Liebe Filmfreundinnen und Filmfreunde
Es gibt ihn doch, den Winter. Zwar stapfen wir nicht durch knietiefen
Schnee oder frieren uns ohne Mütze die Ohren ab, aber beim Blick auf
die gezuckerten Bergspitzen lässt sich der Winter zumindest erahnen.
Unser Film des Monats ist perfekt für die kälteren Monate geeignet,
wobei...
Lukas Dhonts «Close» erzählt von einer wunderbar herzerwärmenden
Freundschaft zwischen zwei 13-Jährigen, die - und hier kommt die Kälte
ins Spiel - jäh und mit überaus dramatischen Folgen an den sozialen
Konventionen zerbricht. Wie schon Dhonts Erstling «Girl» ist auch
«Close» aus einer ganz intimen Perspektive erzählt. Die Nähe, die
dadurch entsteht, berührt, erschüttert und führt uns ganz deutlich vor
Augen, welchem gesellschaftlichen Druck bereits Kinder ausgesetzt sind.
Ein filmisches Manifest für Toleranz und eine herzerreissende Ode an die
Freundschaft.
In diesem Sinne wünschen wir Ihnen nur winterlich-weisse Schneekälte und
viel zwischenmenschliche Wärme,
Sarah Stutte und Natalie Fritz
FILM DES MONATS FEBRUAR
Februar 2023
CLOSE
ALS DIE BEIDEN BESTEN FREUNDE LÉO UND RÉMI IN DIE OBERSTUFE WECHSELN,
IST PLÖTZLICH NICHTS MEHR WIE ZUVOR. LÉO DISTANZIERT SICH IMMER MEHR,
WAS RÉMI FAST DAS HERZ BRICHT. LUKAS DHONT SCHILDERT EINDRINGLICH, WIE
SUBTIL HOMOPHOBIE IN UNSERER GESELLSCHAFT GELEBT WIRD UND WELCHE
SCHRECKLICHEN FOLGEN GESELLSCHAFTLICHER DRUCK AUF DIE NOCH KINDLICHE
PSYCHE HABEN KANN.
Die beiden 13-jährigen Freunde Léo und Rémi sind unzertrennlich und
geniessen ihren letzten Sommer, bevor sie beide in die Oberstufe kommen.
Ausgelassen rennen sie über grosse Blumenfelder und liegen danach
lachend im Gras. Man sieht ihre Verbundenheit auch in Léos bewunderndem
Blick, wenn Rémi Oboe übt oder an ihrer körperlichen Nähe, die zugleich
zärtlich, rein und unschuldig wirkt.
Diese enge Beziehung stellen die beiden Kinder nie in Frage, bis für Léo
und Rémi das neue Schuljahr beginnt und plötzlich einige
Klassenkameraden fragen, ob sie «ein Paar» sind. Irgendetwas an dieser
Frage macht Léo Angst. Er fängt an, eher über Sport als über Musik zu
reden und sich im Hockeyteam zu engagieren. Ausserdem hält er Abstand,
wenn er mit Rémi zusammen ist. Dieser bemerkt die Veränderung seines
besten Freundes und die Entfremdung bricht ihm das Herz.
Der belgische Drehbuchautor und Regisseur Lukas Dhont («Girl», 2018),
schildert in seinem zweiten Spielfilm in ruhigen Bildern und mit
exzellenten Jungdarstellern, wie eine liebevolle Freundschaft an den
gesellschaftlichen Konventionen zerbricht und an den tragischen Folgen,
die diese nach sich ziehen. Dabei lässt er die sozialen Kräfte hier
allgegenwärtig, aber subtil wirken. Kein offenes Mobbing oder
Homophobie, nur verinnerlichter Druck auf die sich noch entwickelnde
Psyche. Die stille Gewissheit, dass in unseren Köpfen oft die
Unterschiede mehr Gewicht haben als die Verbundenheit zueinander, ist
emotional wuchtig und erschreckend.
Sarah Stutte, Filmjournalistin
«Close», BE/FR/NL 2022, Regie: Lukas Dhont, Besetzung: Eden Dambrine,
Gustav De Waele, Igor van Dessel, Verleih: Filmcoopi, www.filmcoopi.ch
Kinostart: 2. Februar 2023
https://www.youtube.com/watch?time_continue=4&v=m57q9sjtrfYhttps://www.medientipp.ch/events/close/
Liebe Filmfreundinnen und Filmfreunde
Neues Jahr, neue Problemli...
