimmt dieses
melancholische Herbstgefühl zwar auf, durchbricht es aber immer wieder
mit strahlenden Momenten der Zusammengehörigkeit und Nähe.
Der Film erhielt am diesjährigen «Festival International de Films de
Fribourg» (FIFF) den Preis der Ökumenischen Jury,
https://www.inter-film.org/festivals/festival-international-de-films-de-fri….
Herbstsonnige Grüsse
Eva Meienberg und Natalie Fritz
FILM DES MONATS NOVEMBER
November 2021
TRUE MOTHERS
DIE ADOPTIVELTERN DES KLEINEN ASATO WERDEN PLÖTZLICH DAMIT KONFRONTIERT,
DASS DIE LEIBLICHE MUTTER IHREN SOHN ZURÜCKHABEN MÖCHTE. DOCH IST DIE
FRAU TATSÄCHLICH ASATOS MUTTER? UND WAS BEDEUTET MUTTERSEIN EIGENTLICH?
Satoko und Kiyokazu sind ein glücklich verheiratetes Ehepaar, das keine
Kinder bekommen kann und sich deshalb zur Adoption entschliesst. Sie
erfahren von einer Agentur, die ungewollte Babys an kinderlose Paare
vermittelt.
Nach einiger Zeit können sie einen kleinen Jungen bei sich aufnehmen,
den sie Asato nennen. Seine leibliche Mutter ist die 14-jährige Hikaru,
die sich sehr um ihr Baby sorgt und Satoko bei der einzigen Begegnung
nach der Geburt einen Brief an ihren Sohn mitgibt. Fünf Jahre später
bekommt Satoko einen Anruf von einer Frau, die behauptet Hikaru zu sein
und ihren Sohn zurückhaben will.
Auch wenn die Handlung auf einem Roman der Krimiautorin Mizuki Tsujimura
basiert, trägt das berührende Drama die Handschrift von Regisseurin
Naomi Kawase. Sie setzt sich hier einmal mehr mit dem Thema Familie
auseinander sowie ihrer eigenen Erfahrung als Kind, das von den Eltern
verlassen wurde.
Kawases Erzählung beginnt bei Satoko und Kiyokazu und wechselt dann zur
Perspektive von Hikaru. Dabei erfährt der Zuschauer, wie traumatisch die
Ereignisse für sie waren. Von der Erzählstruktur über die
schauspielerischen Leistungen bis zur visuellen Ästhetik -
halb-dokumentarische Einschübe oder poetische Aufnahmen, die die
Leinwand in ein strahlendes Sonnenlicht tauchen, während der Wind durch
die Äste weht - ist der melancholische Film ein Erlebnis, sensibel
erzählt, nachdenklich stimmend darüber, was das Muttersein ausmacht und
mit einem überraschenden Ende.
Sarah Stutte, Filmjournalistin
«True Mothers», Japan 2020, Regie: Naomi Kawase, Besetzung: Hiromi
Nagasaku, Aju Makita, Arata Iura, Verleih: Filmcoopi, www.filmcoopi.ch;
Filmwebseite: https://www.filmcoopi.ch/fr/movie/true-mothers
Kinostart: 25. November 2021
https://www.youtube.com/watch?v=FJaMPAVx-Ykhttps://www.medientipp.ch/events/true-mothers/
Liebe Filmfreundinnen und Filmfreunde
Und plötzlich werden die Abende wieder kühler und dunkel wird es sowieso
schon viel zu früh. Es herbstelt. Gerade wird der Mais eingebracht,
Äpfel und Kürbisse leuchten verführerisch um die Wette. Am Sonntag
feierten wir Erntedank - und auch cineastisch ist das Jahresende reich
bestückt ;) Ein vielfältiges Film-Angebot wartet nur darauf, von uns
allen durchkämmt, geschaut und besprochen zu werden.
