Liebe Filmfreundinnen und Filmfreunde
Während der Pandemie wurde immer wieder von Solidarität und
Nächstenliebe mit den vulnerablen Mitmenschen gesprochen. Man trägt
Maske aus Rücksicht, man lässt sich Impfen, um niemanden zu gefährden.
Kurzum - man versucht, auf die Bedürfnisse der anderen einzugehen und
nicht nur an sich selbst zu denken. Dabei rückte die Sorge um unsere
Lebensgrundlage, unseren einmaligen Planeten, etwas in den Hintergrund.
Die Klimajugend konnte nur noch virtuell demonstrieren und die
ÖV-Benutzung wurde aus Angst vor einer Ansteckung massiv reduziert.
Unser Film des Monats Juli legt im Sinne Hans Jonas' das Augenmerk auf
die «Fernstenliebe», die Sorge um die nächste Generation und ihre
Ressourcen. «Wer wir waren» wirft einen kritischen Blick auf den
Ist-Zustand der Welt und kreiiert gleichzeitig eine hoffnungsvolle
Zukunftsvision.
In diesem Sinne wünschen wir Ihnen einen «nachhaltigen» Kino-Sommer
Eva Meienberg und Natalie Fritz
FILM DES MONATS JULI
Juli 2021
WER WIR WAREN
SECHS HOFFNUNGSVOLLE BLICKE AUS DER ZUKUNFT AUF UNSERE WELT, DIE UNTER
DEN UNGEHEUERLICHKEITEN DER MENSCHEN ÄCHZT, ZEIGT DER NEUE FILM VON MARC
BAUDER
"Es gibt unglaublich viel ungeheuerliche Dinge und das Ungeheuerlichste
davon ist der Mensch", sagt Janina Loh. Sie steht im Schutzanzug mit
Atemmaske in einem verwüsteten Schulzimmer in Fukushima.
"Wir müssen eine menschliche Gemeinschaft schaffen und ein "globales
Wir"", Felwine Sarr steht am Ufer der senegalesischen Insel Dionewar,
deren Ufer vom steigenden Meeresspiegel geschluckt wird.
"Wenn wir den Planeten zerstören, dann ist es vorbei mit uns. Dann endet
die Geschichte der Menschheit", sagt Alexander Gerst auf der ISS, der
internationalen Raumstation. Aus seiner Perspektive sehen wir unseren
blauen Planeten als gigantische Kugel in einem tiefdunklen All.
Janina Loh, Alexander Gerst und Felwine Sarr sind drei von sechs
Wissenschaftlerinnen, denen wir im Film von Marc Bauder begegnen.
Auf der Vorlage des letzten unvollendeten Buches von Roger Willemsen,
blickt Bauder aus einer fiktiven Zukunft auf uns Menschen. Die fiktive
Zukunft kreierte er aus den Zukunftsideen der sechs Protagonisten.
Der Film konfrontiert uns schonungslos mit dem Zustand der Welt und
weckt gleichzeitig das Gefühl, es sei noch nicht das Ende der Geschichte
dieses ungeheuerlichen Menschen auf seinem einzigen Planeten.
Eva Meienberg, Redaktorin Medientipp
«Wer wir waren», Deutschland 2021, Regie: Marc Bauder, Besetzung:
Alexander Gerst; Janina Loh, Felwine Sarr; Verleih: Filmcoopi, Internet:
https://www.filmcoopi.ch/, Filmwebsite:
https://www.filmcoopi.ch/movie/wer-wir-warenhttps://youtu.be/sjG5aDWgxTkhttps://www.medientipp.ch/events/wer-wir-waren/
Liebe Filmfreundinnen und Filmfreunde
Was bedeutet Heimat? Was heisst es, sich mit einem Ort verbunden zu
fühlen, Teil eines Fleckchen Erdes, einer Gemeinschaft zu sein? Während
der Pandemie wurde der Begriff "Zugehörigkeit" teilweise arg
strapaziert: Ist man zugehörig zu einer vorsichtigen oder "sorglosen"
Nation - stets verbunden mit dem Dekret, wie und ob man ein- oder
ausreisen darf? Fühlt man sich zu den Skeptikern oder den Befürwortern
von Massnahmen zugehörig? Und, und ... Mit Zugehörigkeit im Sinne von
"sich aufgehoben und sicher fühlen", mit dem Gefühl von Heimat, hatte
das Ganze aber meist nur am Rande zu tun - und wenn, dann hauptsächlich
im Rahmen eher polemischer Abgrenzungspolitik.
Seit die Kinos wieder offen sind, können gleich mehrere, ganz
unterschiedliche Filme zum Thema "Heimat" im Kino visioniert werden: die
Dokfilme "Kleine Heimat" über die Gentrifizierung und "Arada" über
ausgeschaffte Schweiztürken oder ab Ende Juni der Spielfilm "This is not
a Burial, it's a Resurrection". Dieser Augenschmaus aus Lesotho sollten
Sie sich keinesfalls entgehen lassen. Eine - im wahrsten Sinne des
Wortes - wundersame Geschichte über eine alte Frau, die genauso Teil
ihres Bergdorfes ist, wie das Dorf Teil von ihr ist. Sie ist aus dieser
Erde und will auch in diese Erde zurückkehren.