Unser Mailing-Listen-System wurde umgestellt und als ich heute den "Film
des Monats" versenden wollte, habe ich wohl versehentlich ein falsches
Knöpfli gedrückt.
Ausser Sie melden sich direkt bei uns auf der Medientipp-Redaktion,
erhalten Sie weiterhin den Film des Monats zugestellt.
Wir bitten Sie für die Verwirrung um Entschuldigung und wünschen Ihnen
einen schönen Abend
Sarah Stutte udn Natalie Fritz, Redaktion Medientipp
Liebe Filmfreundinnen und Filmfreunde
Wir wünschen Ihnen allen ein gutes neues Jahr mit viel Energie
(psychisch und buchstäblich), guter Gesundheit, Licht und Hoffnung.
Viel Licht und Hoffnung braucht die Welt wohl auch 2023 ... Die
aktuellen Vorfälle in Brasilien geben zu denken, in der Ukraine gehen
die Kämpfe weiter und in Afghanistan und Iran spitzt sich die Lage
zunehmend zu. Manchmal wünschte man sich einen «Rewind»-Schalter, der
uns erlaubte, zurückzuspulen, um den Lauf der Dinge in der Vergangenheit
zu beeinflussen. Doch würden sich solche Eingriffe wirklich positiv auf
die Gegenwart auswirken? Zumindest literarische und filmische
Gedankenspiele zum Thema legen nahe, dass «gut gemeint» nicht zwingend
auch einen «guten Ausgang» bedeutet.
Unser Film des Monats rückt die Lage der Frauen im Iran ins Zentrum. Ein
zu wichtiges Problem, als dass wir es ob der schieren Newsflut einfach
vergessen dürften. «Holy Spider» basiert auf realen Mordfällen, die
Anfang der 2000er Jahre von einem selbsternannten Schützer der Tugend
verübt wurden.
Ali Abbasis Film ist eine schonungslose Abrechnung mit einem
theokratischen, patriarchalischen Staatssystem, das seine Intoleranz -
etwa gegenüber Frauen - durch den Verweis auf die «einzig richtige»
Auslegung des Korans legitimiert.
Keine leichte Filmkost - aber eine wichtige Geschichte!
Mit den besten Grüssen für 2023
Sarah Stutte und Natalie Fritz
FILM DES MONATS
Januar 2023
HOLY SPIDER
IM NAMEN DER RELIGION ERMORDET EIN BAUARBEITER ANFANG 2000 IN DER
HEILIGEN IRANISCHEN STADT MASCHHAD 16 PROSTITUIERTE. EINE JOURNALISTIN
HEFTET SICH AN SEINE FERSEN. «HOLY SPIDER» ZEIGT IN ERSCHRECKENDER WEISE
AUF, WIE DAS LAND UNTER DEM GEWICHT EINES THEOKRATISCH-AUTORITÄREN
STAATES VERROHT.
Eine junge Frau bindet sich ihr Kopftuch um, gibt ihrer Tochter einen
Gute-Nacht-Kuss und sagt ihr, dass sie bald wieder zurück ist. Dann
entschwindet sie in die Nacht. Sie gilt als unreine, gottlose Frau.
Eine, die ihren Körper auf der Strasse verkauft. Wir folgen ihr durch
die Stadt und die Gassen zu den Freiern, die sie wie Abschaum behandeln.
Von einem von ihnen wird sie kurz darauf in einem Treppenhaus ermordet.
Ihr Kind wird am nächsten Tag allein aufwachen.
«Holy Spider» erzählt von der wahren Mordserie Saeed Hanaeis, auch
bekannt als «Spider Killer». Angetrieben von dem Bestreben, seine
Umgebung von Unmoral zu säubern, brachte der Bauarbeiter zwischen 2000
und 2001 in der heiligen iranischen Stadt Maschhad 16 Prostituierte um.
Der iranische Filmemacher Ali Abbasi («Gräns», 2018), der seit Jahren in
Dänemark lebt, stellt die realen Geschehnisse in einen grösseren
Kontext. Dieser zeigt in erschreckender Weise auf, wie die iranische
Gesellschaft unter dem Gewicht eines theokratisch-autoritären Staates
verroht und die Misogynie ungehindert gedeihen kann.
Das bekommt auch die fiktive Journalistin Rashimi zu spüren, als sie
versucht, den Spinnenmörder aufzuspüren. Die örtlichen Behörden weichen
ihren Fragen aus, während sie ihr mit Herablassung und Verachtung
begegnen. In den letzten Minuten des Films untermauert Abbasi seine
These. Die Welt wird nicht zu einem besseren Ort, solange
Frauenfeindlichkeit ein unendlich-vererbter Albtraum ist, der weit über
die Taten eines einzelnen Mannes hinausgeht.