Mit «Nachbarn» präsentiert Mano Khalil einen berührenden Spielfilm über
seine Heimat Syrien. Nach den dokumentarischen Einblicken in den
Schweizer Alltag in «Unser Garten Eden» oder «Der Imker», verarbeitet
der Filmemacher nun seine eigenen Kindheitserinnerungen an das Leben in
einer Diktatur. Der Bezug zur desaströsen, syrischen Gegenwart ist
leider gegeben - aber wie immer bei Khalil blitzt auch in «Nachbarn»
Hoffnung auf. Hoffnung, die gerade in der dunkleren Jahreszeit gut tut.
Herzlich
Eva Meienberg und Natalie Fritz
FILM DES MONATS OKTOBER
Oktober 2021
NACHBARN
SERO IST ZEUGE, WIE SICH IN SEINEM DORF DIE ZEICHEN ÄNDERN. AN DER
TÜRKISCH-SYRISCHEN GRENZE NIMMT DER DRUCK DES ASSAD-REGIMES ZU. MANO
KHALIL ERZÄHLT DIE GESCHICHTE SEINER KINDHEIT UND DIE TRAURIGE
GESCHICHTE EINES SICH ANBAHNENDEN KRIEGES
Ein Dorf an der türkisch-syrischen Grenze. Zu Beginn der 1980er-Jahre
ist es noch weitgehend verschont von den sich radikalisierenden
Ideologien der Assad-Diktatur. Hier leben Menschen verschiedenster
Herkunft und religiöser Überzeugungen harmonisch zusammen. Für den
sechsjährigen kurdischen Jungen Sero ist das erste Schuljahr jedoch eine
schwierige Zeit, die ihn für immer verändern wird. Denn die
nationalistische Gesinnung seines Lehrers, die mit den friedfertigen
Ansichten der Stadtbewohner kollidiert, erschüttert Seros Gewissheiten.
Der kurdisch-schweizerische Regisseur Mano Khalil richtet den Blick
einmal mehr auf seine Heimat Syrien und den Konflikt, der das Land
erschöpft. Diesmal schaut er durch die Augen eines Jungen und erzählt
die Geschichte seiner Kindheit. In Qamishli, wo die Geschichte spielt
und gedreht wurde, ist Mano Khalil aufgewachsen.
Anhand vieler kleiner Alltagssituationen illustriert er eindrücklich,
wie der Argwohn langsam wächst und die Beziehungen der Menschen
untereinander zerstört. «Vielleicht stimmt es ja doch, dass die Juden
mit Kinderblut backen», denkt Sero und rührt den Kuchen nicht mehr an.
Diese unsichtbare Gefahr, die in den Worten lauert und sich in die
Gedanken frisst, ist die Wurzel des späteren Hasses. Trotzdem schwingt
in «Nachbarn» auch immer die Leichtigkeit des Lebens mit und die
Hoffnung, dass sich die Menschen eines Tages wieder mit Respekt und
Liebe begegnen.
Sarah Stutte, Filmjournalistin
«Nachbarn», Schweiz 2021, Regie: Mano Khalil, Besetzung: Serhed Khalil,
Jalal Altawil, Jay Abdo, Verleih: Frenetic, www.frenetic.ch [1]
Kinostart: 14. Oktober 2021
https://youtu.be/d7nsYFpv5e8https://www.medientipp.ch/events/nachbarn/
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[1] https://www.frenetic.ch/
Liebe Filmfreundinnen und Filmfreunde
Der goldene Spätsommer erscheint dieses Jahr etwas weniger glänzend: In
Afghanistan herrscht Chaos und Zerstörung und dies fast exakt 20 Jahre
nach dem Einmarsch der amerikanischen Truppen. Der 11. September 2001
war für viele von uns ein einschneidender Moment. Plötzlich wurde auch
in der Schweiz über die politische Seite von Religion diskutiert, über
Radikalisierung und wie es dazu kommen kann. Eigentlich eine wichtige
Debatte - wenn sie denn sachlich und nicht polemisch geführt wird.