Wer sich auf diesen Film einlässt, wird reich belohnt.
Mit frühsommerlichen Grüssen
Eva Meienberg und Natalie Fritz
FILM DES MONATS JUNI
Juni 2021
THIS IS NOT A BURIAL, IT’S A RESURRECTION
EINE ALTE WITWE MÖCHTE NACH DEM TOD IHRES EINZIGEN SOHNES NUR NOCH
STERBEN. ABER EIN BAUVORHABEN, BEI DEM IHR DORF MITSAMT FRIEDHOF
ÜBERFLUTET WERDEN SOLLEN, LÄSST SIE AUFSTEHEN UND WIDERSTAND LEISTEN
Mantoa ist verzweifelt. Für die 80-jährige Witwe bricht eine Welt
zusammen, als ihr einziger Sohn an Weihnachten nicht heim zu ihr nach
Nazareth kehrt. Nazareth in Lesotho, nicht in Israel. Mantoas Sohn ist
in der Fremde verstorben. Die alte Frau hat nun nichts mehr, wofür es
sich zu leben lohnt. Sie beginnt, ihre eigene Beerdigung zu planen. Doch
der Tod will nicht kommen - so sehr sie sich das auch wünscht.
Dann erfährt Mantoa, dass das ganze Dorf wegen eines Stauseeprojektes
umgesiedelt werden soll. Ihr Heimatdorf einfach ausgelöscht! Der
Friedhof geflutet und mit ihm alle geliebten Verstorbenen?! Niemals! Die
alte Frau zeigt sich widerspenstig und organisiert den Widerstand gegen
das Bauvorhaben. Mantoas Auferstehung aus Trauer und Verzweiflung
animiert die Dorfbewohner ...
«This is not a Burial, it's a Resurrection» von Lemohang Jeremiah Mosese
ist eine visuelle Perle. Die einzelnen Einstellungen wirken wie Gemälde,
durchkomponiert und in ihrer Farbgestaltung überwältigend. Das Gesicht
der Protagonistin ist ebenso «schön zerfurcht» wie die die Landschaft.
Ihre Verbundenheit mit dem Ort hat etwas Physisches. Sie ist ebenso Teil
dieses Flecken Erde, wie der Ort von ihr.
«Meine Nabelschnur ist auf dem Friedhof begraben. Und die meiner
Mutter», erklärt Mantoa dann auch ihren Einsatz für den Erhalt des
Dorfes. Das Dorf bedeutet Heimat und Familie - tote Mitglieder
eingeschlossen. Es bedeutet Herkunft und Zukunft zugleich. Etwas, wofür
es sich zu kämpfen lohnt.
Natalie Fritz, Religionswissenschaftlerin und Redaktorin Medientipp
«This is not a Burial, it's a Resurrection», Lesotho 2020; Regie:
Lemohang Jeremiah Mosese; Besetzung: Mary Twala Mhlongo, Makhaola
Ndebele, Thabiso Makoto; Verleih: Trigon, www.trigon-film.org [1];
Filmseite: https://www.trigon-film.org/de/movies/this_is_not_a_burial
Ab 24. Juni 2021 im Kino
https://vimeo.com/480310765#at=0https://www.medientipp.ch/events/this-is-not-a-burial-its-a-resurrection/
Links:
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[1] http://www.trigon-film.org
Liebe Filmfreundinnen und Filmfreunde
Was wir uns letzten Monat noch nicht so recht zu hoffen trauten, ist nun
eingetroffen: in mehreren Kantonen haben die Kinos wieder geöffnet! Die
Filmauswahl ist überraschend gross und vielfältig: sie reicht vom
Fantasyspektakel WONDER WOMAN über den Dokfilm FOOTBALL INSIDE bis zu
Milo Raus Sozialkritik DAS NEUE EVANGELIUM. Ein Schweizer Werk möchten
wir Ihnen diesen Monat ans Herz legen: DAS MÄDCHEN UND DIE SPINNE von
Ramon und Silvan Zürcher. Mit grosser Detailgenauigkeit inszeniert der
Spielfilm Alltagssituationen und lässt uns an dem, was unter der
scheinbar ruhigen Oberfläche brodelt, teilhaben. Es entsteht ein
poetisches Mosaik des Menschseins, das Bruchstellen, offene Wunden,
Heilung und Hoffnung in sich vereint und als Essenz des Lebens
präsentiert.
Der Mai hat sich den Beinamen "Wonnemonat" - zumindest bei uns Cineasten
- wirklich verdient! Bleiben Sie gesund und Film ab!
Herzlich
Eva Meienberg und Natalie Fritz
FILM DES MONATS MAI
Mai 2021
DAS MÄDCHEN UND DIE SPINNE
EIGENTLICH IST ES NUR EIN UMZUG VON DER ALTEN IN EINE NEUE WOHNUNG, ABER
DAZWISCHEN LIEGEN WELTEN – BEVÖLKERT VON GESPENSTERN, TIEREN UND NORMAL
VERRÜCKTEN MENSCHEN.