Sarah Stutte, Filmjournalistin und Redaktorin Medientipp
«Holy Spider», DK/DE/SE/FR 2022, Regie: Ali Abbasi, Besetzung: Zar Amir
Ebrahimi, Mehdi Bajestani, Arash Ashtiani, Verleih: Xenix Film,
www.xenixfilm.ch
Kinostart: 12. Januar 2023
https://www.medientipp.ch/events/holy-spider/
Liebe Filmliebhaberinnen und Filmliebhaber
Viele haben sich darauf gefreut, dieses Weihnachtsfest endlich wieder in
einem einigermassen normalen Rahmen - generationenübergreifend und ohne
COVID-Teststress - zu feiern. Doch vor dem Hintergrund des
Ukrainekriegs, der Proteste im Iran und der Unruhen in Serbien-Kosovo
kommt nur allmählich Adventsstimmung auf.
Die Heilige Familie im Stall wirkt in diesem Zusammenhang unwirklich
idyllisch und realistisch zugleich: wie viele Menschen leben gerade in
einer Notunterkunft, wie viele Menschen fürchten um ihr eigenes oder das
Leben ihrer Liebsten? Und trotzdem geben sie die Hoffnung nicht auf,
machen weiter - für ein besseres Leben für sich und folgende
Generationen.
Unser letzter Film des Monats in diesem Jahr beleuchtet das Thema
Familie aus einer ganz eigenwilligen Perspektive. «Broker» von Hirokazu
Kore-eda geht der Frage nach, was Familie für den*die Einzelne*n
bedeutet und nach welchen Regeln wir sie definieren. Eine bittersüsse,
nie kitschige Geschichte über Verbundenheit und Vertrauen, die ganz
wunderbar in die Weihnachtszeit 2022 passt.
Mit herzlichen Adventsgrüssen
Sarah Stutte und Natalie Fritz
FILM DES MONATS DEZEMBER
Dezember 2022
BROKER
ZWEI KLEINKRIMINELLE VERSCHACHERN KLEINKINDER AUS DER BABYKLAPPE AN DIE
MEISTZAHLENDSTEN. EINE REUIGE MUTTER ENTDECKT IHR GESCHÄFTSMODELL UND
VERSPRICHT ZU SCHWEIGEN, WENN SIE MITBESTIMMEN DARF, WOHIN IHR BABY
KOMMT. EINE ABERWITZIGE REISE DURCH SÜDKOREA BEGINNT...
Die beiden Kleinkriminellen Dong-soo und Sang-hyun nutzen die Babyklappe
einer örtlichen Kirche, um die dort abgegebenen Neugeborenen an gut
zahlende, kinderlose Paare zu verkaufen. Als die junge Mutter So-young
jedoch zurückkommt und ihr Kind sucht, fliegt die Gaunerei schnell auf.
So-young ist bereit, Stillschweigen über das «Geschäft» von Dong-soo
und Sang-hyun zu bewahren, wenn sie dafür mitbestimmen kann, wer ihr
Kind bekommen soll. Also macht sich das Aussenseiter-Grüppchen auf den
Weg quer durch Südkorea, inklusive blindem Passagier - einem cleveren
Waisenhausjungen -, und wächst allmählich zu einer Art Ersatzfamilie
zusammen. Verfolgt werden sie dabei von einem Ermittlerinnen-Duo, das
den beiden Babydieben schon länger auf der Spur ist.
Der neue Film von Hirokazu Kore-eda («Shoplifters», 2018) profitiert
durchaus von seiner unterhaltsamen Situationskomik und den treffenden
Dialogen. Trotzdem sind die Charaktere komplex gezeichnet, ringen alle
mit ihrer Vergangenheit und wirken so stets aus dem Leben gegriffen.
In der eindrücklichsten Szene des Films schaltet So-young das Licht in
ihrem Hotelzimmer aus - um nicht jedem Mitglied ihrer bunt
zusammengewürfelten Familie gegenübertreten zu müssen - und sagt zu
jedem Einzelnen: «Danke, dass du geboren wurdest.» «Broker» trägt in
sich die Gewissheit, dass das Leben zwar seine Höhen und Tiefen hat,
das flüchtige Glück aber stets im Miteinander zu finden ist.