Unser Film des Monats, «Notturno», vermittelt uns intime Einblicke in
den Alltag von Menschen, die in kriegsversehrten Gebieten (über)leben
müssen. Gianfranco Rosi tut dies - wie bereits im Siegerfilm der
Berlinale von 2016, «Fuocoammare» - mit einer gewissen Distanz und ohne
zu werten. Die gezeigten Bilder sind wunderschöne Tableaus, die die
katastrophalen Umstände vor Ort maximal kontrastieren. Ein
eindringlicher Dokumentarfilm, der nicht einfach den Schmerz der
Menschen zeigt, sondern vor allem ihre Würde und Resilienzfähigkeit
hervorhebt.
In diesem Sinne hoffen wir auf Besserung!
Herzlich
Eva Meienberg und Natalie Fritz
FILM DES MONATS SEPTEMBER
September 2021
NOTTURNO
GIANFRANCO ROSIS DOKUMENTARFILM ZEIGT INTIME EINSICHTEN IN DEN ALLTAG
VON MENSCHEN, DIE IN KRIEGSGEBIETEN LEBEN. DIE EINZELNEN SCHICKSALE
VERWEBEN SICH NACH UND NACH ZU EINEM MOSAIK ÜBER SCHMERZ, WÜRDE UND
RESILIENZ. EIN EINDRÜCKLICHES WERK!
«Ich spüre deine Gegenwart, wenn ich diese Wand berühre», klagt eine
ältere Frau in schwarz und streicht über rauen Beton. Sie betrauert den
gewaltsamen Tod ihres und vieler anderer Söhne im Krieg.
Auf einem Dach turtelt ein verliebtes Pärchen, während im Hintergrund
Maschinengewehrsalven zu hören sind.
Ein Junge versucht in der Dämmerung Vögel oder sonstiges Getier zu
erlegen, um damit die vaterlose Familie zu ernähren.
Wir befinden uns im Krieg. Nicht unmittelbar an der Front, aber in vom
Krieg zerstörten Grenzgebieten in Syrien, Kurdistan, Irak und Libanon.
Zwar sind Verwüstung, Trauer und Mangel als Nachwirkungen der
Katastrophe überall sicht- und spürbar, nichtsdestotrotz besteht eine
gewisse Normalität. Den Menschen hier ist Schreckliches widerfahren,
dennoch leben und lieben sie - und sie leisten Widerstand. Auf
unterschiedliche Weise. Die Peschmerga-Soldatinnen verteidigen ihre
Werte mit Waffen gegen den IS. In einer Psychiatrie werden die Traumata
in einem Theaterstück aufgearbeitet und in der Kunsttherapie für
jesidische Kinder wird Resilienz mit Papier und Stiften gefördert.
Gianfranco Rosis Dokumentarfilm ist ein Mosaik intimer Alltagsszenen aus
kriegsversehrten Gebieten im Nahen Osten. Die wunderschön komponierten
Bilder stehen in einem markanten Gegensatz zur humanitären Katastrophe,
die gezeigt wird. Diese Dissonanz unterstreicht die Einsicht, dass
Menschen fähig sind, auch unter schwierigsten Umständen ihre Würde zu
bewahren und die Hoffnung nicht aufzugeben.