Die Geschichte ist simpel. Lisa zieht aus der WG aus und lässt Mara und
Markus zurück. Ein paar Leute helfen Lisa beim Umzug. In der letzten
Nacht in der alten Wohnung findet eine rauschende Party statt.
Was aber, wenn wir bei diesem Unterfangen die Gedanken, das Begehren,
die Erinnerungen, Schmerz und Freude der Beteiligten miterleben könnten?
Dann wird die Geschichte zu einem bunten Karussell, das sich immer
schneller dreht, je mehr Figuren auftauchen: die Mutter, die mit dem
Umzugshelfer flirtet, tobende Nachbarskinder, die den Erwachsenenkosmos
aber voll im Blick haben, die alte, einsame, Katze klauende Dame vom
obersten Stock, Nora, die tagsüber schläft und nachts herumgeistert, die
schöne Pharmaassistentin von der Apotheke vis-à-vis... Nicht zu
vergessen die Spinne, der Schwämme klauende Hund und die verliebte
Katze. Und selbst die Dinge scheinen in dieser Geschichte ein Eigenleben
zu bekommen.
Ramon und Silvan Zürcher haben mit ihrem zweiten Langspielfilm ein
märchenhaftes Werk geschaffen. Man fühlt sich wie Alice, die dem
sprechenden, weissen Kaninchen durch seinen Bau ins Wunderland folgt.
Zürchers Wunderland ist voll mit Tagträumen und Fantasien gesponnen aus
dem verstrickten Beziehungsnetz ihrer Figuren.
Eva Meienberg, Redaktorin Medientipp
«Das Mädchen und die Spinne», Schweiz, 2021, Regie: Ramon & Silvan
Zürcher, Besetzung Henriette Confurius, Liliane Amuat, Ursina Lardi;
Verleih: Xenix Filmdistribution, Internet:
http://www.xenixfilm.ch/de/film_info.php?ID=12008 Filmwebsite:
https://the-girl-and-the-spider.com/
Kinostart: 13. Mai 2021
https://vimeo.com/510154365https://www.medientipp.ch/events/das-maedchen-und-die-spinne/
Liebe Filmfreundinnen und Filmfreunde
Auch dieses Jahr mussten wir Ostern wieder im Corona-Modus und mit
einigen Einschränkungen feiern. Ärgerlich, traurig und bisweilen mühsam,
aber mit einem Blick auf andere Länder und andere Lebenssituationen
relativiert sich unsere aktuelle Lage ziemlich schnell. Gut, dass es
Menschen gibt, die uns vor Augen halten, was wir alles haben:
beispielsweise eine Stimme, um unsere Rechte einzufordern oder Papiere.
Milo Rau verleiht in «Das neue Evangelium» einmal mehr denjenigen Gehör,
die kaum zu Wort kommen - weil sie nicht dürfen oder können. Dem
christlichen Ideal folgend, rückt der Film Menschen vom Rande der
Gesellschaft ins Zentrum der Aufmerksamkeit. Flüchtlinge, die in
Süditalien als illegale Landarbeiter unter unwürdigen Bedingungen
schuften, werden zu den Protagonisten einer neuen Passionsinszenierung.
Seit dem 1. April kann der Film online auf www.dasneueevangelium-film.ch
[1] geschaut werden. Sobald die Kinos wieder öffnen, läuft der Film auch
auf der grossen Leinwand.
Mit den besten Grüssen aus dem Heimbüro,
Eva Meienberg und Natalie Fritz
FILM DES MONATS APRIL
April 2021
DAS NEUE EVANGELIUM
WO WÜRDE JESUS HEUTE ERSCHEINEN, MIT WEM SEIN BROT TEILEN? MIT DEN
TOMATENPFLÜCKERN AUF DEN SÜDITALIENISCHEN FELDERN? MILO RAU AKTUALISIERT
DIE PASSIONSGESCHICHTE UND GIBT DEN MENSCHEN AM RANDE EINE STIMME
Neu ist dieses Evangelium nicht. Alter Wein in neuen Schläuchen, würde
Jesus von Nazareth diesmal sagen. Er ist die Hauptfigur im Film des
Schweizer Regisseurs Milo Rau.
Yvan Sagnet verkörpert Jesus - und sich selbst. Als ehemaliger
Tomatenpflücker kämpft der politische Aktivist für die Rechte der
Migrantinnen und Migranten und gegen die mafiösen Strukturen in der
italienischen Landwirtschaft.
Sagnet organisiert die Landarbeiter in der «Rivolta della Dignità» - der
Revolte der Würde. Die süditalienische Stadt Matera, die ein bisschen
aussieht wie Jerusalem, bietet einmal mehr die Kulisse für einen
Jesus-Film.
Biblische Geschichte und politischer Kampf überlagern sich darin. Eine
weitere Handlungsebene ist das Casting der Laiendarstellenden. Der
Bürgermeister von Matera will nicht Pontius Pilatus spielen. Ein junger
Mann will unbedingt römischer Soldat sein. «Als Katholik den heiligen
Gott töten und massakrieren», würde er gerne. Er gibt auch gleich eine
Kostprobe der Folterszene. Die Darbietung ist diabolisch. Ist das
gespielt? Realität und Fiktion vermischen sich auch in dieser Szene.