Sarah Stutte
«Broker», Südkorea 2022, Regie: Hirokazu Kore-eda, Besetzung: Song
Kang-ho [1] , Lee Ji-eun [2], Gang Dong-won [3], Verleih: Ascot Elite
Kinostart: 22. Dezember 2022
https://www.youtube.com/watch?v=olMX6jxb6C4https://www.medientipp.ch/events/broker/
Links:
------
[1] https://de.wikipedia.org/wiki/Song_Kang-ho
[2] https://de.wikipedia.org/wiki/IU_(S%C3%A4ngerin)
[3] https://de.wikipedia.org/wiki/Gang_Dong-won
Liebe Filmfreundinnen und Filmfreunde
Der November ist stes ein Monat der Einkehr, des stillen Gedenkens und
vielleicht auch der Reflexion darüber, was ein gutes Leben eigentlich
ausmacht. Unser Film des Monats feiert die kleinen Gesten
zwischenmenschlicher Achtsamkeit und schärft unseren Blick für das, was
wirklich relevant ist: tragfähige Beziehungen und Vertrauen.
Li Ruijuns «Return to Dust» ist aber kein kitschiger Liebesfilm über
zwei Aussenseiter, sondern kritisiert das chinesische
Wirtschaftshilfeprogramm auf einer metaphorischen Ebene scharf. Sogar in
China regiert der Kapitalismus und auch in Maos Heimat müssen
diejenigen, die dem System zu wenig nutzen, über die Klinge springen. Im
September wurde der Film trotz grossem Erfolg inner- und ausserhalb
Chinas von der chinesischen Zensurbehörde verboten. Ein Glück, dass wir
dieses kleine Kunstwerk in unseren Kinos schauen können!
Herzlich und herbstlich grüssend
Eva Meienberg und Natalie Fritz
FILM DES MONATS NOVEMBER
November 2022
RETURN TO DUST
DER SCHWEIGSAME BAUER MA UND DIE MISSHANDELTE GUIYING WERDEN
VERHEIRATET. BALD ENTWICKELN SIE EINE VORSICHTIGE ZUNEIGUNG ZUEINANDER.
DOCH DIE SCHÖNHEIT DER BEZIEHUNG STEHT IN SCHARFEM KONTRAST ZUR
LEBENSSITUATION IN EINER DER ÄRMSTEN PROVINZEN CHINAS...
Bauer Ma ist nicht mehr jung und schuftet - wie sein Esel - fleissig und
klaglos für seinen Bruder, bei dem er auch wohnt. Nun wird Ma dem Bruder
lästig und soll verheiratet werden. Die Auserwählte ist Guiying, eine
durch Misshandlung verkrüppelte Frau, die von ihrer Familie wie ein Tier
gehalten worden ist.
Bald entwickeln die beiden Aussenseiter Vertrauen und eine vorsichtige
Zuneigung zueinander. Gemeinsam bauen sie in Handarbeit Mais und Weizen
an und errichten ein bescheidenes Haus. Das alles passiert langsam und
in stiller Eintracht. Das isolierte Paar steht im Zentrum der
Aufmerksamkeit, die kleinen Gesten der Zuneigung haben Gewicht. Die
Schönheit der Beziehung kontrastiert die Lebensrealität.
Li Ruijun hat «Return to Dust» in seiner Heimat - der
nordwestchinesischen Provinz Gansu - gedreht. Gansu ist eine der ärmsten
Gegenden Chinas, die prekäre Situation der Protagonisten widerspiegelt
die Wirklichkeit. Ruijun betrachtet die Situation der Landbevölkerung
kritisch und zeigt, wie wenig nachhaltig die staatliche Hilfe ist.
Der Regisseur schreckt nicht davor zurück, die kapitalistischen
Auswüchse innerhalb des kommunistischen Systems, zu zeigen, allerdings
nur metaphorisch. Der reiche Dorfkönig braucht nämlich
Bluttransfusionen, nur Ma kann spenden. Der Staat als Vampir, der seine
Bürger*innen aussaugt... Die chinesische Zentralregierung war «not
amused» und hat den Film trotz grossem inter- und nationalem Erfolg
mittlerweile verboten. Ein guter Grund, den Film anzuschauen!