Natalie Fritz, Religionswissenschaftlerin und Redaktorin Medientipp
«Notturno», Italien/Frankreich/Deutschland 2020; Regie: Gianfranco [1]
Rosi; Verleih: Xenix Filmdistribution GmbH, www.xenixfilm.ch,
Filmwebseite: http://www.xenixfilm.ch/de/film_info.php?ID=12007
Ab 23. September 2021 im Kino
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Liebe Filmfreundinnen und Filmfreunde
Der Sommer fällt bei uns ja buchstäblich ins Wasser - wobei wir ja noch
mit einem hellblauen Auge davongekommen sind, wenn wir die Lage in
anderen Ländern betrachten... Doch heute möchten wir den Blick auf ein
Thema lenken, dass ebensowenig vergessen oder totgeschwiegen werden darf
wie die Folgen des fortschreitenden Klimawandels: Kriegsverbrechen und
-traumata sowie Vergebung. Als Film des Monats August empfehlen wir
Jasmila Žbanićs "Quo vadis, Aida?". Die Regisseurin arbeitet darin das
Massaker von Srebrenica auf und zwar aus der Sicht der
Blauhelm-Übersetzerin und ehemaligen Lehrerin Aida. Diese erlebt am
eigenen Leib, wie sich während des Kriegs Nachbarn zu Feinden und
Menschen in Monster verwandeln. Dennoch kehrt sie nach Kriegsende
zurück, um den nachfolgenden Generationen ein Vorbild in Sachen
Vergebung und Hoffnung zu sein. Für die Kinder ihrer Schulklasse eine
Überlebende, die statt Rache Versöhnung fordert, für die Täter ein
lebendes Mahnmal für ihre Gräueltaten. Grosses Kino, das starke Nerven
braucht aber eine Haltung vertritt, die wichtiger ist denn je!
Mit feucht-sommerlichen Grüssen
Eva Meienberg und Natalie Fritz
FILM DES MONATS AUGUST
August 2021
QUO VADIS, AIDA?
AIDA IST ÜBERSETZERIN FÜR DIE UN-BLAUHELME. IN DEN VERHANDLUNGEN WIRD
IHR KLAR, WAS AUF SREBRENICA ZUKOMMEN KÖNNTE. SIE SETZT ALLES DARAN,
IHRE FAMILIE ZU RETTEN
Aida sitzt mit Kommandant Karremans und Major Franken am
Verhandlungstisch. Sie übersetzt die Beschwichtigungen der
niederländischen UNO-Blauhelme. Zigarettenrauch schwängert die Luft aber
nicht deswegen kann man kaum atmen. Die Zeit drängt. Die serbische Miliz
steht vor Srebrenica, Granaten schlagen ein. Karremans hat
Luftunterstützung von der NATO angefordert. Eine Frage der Zeit, bis die
Flugzeuge kommen.
Aida nützt ihren Informationsvorsprung, um ihre beiden Söhne und ihren
Mann in das UN-Camp zu schleusen, sie fälscht Listen, besticht Soldaten
und widersetzt sich den Befehlen der Militärs. Doch sie führt einen
Kampf, der nicht zu gewinnen ist. Egal, wie sie sich entscheidet, sie
verliert. So geht Krieg.
Die Flugzeuge sind nie eigetroffen. Karremans blieb alleingelassen mit
25'000 Flüchtenden vor dem UN-Camp in Potočari. Am 11. Juli 1995 begann
das Massaker von Srebrenica, mehr als 8000 Männer und Jungen wurden bei
diesem Völkermord getötet.
Jasmila Žbanić hat in ihrem Kriegsfilm die Ereignisse um das Massaker
authentisch nachgezeichnet. Sie wirft ein Schlaglicht auf Aida. Ein
Individuum in dieser Masse von Menschen, die den serbischen Schergen
hilflos ausgeliefert waren. Eine Frau von tausenden, die ihren Mann und
ihre Söhne aus den Augen verlor, um sie dann jahrelang zu suchen.
Aida hätte allen Grund zu hassen, als sie nach dem Krieg nach Srebrenica
zurück kommt. Aber sie hasst nicht. Sie unterrichtet die Kinder in der
Schule. Die Kinder der Opfer und die, der Täter.
Eva Meienberg, Redaktorin Medientipp
«Quo vadis, Aida?», Bosnien 2020, Regie: Jasmila Žbanic, Besetzung:
Jasna Ðuricic, Izudin Bajrovic, Boris Ler; Verleih: Cineworx, Internet:
https://cineworx.ch/jetzt-im-kino/, Filmwebsite:
https://cineworx.ch/movie/quo-vadis-aida/
Kinostart: 5. August 2021
https://vimeo.com/577089428https://www.medientipp.ch/events/quo-vadis-aida/