«Ich kann keinen Jesusfilm machen, ohne die aktuelle soziale Situation
mitzuberücksichtigen», sagt Rau. Darum kämpft Jesus für die Schwächsten,
die Tomatenpflücker und Prostituierten auf und neben den
süditalienischen Feldern. Ausgeliefert an die Mafia und ignoriert von
der Gesellschaft.
Eva Meienberg, Redaktorin Medientipp
«Das neue Evangelium», IT 2020, Regie: Milo Rau, Besetzung: Yvan Sagnet,
Marcello Fonte, Maia Morgenstern; Verleih: Vinca Film, Filmwebsite:
https://www.vincafilm.ch/katalog/46-das-neue-evangelium/
Filmstart Kino und online voraussichtlich am 01. April 2021, siehe:
www.dasneueevangelium-film.ch [1]
https://vimeo.com/478366464https://www.medientipp.ch/events/das-neue-evangelium/
Links:
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[1] http://www.dasneueevangelium-film.ch
Liebe Filmfreundinnen und liebe Filmfreunde
Vielleicht wird es ja doch noch etwas mit dem Film-Frühling... Die
Zeichen stehen zumindest aktuell nicht schlecht. "Sin señas
particulares" - unser Film des Monats März kann im Moment auf der
Schweizer Streaming-Plattform "filmingo" von trigon-film angeschaut
werden und kommt vielleicht im Frühjahr sogar noch auf die grosse
Leinwand. Und das hätte der Film verdient.
"Sin señas particulares" zeigt nämlich anhand eines Einzelschicksals
auf, was für viele MexikanerInnen und andere ZentralamerikanerInnen zum
Alltag gehört. Nebst Perspektivlosigkeit, Gewalt und Angst schwingt
immer die Hoffnung auf ein besseres Leben - vielleicht durch eine Flucht
ins Nachbarland - mit. In Fernanda Valadez' eindringlichem Drama macht
sich die Mutter eines Teenagerjungen auf die Suche nach ihrem Sohn, der
Monate zuvor die gefährliche Reise in die Vereinigten Staaten angetreten
hat und seither spurlos verschwunden ist.
Ein Film, der uns in seiner Dringlichkeit und Emotionalität einen
Spiegel vorhält und uns so manch eigenes Problem relativieren lässt.
Herzlich,
Eva Meienberg und Natalie Fritz, Medientipp
FILM DES MONATS MÄRZ
3/2021
SIN SEÑAS PARTICULARES
EINE MUTTER MACHT SICH IM GEFÄHRLICHEN GRENZGEBIET ZWISCHEN MEXICO UND
DER USA AUF DIE SUCHE NACH IHREM VERSCHOLLENEN SOHN, DER SICH VOR
MONATEN AUF EINE HOFFNUNGSVOLLE REISE IN DIE VEREINIGTEN STAATEN MACHTE
...
Tagtäglich verschwinden in Mexikos Grenzland Menschen, die auf ein
besseres Leben in den USA hoffen. So auch Magdalenas minderjähriger Sohn
Jesús, der sich vor Monaten in Begleitung eines Freundes mit dem Bus
Richtung Grenze aufmachte. Später wird die Leiche des Freundes gefunden
- von Jésus selbst fehlt weiterhin jede Spur. Von den Behörden im Stich
gelassen, beginnt Magdalena im trostlosen und gefährlichen Grenzgebiet
auf eigene Faust nach ihm zu suchen. Dabei erfährt sie von anderen
Schicksalen und geht den schmerzhaften Weg der Wahrheit bis zum bitteren
Ende.
In ihrem Spielfilmdebüt - an dem fast ausschliesslich Frauen
mitgearbeitet haben - thematisiert die Mexikanerin Fernanda Valadez
mittels ungewöhnlicher Erzählweise die anhaltende Gewalt in einem Land,
das seine eigenen Kinder frisst. Dadurch verwandelt es sich selbst in
eine seelenlose Wüste. Viel brutaler und bedrohlicher als die direkt
gezeigte Gewalt, ist das, was sie in Köpfen, Herzen und einst blühenden
Landschaften hinterlässt.
Dafür schafft die Kamerafrau Claudia Becerril beeindruckende, mystische
Bilder, die das ganze Ausmass der Verlorenheit zeigen: Hier lebt nichts
mehr, an das man sich klammern könnte. Leise und kraftvoll erzählt,
bleibt «Sin señas particulares» im ganzen Ausmass seiner Tragik
nachhaltig im Gedächtnis haften. Die beklemmende Geschichte wurde völlig
zu Recht am letztjährigen Zurich Film Festival mit dem Goldenen Auge für
den besten Film im Spielfilmwettbewerb ausgezeichnet.
Sarah Stutte, Filmjournalistin
«Sin señas particulares», Mexiko 2020, Regie: Fernanda Valadez,
Besetzung: Mercedes Hernández, David Illescas, Juan Jesús Varela;
Verleih: Trigon Film, Homepage: www.trigon-film.org
Zu Streamen auf www.filmingo.ch; https://www.filmingo.ch/de/films/709-https://vimeo.com/460217499#at=1https://www.medientipp.ch/events/sin-senas-particulares/
Liebe Filmfreundinnen und Filmfreunde
Dieses Jahr gibt es weder Fasnachtsumzüge noch Guggemusig - dafür aber
Wetter, das zum Filmeschauen geradezu einlädt. Wir empfehlen für den
Monat Februar Kornél Mundruzcós einringliches Drama «Pieces of a Woman».