Natalie Fritz, Religionswissenschaftlerin und Redaktorin Medientipp
«Return to Dust» (Yin Ru Chen Yan), China 2022; Regie: Li Ruiju;
ProtagonistInnen: Wu Renlin, Hai-Qing, Guangrui Yang; Verleih: Trigon;
Homepage: www.trigon-film.org [1]; Filmseite:
https://www.trigon-film.org/de/movies/Return_to_Dust
Ab 10. November 2022 im Kino
https://vimeo.com/729612660?embedded=true&source=vimeo_logo&owner=6318399https://www.medientipp.ch/events/return-to-dust/
Links:
------
[1] http://www.trigon-film.org
Liebe Filmfreundinnen und Filmfreunde
Überall wird momentan geerntet: tiefgelbe Quitten, rotbackige Äpfel und
der letzte Zuckermais wird vom Feld zu den Konsumierenden gebracht. In
«Alcarràs», unserem Film des Monats Oktober, geht es ebenfalls um
Landwirtschaft - im Spannungsverhältnis zwischen Tradition und Moderne.
Was passiert mit dem Land und den Menschen, die es bestellen, wenn sich
Landwirtschaft nicht länger lohnt? Wie müsste eine Landwirtschaft sein,
damit sie nachhaltig wäre für die Natur und ihre Betreibenden?
Carla Simón hat sich diesen Fragen in ihrem Spielfilm auf einer sehr
intimen Ebene angenähert, indem sie das Schicksal einer Bauernfamilie
exemplarisch verhandelt. Landwirtschaft ist schliesslich immer auch
Familienwirtschaft. Geprägt von ihrer eigenen Familiengeschichte,
gelingt es der Katalanin, aufzuzeigen, inwiefern Landwirtschaft auch
Verwurzelung bedeutet und welche Hingabe in dieser Arbeit steckt.
Vielleicht denken wir daran, wenn wir das nächste Mal in einen saftigen
Apfel beissen oder uns einen grossen Schluck «Suuser» genehmigen.
Herzlich-herbstliche Grüsse
Eva Meienberg und Natalie Fritz
FILM DES MONATS OKTOBER
Oktober 2022
ALCARRÀS – DIE LETZTE ERNTE
SOLARANLAGE ODER PFIRSICHFELDER? BAUERNFAMILIE SOLÉ IN DER KATALONISCHEN
STADT ALCARRÀS STEHT VOR DER ZWANGSRÄUMUNG, DIE NEUEN BESITZER DER
PFIRSICHPLANTAGE WOLLEN DAS LAND PROFITORIENTIERT UMNUTZEN. WO SOLLEN
SIE HIN? WOVON LEBEN? CARLA SIMÓNS SPIELFILM WIRFT EINEN KRITISCHEN
BLICK AUF SPANIENS LANDWIRTSCHAFT
Pfirsichbäume oder Solaranlagen? Über diese Frage sind sich nicht einmal
die Mitglieder der Familie Solé in der katalonischen Stadt Alcarràs
einig. Seit Generationen lebt sie von der Ernte ihrer Pfirsichplantage.
Doch nachdem der Besitzer des Anwesens gestorben ist, will dessen Erbe
das Land verkaufen. Die Pfirsichbäume sollen Solaranlagen weichen.
Für die Solés steht eine Zwangsräumung an. Es scheint als würde damit
die Familienidylle, die zu Beginn des Films vorherrscht, Schritt für
Schritt zerbrechen. Der Grossvater lebt in der Vergangenheit, der Vater
verharrt stur im Jetzt und absolviert die letzte Ernte, als würde im
letzten Moment doch noch ein Wunder geschehen. Die jüngeren Kinder
verstehen die Veränderungen nicht und die pubertierenden Jugendlichen
suchen den Weg in die Moderne.
Eine wirkliche Lösung für das Problem der Umnutzung von
Landwirtschaftsland gibt es nicht. Einerseits benötigt die Bevölkerung
Energie, und das Geschäft mit Solaranlagen scheint sich zu lohnen.
Anderseits zeigt der Film, dass Landwirtschaft Schwerstarbeit ist, die
nicht angemessen entlöhnt wird. Die Landwirte müssen neben ihren
körperlichen Leistungen die Belastung von Existenznöten aushalten.
Die wunderbaren Landschaftsbilder und die dokumentarischen Anteile des
Films sind dessen Stärke. Das Publikum lernt hier eine Familie kennen,
die es so geben könnte und die exemplarisch für viele Bauern in Spanien
steht.