Ganz nahe an den Protagonisten erzählt der Film von einem unglaublichen
Verlust, der Schuld und der Scham. Wie kann man nach einer Totgeburt
weiterleben? Wie als Paar funktionieren? Wem die Schuld geben? Und noch
viel wichtiger: wie kann man verzeihen lernen?
Ein vielschichtiger Film der Fragen aufwirft, die unangenehm und genau
deshalb wichtig sind. Er lässt sich auf Netflix streamen.
Mit den besten Wünschen - bleiben Sie gesund!
Eva Meienberg und Natalie Fritz
FILM DES MONATS FEBRUAR
Februar 2021
PIECES OF A WOMAN
DIE GEPLANTE HAUSGEBURT DER ERSTEN TOCHTER VON MARTHA UND SEAN WIRD ZUR
TRAGÖDIE. DAS KIND STIRBT UND MARTHA MUSS NICHT NUR MIT IHRER TRAUER
FERTIGWERDEN, SONDERN AUCH DIE BELASTETE BEZIEHUNG ZU IHREM MANN UND
IHRER MUTTER AUSHALTEN
Das Bostoner Ehepaar Martha und Sean freut sich auf ihr erstes Baby, das
eine Hausgeburt werden soll. Als Marthas Fruchtblase platzt und die
eigentliche Geburtshelferin gerade unabkömmlich ist, springt eine
befreundete Hebamme ein. Doch die Entbindung erweist sich als
kompliziert. Am Ende wird das Baby auf die Welt gebracht - es lebt aber
nur einige Minuten. Der Schock über den Verlust sitzt bei Martha und
Sean tief, doch beide gehen unterschiedlich mit ihrem Schmerz um. Das
führt nicht nur zu Spannungen in der Beziehung, sondern auch mit Marthas
Mutter, die einen Prozess gegen die Hebamme anstrengt.
«Pieces of a Woman» ist das englischsprachige Debüt des ungarischen
Regisseurs Kornél Mundruczó. Es basiert auf persönlichen Erlebnissen
seiner Partnerin Kata Wéber, die das Drehbuch schrieb.
Der Film atmet von Beginn an eine Authentizität, der man sich nur schwer
entziehen kann. In den ersten dreissig Minuten wird die Geburt in
Echtzeit dargestellt, in einer einzigen ungeschnittenen Einstellung.
Eine emotionale Achterbahnfahrt zwischen Bangen und Hoffen: persönlich,
zärtlich und schrecklich zugleich. Diese tiefe Erschütterung hält den
ganzen Film über an, der grandios von Shia LaBeouf, Vanessa Kirby und
Ellen Burstyn getragen wird. Trotz aller Tragik ist der Film voller
Hoffnung und berührender Momente, die unter die Haut gehen, und zeigt,
dass Trauer ein individuelles Empfinden ist, in dem es kein Richtig oder
Falsch gibt.
Sarah Stutte, Filmjournalistin
«Pieces of a Woman», USA/Kanada 2020, Regie: Kornél Mundruczó,
Besetzung: Vanessa Kirby, Shia LaBeouf, Ellen Burstyn; Verleih: Netflix,
Homepage: www.netflix.com, Film-Homepage:
https://www.netflix.com/ch/title/81128745
Zu Streamen auf Netflix
https://www.youtube.com/watch?v=XBjt7hSc9DAhttps://www.medientipp.ch/events/pieces-of-a-woman/
Liebe Filmliebhaberinnen und Filmliebhaber
Ein gutes neues Jahr! Ja, trotz Pandemie, Sturm aufs Capitol und täglich
neuen Schreckensmeldungen aus den Flüchtlingslagern wollen wir dem neuen
Jahr mit Hoffnung begegnen. Die Augen verschliessen wir aber keineswegs
vor dem, was vor sich geht in der Welt, in Europa und in der Schweiz.
Deshalb haben wir uns dazu entschlossen, einen Klassiker zum ersten Film
des Monats 2021 zu küren. «Reise der Hoffnung» ist mehr als 30 Jahre alt
und leider, leider immer noch genauso aktuell wie damals ... Auf der
Streaming-Plattform des SRF, www.playsuisse.ch [1] lässt sich Xavier
Kollers berührendes und oscarprämiertes Migrations-Drama gratis
anschauen.
Ein Film, der nicht nur die ungeheuren Strapazen einer illegalen
Einwanderung in grossartigen Bildern erzählt, sondern unseren
derzeitigen Corona-Koller auch etwas zu relativieren vermag - die
Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt ...
Herzliche Grüsse
Eva Meienberg und Natalie Fritz
FILM DES MONATS JANUAR
Januar 2021
REISE DER HOFFNUNG
EINE ALEVTISCHE FAMILIE VERSUCHT ILLEGAL IN DIE SCHWEIZ EINZUWANDERN.
DOCH BEIM ÜBERQUEREN DER ALPEN ENTWICKELT SICH IHRE «REISE DER HOFFNUNG»
ZUR KATASTROPHE...
Orientierungslos steht er da in der bitterkalten Nacht und ruft
verzweifelt um Hilfe. Ein kleiner Bub hängt reglos in seinen Armen.
Haydar wäre eigentlich am Ziel seiner strapaziösen Reise angekommen - in
der Schweiz - aber Erleichterung sieht anders aus.
Haydar und Meryem sind Aleviten und leben mit sieben Kindern in
einfachsten Verhältnissen im kargen Bergland im Südosten der Türkei. Die
Postkarten, die ihnen ein Verwandter aus der Schweiz schickt, malen das
Bild von einem Paradies. Dorthin will Haydar auch. Nur mit Meryem und
dem kleinen Mehmet Ali.
Mit dem Containerschiff reisen sie nach Neapel und von da aus im
Lastwagen bis vor die Schweizer Grenze. Am Zoll werden sie jedoch zurück
nach Mailand geschickt. Dort geraten sie an Schlepper. Diese
versprechen, die kleine Familie zusammen mit anderen Flüchtlingen über
den Splügenpass in die Schweiz zu bringen. Trotz winterlicher
Temperaturen, ohne Führer und zu Fuss. Schnell wird klar, dass dieses
Unterfangen lebensgefährlich ist. Aber es gibt kein Zurück mehr.
Xavier Kollers oscarprämiertes Flüchtlingsdrama hat leider auch nach
mehr als 30 Jahren nichts an Aktualität eingebüsst. Der auf wahren
Begebenheiten basierende Spielfilm zeigt auf, welche Motive Menschen zur
Flucht zwingen und wie unmenschlich Schlepper agieren. Und er hält
unserer satten Selbstzufriedenheit den Spiegel vor - zwingt uns,
hinzusehen. Das tut weh und hallt ganz lange nach!
Natalie Fritz, Religionswissenschaftlerin und Redaktorin Medientipp
«Reise der Hoffnung», Schweiz 1990, Regie: Xavier Koller; Besetzung:
Necmettin Çobanoğlu, Nur Sürer, Mathias Gnädinger
Gratis zum Streamen auf :https://www.playsuisse.ch/
https://www.youtube.com/watch?v=5k4YXOuI3E0https://www.medientipp.ch/events/reise-der-hoffnung-2/
Links:
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[1] http://www.playsuisse.ch
Liebe Filmfreundinnen und Filmfreunde
Die adventlichen Kinofreuden sind vielerorts von der Pandemie getrübt.
Eine Vorstellung pro Tag oder ganz zu - der Kulturgenuss spielt sich wie
im Frühling wieder hauptsächlich in den eigenen vier Wänden ab. Wir
stemmen uns - den Galliern gleich - gegen die Kapitulation vor dem Virus
und schlagen «Yalda» als letzten Film des Monats im 2020 vor. Dieser
iranische Spielfilm läuft ab Donnerstag in den Kinos an, die noch offen
sind. Zudem wird er ab dem 8. Januar auch auf www.filmingo.ch [1] als
Video on Demand zu Verfügung stehen.
Der Film spielt in der längsten Nacht des Jahres, der Nacht der
Wintersonnenwende, wo man das «Yalda»-Fest feiert. Die junge Maryam ist
wegen Mordes an ihrem viel älteren Ehemann angeklagt und muss nun in
einer TV-Show um ihr Leben kämpfen. was sich anhört wie ein dystopischer
Science Fiction ist eine Anspielung auf eine beliebte Fernsehshow im
Iran. Regisseur Massoud Bakhshi zeigt nicht nur auf, wie Quoten und
damit Geld, jegliche ethische Gesinnung im keim ersticken lassen,
sondern auch, wie das patriarchale System des Landes Frauen unterdrückt.
Keine einfache Kost, aber lohnenswert!
Mit adventlichen Grüssen, den besten Wünschen für 2021 und bleiben Sie
gesund!
Eva Meienberg und Natalie Fritz
FILM DES MONATS DEZEMBER
Dezember 2020
YALDA
EINE JUNGE IRANERIN MUSS IN DER LÄNGSTEN NACHT DES JAHRES UM IHR LEBEN
KÄMPFEN – IN EINER TV-LIVE-SHOW MIT DEM BITTERBÖSEN NAMEN «FREUDE DER
VERGEBUNG»
Zur Wintersonnenwende wird im Iran traditionell die Yalda-Nacht
gefeiert. Ein Fest, dass für Mitgefühl und Barmherzigkeit steht. In
dieser längsten Nacht des Jahres wird die wegen Mordes an ihrem über 40
Jahre älteren Ehemann verurteilte Maryam in Handschellen in ein
Fernsehstudio in Teheran gebracht. Falls ihr hier in einer Live-Sendung
die Tochter des Getöteten vergibt, kann nach islamischem Recht das
Todesurteil aufgehoben werden. Begnadigt Maryam gleichzeitig auch die
Mehrheit der Zuschauer per SMS, übernimmt der Sender das fällige
«Blutgeld», das an die Familie des Opfers gezahlt werden muss.