_ Alcarràs gewann 2022 an der Berlinale den Goldenen Bären._
Ingrid Glatz, Pfarrerin und Co-Präsidentin Interfilm Schweiz
«Alcarràs», Spanien 2022, Regie: Carla Simón; Darsteller*innen: Jordi
Pujol Dolcet, Anna Otin, Xènia Roset; Verleih: Cineworx; Filmwebseite:
https://cineworx.ch/movie/alcarras/
Im Kino ab 29. September 2022
https://vimeo.com/731625132?embedded=true&source=vimeo_logo&owner=2068148https://www.medientipp.ch/events/alcarras-die-letzte-ernte/
Liebe Filmfreundinnen und Filmfreunde
Es herbstelt! Morgens wabern bereits wieder Nebelschwaden über den
Gewässern und feuchten Wiesen, erste Kastanien liegen auf den Wegen und
im Wald spriessen schon Pilze. Bis jetzt darf man getrost von einem
goldenen Herbst sprechen, wenn nicht von einem goldenen Spätsommer. Wer
jetzt bei uns durch die Natur marschiert, denkt nicht an Klimakrise,
Ukrainekrieg oder Strommangellage - alles scheint üppig und friedlich,
besagte Probleme nicht von dieser Welt...
Auch in unserem Film des Monats September, «Jill», scheint der Rückzug
in die Natur die einzige Möglichkeit, dem Druck und den Ansprüchen der
Gesellschaft zu entkommen. Doch schnell zeigt sich, dass die
Aussteigerfamilie im Wald nicht den Gefahren der Umwelt entkommt,
sondern direkt auf eine viel grössere Bedrohung zuläuft...
Der schweizerisch-amerikanische Regisseur Steven Michael Hayes
dekonstruiert in «Jill» genüsslich das Familien-Idyll und verwandelt den
Traum von einem besseren Leben fernab der Zivilisation retrospektiv in
eine dystopische Alltagsvision einer geprägten jungen Frau. In einer
Welt voller Parallelgesellschaften und reaktionärer Familienbilder ein
wichtiger Beitrag.
Wir grüssen herzlich
Eva Meienberg und Natalie Fritz
FILM DES MONATS SEPTEMBER
September 2022
JILL
EINE FAMILIE ZIEHT ENDE DER 70ER JAHRE IN DIE WÄLDER NORDAMERIKAS.
FERNAB DER ZIVILISATION LEBT SIE EIN LEBEN OHNE GESELLSCHAFTLICHE
ZWÄNGE. DOCH DIE IDYLLE BEKOMMT RASCH RISSE, MUSS DIE FAMILIE DOCH NICHT
VOR ÄUSSEREN, SONDERN INNEREN GEFAHREN GESCHÜTZT WERDEN...
Ende der 70er-Jahre ziehen sich Ted und Joann zusammen mit ihren fünf
Kindern in die tiefen Wälder Nordamerikas zurück. Die Aussteiger möchten
ihr Leben frei gestalten - fern der politischen und gesellschaftlichen
Zwänge jener Zeit. Doch als der älteste Sohn bald darauf dem
Selbstversorger-Traum den Rücken kehrt, um ans College zu gehen, bekommt
die Idylle erste Risse.
Einige Familienmitglieder hinterfragen zunehmend die Handlungen des
Vaters, der notfalls mit Gewalt an seiner Vorstellung von absoluter
Freiheit festhält. Inmitten dieses Konflikts steht die Jüngste von ihnen
- Tochter Jill. Sie versucht in der Gegenwart zu verstehen, was damals
genau geschehen ist und warum einer ihrer Brüder heute im Gefängnis
sitzt.
Der schweizerisch-amerikanische Regisseur Steven Michael Hayes wuchs in
Zürich auf und studierte Film an der ZHdK. In seinem erschütternden
Debütfilm zeigt er, wie sich elterlicher Egoismus und der Wunsch nach
Selbstverwirklichung auf die Kinder auswirkt, die die Folgen dieser
Entscheidungen zu tragen haben.
«Jill» ist ein «Slowburner», der erst allmählich und mit der zunehmenden
Paranoia des Vaters seine ganze emotionale Wucht entfaltet. Die bittere
Ironie des Films liegt darin, dass die eigentliche Gefahr, vor der Ted
seine Familie schützen will, von seiner eigenen kranken Psyche ausgeht.
Auch visuell ist der Spielfilm eindrücklich. So wurden die wunderbaren
Naturaufnahmen, die eine Landschaft an der Grenze zu Kanada vorgeben, im
Jura gedreht.