Abstrus?! Nein. Regisseur und Drehbuchautor Massoud Bakhshi hat sich für
seine Geschichte an einem real existierenden Fernsehformat orientiert.
In dieser TV-Scheinwelt rechtfertigen hohe Einschaltquoten und
Werbeeinnahmen jede Art von Zuschauer-Manipulation und den Entscheid
über Leben und Tod.
Bakshsi erzählt aber nicht nur eine bittere Mediensatire, die er
kammerspielartig inszeniert. Er prangert auch die iranische Gesetzgebung
an, die als Nährboden für dieses menschenverachtende Verhalten dient.
Maryam wird als Frau gleich mehrfach diskriminiert. Zuerst durch das
Prinzip der Zeitehe. Diese bindet blutjunge Frauen meist aus
finanzieller Not heraus für eine vertraglich fest definierte Dauer an
wesentlich ältere Männer. Dann durch die Unterwerfung unter ein System,
dass sie überhaupt erst in diese Lage brachte. «Yalda» wurde am
diesjährigen Sundance Festival mit dem grossen Preis der Jury
ausgezeichnet.
Sarah Stutte, Filmjournalistin
«Yalda», Frankreich/Deutschland/Schweiz/Luxemburg 2019, Regie: Massoud
Bakhshi, Besetzung: Sadaf Asgari, Behnaz Jafari, Fereshteh Hosseini,
Verleih: Sister Distribution, www.sister-distribution.ch, Trailer
deutsch: https://www.youtube.com/watch?v=ZnV1MPd3Eu8
Kinostart: 10. Dezember 2020
https://www.youtube.com/watch?v=YSMFVHLOyqE&feature=emb_logohttps://www.medientipp.ch/events/yalda/
Links:
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[1] http://www.filmingo.ch
Liebe Filmfreundinnen und Filmfreunde
Eigentlich wäre jetzt ja die Zeit, wo wir im gemütlichen Inneren eines
Kinos dem nbeligen und bisweilen bizarr anmutenden Alltag entfliehen
könnten. Doch leider weit gefehlt: in mehreren Regionen der Schweiz
mussten die Kinos schliessen per Dekret oder, weil sich der Betrieb
aktuell nicht lohnen würde. Wir bleiben aber standhaft und bringen
zumindest für diejenigen, die noch die Möglichkeit dazu haben, einen
Film des Monats.
«W. - Was von der Lüge bleibt» nähert sich dem Menschen Binjamin
Wilkomirski aka Bruno Dössekker an, der sich in den 90ern eine neue
Herkunft erfand. Der Film von Rolando Colla zeigt eindringlich auf, wie
schmal der Grat zwischen Realität und Fiktion sein kann - insbesondere
dann, wenn es um Erinnerungen geht.
Auch wir erinnern uns, an die Zeiten vor Corona, bewahren die schöne
Gedanken und verlieren deshalb auch die Hoffnung auf Besserung nicht. In
diesem Sinne: Viel Kraft für die nächsten Monate!
Herzlich Eva Meienberg und Natalie Fritz
FILM DES MONATS NOVEMBER
November 2020
W. – WAS VON DER LÜGE BLEIBT
LÜGE UND WAHRHEIT WAREN FÜR BRUNO DÖSSEKKER WILKOMIRSKI KEINE
TRENNSCHARFEN GRÖSSEN. DAS BUCH, IN DEM ER SEINE KINDHEIT ERFUNDEN
HATTE, WURDE ZU EINEM BESTSELLER UND ZUR TRAGÖDIE SEINES LEBENS
Als in der Schweiz 1995 das Buch «Bruchstücke. Aus einer Kindheit
1939-1948» erschien, sorgte es über die Landesgrenzen hinaus für
Aufsehen. Der Autor, ein gewisser Binjamin Wilkomirski, erzählte von
seiner Zeit in zwei polnischen Konzentrationslagern, bevor er über
Krakau in die Schweiz kam. Das Buch wurde in zwölf Sprachen übersetzt,
Wilkomirski bekam zahlreiche Preise und war ein gefragter Zeitzeuge.
Vier Jahre später stellte sich heraus: Seine Erlebnisse sind Fiktion.
Wilkomirski, der gebürtig Bruno Grosjean hiess, wuchs als uneheliches
Kind in einem Waisenhaus in Adelboden auf. Später adoptierte ihn das
wohlhabendes Paar Dössekker aus Zürich.
Nach 20 Jahren versucht der Filmemacher Rolando Colla mithilfe von
Archivmaterial und Zeitzeugen den Beweggründen Dössekkers auf die Spur
zu kommen. Dössekker selbst kommt auch zu Wort. Das ist bemerkenswert,
weil er sich völlig aus der Öffentlichkeit zurückgezogen hat. Collas
Dokumentation ist, mitsamt den stimmigen Illustrationen des
Comiczeichners Thomas Ott, genauso spannend wie erschütternd. Sie nimmt
uns mit auf die schmerzliche Reise in das Trauma eines schwierigen und
einsamen Menschen, der zeitlebens nach Antworten suchte. Dössekker
verschob seine Erinnerungen, von deren Wahrhaftigkeit er vermutlich
selbst überzeugt war. Wo fängt die Lüge an und wo hört sie auf?
Letztlich ist unser menschlicher Geist so komplex, dass manchmal mehrere
Wahrheiten parallel zueinander existieren können.
Sarah Stutte, Filmjournalistin
«W. - Was von der Lüge bleibt», Schweiz 2020, Regie: Rolando Colla,
Verleih: Filmcoopi, www.filmcoopi.ch
Kinostart: 12. November 2020
https://youtu.be/Bks3sa8fAP4https://www.medientipp.ch/events/w-was-von-der-luege-bleibt/
Liebe Filmfreundinnen und Filmfreunde
Es «herbsteled» schon gewaltig: der Wind bläst wieder ziemlich frisch
zwischen den Häuserschluchten, die ersten Kastanien-Igeli fallen von den
Bäumen und der Suuser kribbelt auf der Zunge. Und Corona? Auch wenn das
Virus zwischenzeitlich etwas an medialer Präsenz verloren hat, so ist es
jetzt wieder voll da, Gesprächsthema Nummer 1. Sogar die Klima-Debatte
wurde und wird vielerorts zurückgestellt, weil Covid 19 aktuell das
Leben bestimmt. So schlimm die Folgen des Virus für den einzelnen
Menschen, die Gemeinschaften oder die Wirtschaft sind, so wenig sollten
wir die Klimaproblematik aus dem Blick verlieren. Darauf pocht nicht nur
die Klimajugend - schliesslich wird jetzt wieder überall geheizt und
wegen Corona fahren die Menschen vermehrt mit dem eigenen Auto ...
Nathan Grossmans «I Am Greta» portraitiert die als «Ikone» bezeichnete
Greta Thunberg, die mit ihrem Engagement für den Umweltschutz ein
weltweite Bewegungung ins Rollen gebracht hat. Der Dokumentarfilm nähert
sich der 17-jährigen Schwedin ganz behutsam an und macht dadurch
deutlich, dass Gretas Einsatz für das Klima keine lukrative Werbeshow
ist, sondern einer tief empfundenen Verunsicherung und Zukunftsangst
entspringt. Ein Film, der uns unser alltägliches Verhalten überdenken
und Covid für einen Moment vergessen lässt.
Bleiben Sie gesund und alles Gute
Eva Meienberg udn Natalie Fritz
FILM DES MONATS OKTOBER
Oktober 2020
I AM GRETA
MÄRTYRERIN ODER TROTZIGER TEENAGER? GRETA THUNBERG IST LÄNGST NICHT MEHR
DAS STREIKENDE SCHULMÄDCHEN MIT DEN ZÖPFEN, SONDERN DAS GESICHT EINER
BEWEGUNG, DIE DER KLIMA-BEQUEMLICHKEIT DER WESTLICHEN GESELLSCHAFT DEN
KAMPF ANGESAGT HAT
Wer ist Greta? Wer ist dieses Mädchen mit den langen Zöpfen, das trotzig
vor dem schwedischen Parlament sitzt mit einem handgeschriebenen
Holzschild. «Skolstrejk för Klimatet» steht drauf: Schulstreik für das
Klima. Sie habe lange genug gewarnt. Nicht mal ihre Eltern hätten sich
geändert. Nachdem Greta aufgehört hatte zu sprechen und nichts mehr ass,
musste etwas geschehen.
Kritische Stimmen fragen nach der Rolle der Eltern. Müssten sie dieses
Mädchen nicht vor sich selbst schützen? Seit Greta aktiv geworden sei,
gehe es ihr besser, sagt der Vater erleichtert.
«Du leidest am Asperger-Syndrom?», wird Greta in einem Interview
gefragt. «Ich habe Asperger aber ich leide nicht daran.» Der Film macht
uns glaubhaft, dass Greta durch ihre Autismus-Spektrum-Störung das
Klima-Problem in einer Weise fokussiert, die kein Wegsehen, keine
bequeme Lüge, kein Abschieben von Verantwortung erlaubt. Wasser aus der
mitgebrachten Trinkflasche, Secondhand-Kleider, keine Flugreisen, vegane
Ernährung. Greta lebt die Konsequenz einer Märtyrerin. Sie macht die
Leiden des Planeten zu ihren eigenen. Die verhungernden Eisbären am
Nordpol nehmen ihr die Lust am Essen. Die verlogenen Diskussionen der
Politik lassen sie verstummen.
Greta kämpft für sich und für den Planeten. So wurde das trotzige
Mädchen mit den Zöpfen zum Gesicht der «Fridays for Future»- Bewegung
und zum schlechten Gewissen einer übersättigten, westlichen
Gesellschaft, die zu bequem ist zum kämpfen.
Eva Meienberg, Redaktorin Medientipp
«I am Greta», Schweden 2020, Regie: Nathan Grossman, Besetzung: Greta
Thunberg; Verleih: Filmcoopi Zürich, Internet:
https://www.filmcoopi.ch/, Filmwebsite:
https://www.filmcoopi.ch/movie/i-am-greta
Kinostart: Natürlich an einem Freitag - dem 16. Oktober 2020
https://www.youtube.com/watch?v=hYEJMDcsVzQhttps://www.medientipp.ch/events/i-am-greta/