Sarah Stutte, Filmjournalistin
«Jill», Schweiz 2021, Regie: Steven Michael Hayes, Besetzung: Tom
Pelphrey, Juliet Rylance, Dree Hemingway, Verleih: Frenetic Films,
www.frenetic.ch
Kinostart: 15. September 2022
https://www.youtube.com/watch?v=knuj6fpHbKYhttps://www.medientipp.ch/events/jill/
Liebe Filmfreundinnen und Filmfreunde
Mitte Juli wurde bekannt, dass drei der wohl wichtigsten,
zeitgenössischen Regisseure des Iran, Mohammad Rasoulof («There Is No
Evil»), Mostafa Al-Ahmad und Jafar Panahi («Taxi Teheran»), von der
Polizei in Gewahrsam genommen worden waren. Die Justizbehörde liess
verlauten, dass ihr Aufruf GEGEN Gewalt, die öffentliche Ordnung
gefährde. Rasoulof und Al-Ahmad hatten gegen die Verhaftungen
protestiert, die auf die Demonstrationen nach einem Gebäudeeinsturz mit
über vierzig Toten folgten. Vertreter*innen der iranischen Filmindustrie
forderten mit dem Hashtag «Put your gun down» ein Ende der
Polizeigewalt. Auch Panahi hatte sich mit den Initianten solidarisiert.
Zum Glück sind aber nicht alle kritischen iranischen Filmemacher in
Polizeigewahrsam!
Unser Film des Monats August ist nämlich das Werk von Jafar Panahis
Sohn, Panah. In «Hit the Road» gelingt es ihm meisterlich, genau diesen
kontrollierten iranischen Alltag, wo jedes kritische Wort das letzte
gewesen sein kann, mit Bildern und Dialogen einzufangen. Andeuten aber
nicht aussprechen, mit Galgenhumor ausharren oder todtraurig gehen -
Aspekte eines Lebens, dass rund um die Uhr reguliert wird. Eindringlich,
wie die Familie in «Hit the Road» und die Kulturschaffenden im Iran sich
kleine Freiheiten herausnehmen, sich resilient zeigen - auch auf die
Gefahr hin, dass die Konsequenzen nicht lange auf sich warten lassen
werden.
«Hit the Road» bedeutet 95 Minuten lang Menschlichkeit und Widerstand!
In diesem Sinne wünschen wir Ihnen einen wunderschönen und auch etwas
sperrigen August,
Eva Meienberg und Natalie Fritz
FILM DES MONATS AUGUST
August 2022
HIT THE ROAD
EINE IRANISCHE FAMILIE FÄHRT GEHETZT DURCHS LAND. WO WILL SIE HIN UND
WARUM? PANAH PANAHIS DEBÜTFILM ENTFÜHRT UNS IN DIE IRANISCHE
LEBENSREALITÄT, WO NICHTS IST, WIE ES SCHEINT, WEIL EINEM ALLES
GEFÄHRLICH WERDEN KANN. EIN KLEINES MEISTERWERK DER TRAGIKOMIK
Ein SUV steht mitten im kargen Nirgendwo. Als ein Mobiltelefon surrt,
schreckt die Frau auf dem Beifahrersitz auf. Der Ursprung des Geräuschs
ist rasch gefunden: die Unterhose des kleinen Jungen. Der Mann, der
neben dem Kleinen auf dem Rücksitz gedöst hat, fischt es raus. Die Frau
zerschneidet die Sim-Karte und vergräbt das Gerät am Strassenrand.
Zurück im Auto geht die Reise weiter.
Es ist eine Familie, die im Innenraum des SUVs sitzt und durch die
iranische Landschaft fährt. Mutter, Vater, grosser und kleiner Bruder.
Wohin sie wollen und weshalb bleibt lange unklar. Die Atmosphäre ist
angespannt. Ein Abschied ist der Grund für die Reise. Für immer? Wer
weiss! Jedenfalls muss Farid, der ältere Sohn, eiligst zur Grenze und
ausser Landes, sonst...
Panah Panahis Debütfilm erklärt nicht, weshalb der junge Mann den Iran
verlassen muss. Klar ist nur, dass die Familie ihre gesamte Habe
veräussert hat, um ihn in Sicherheit zu bringen.
Das tragikomische Roadmovie «Hit the Road» ermöglicht Einblicke in den
Alltag einer Familie, die in einem Land lebt, wo die Wahrheit oder leise
Kritik einen ins Gefängnis bringen können. Panahi weiss das aus eigener
Erfahrung: sein Vater, der Regisseur Jafar Panahi, wurde 2010 mit einem
20-jährigen Berufsverbot belegt.
«Hit the Road» von Panahi Junior ist ein humanistisches Meisterwerk, das
die Surrealität der Situation ebenso gekonnt in Bilder und Dialoge
übersetzt, wie es die politische Brisanz und die innige Verbindung
zwischen den Familienmitgliedern aufzeigt.
Natalie Fritz, Religionswissenschaftlerin und Redaktorin Medientipp
«Hit the Road», Iran 2021; Regie: Panah Panahi; ProtagonistInnen: Pantea
Panahiha, Hassan Madjooni, Rayan Sarlak; Verleih: Filmcoopi,
https://www.filmcoopi.ch/movie/hit-the-road
Ab 11. August 2022 im Kino
https://www.youtube.com/watch?v=p6oUa6O8wK8https://www.medientipp.ch/events/hit-the-road/
Liebe Filmfreundinnen und Filmfreunde
Der Sommer ist endgültig da und zwischen Glaceschlecken und den letzten
Ferienvorbereitungen rücken die Dinge des Lebens in den Hintergrund, die
uns bis vor Kurzem noch tagtäglich beschäftigt haben: Pandemie, Ukraine,
Klima... und Afghanistan.
Als im Frühjahr 2021 der Abzug der NATO-Truppen in Afghanistan begann,
intensivierten die Taliban ihre Angriffe und bauten ihre
Gewaltherrschaft kontinuierlich aus. Was sich seit der Machtübernahme
durch die Taliban im letzten August/September für die afghanische
Bevölkerung alles geändert hat, davon haben wir hier nur wenig
mitbekommen. Die Pandemie und der Krieg in der Ukraine haben die
Schlagzeilen dominiert.
«Flee», unser Film des Monats Juli, bringt nun auf hochemotionale Weise
die leidvolle Geschichte des afghanischen Volkes in unser Gedächtnis
zurück. Der Animationsfilm von Jonas Poher Rasmussen erzählt die
Geschichte des Mitdreissigers Amin, der nach seiner Flucht aus
Afghanistan in Dänemark eine neue Heimat gefunden hat.
Der mehrfach preisgekrönte Film basiert auf wahren Begebenheiten und ist
keine animierte Geschichtslektion, sondern wirft einen sensiblen Blick
auf die Traumata der Geflüchteten. Bei aller Tragik ist «Flee» durchaus
ein hoffnungsvoller Film, zeigt er doch die unglaubliche
Widerstandskraft der Menschen und - ganz ohne Pathos - die Macht von
Liebe und Vertrauen.
Wir wünschen Ihnen einen wunderbaren Juli und grüssen herzlich
Eva Meienberg und Natalie Fritz
FILM DES MONATS JULI
Juli 2022
FLEE
AMIN IST ALS JUNGE AUS AFGHANISTAN GEFLÜCHTET UND LEBT HEUTE ZUSAMMEN
MIT SEINEM PARTNER IN DÄNEMARK. DIE BEIDEN MÖCHTEN HEIRATEN, ABER AMIN
IST BEWUSST, DASS ER ZUERST MIT DER VERGANGENHEIT ABSCHLIESSEN MUSS,
BEVOR ER EIN NEUES LEBENSKAPITEL ANFÄNGT...
Im animierten Dokumentarfilm des dänisch-französischen Filmemachers
Jonas Poher Rasmussen bricht der 36-jährige schwule Amin zum ersten Mal
sein Schweigen. Er ist ein afghanischer Flüchtling, der jetzt mit seinem
Freund in Dänemark lebt. Seine Kindheit in den 80er-Jahren verbrachte er
in seiner kriegsgebeutelten Heimat, bis ihm schliesslich allein die
Flucht nach Russland gelang. Hier wie dort machte er traumatische
Erfahrungen.
Die Geschichte beruht auf einer wahren Begebenheit. Rasmussen führte
dazu eine lange Reihe intimer Interviews mit dem im Film
pseudonymisierten «Amin Nawabi», den er seit der Mittelschule kannte.
Bis dahin hatte «Amin» nie über seine Vergangenheit gesprochen. Seine
Erinnerungen sind lebendig und voller Details, die sich wunderbar auf
die Leinwand übertragen lassen: das Drachensteigenlassen über den
Dächern von Kabul, das sehnsuchtsvolle Betrachten von Postern mit
Jean-Claude Van Damme; der stoische Mut seines Vaters gegen die
Mudschaheddin.
Diese Szenen sind in schnörkellosen 2D-Animationen dargestellt, deren
Klarheit einer eher abstrakten Darstellung weicht, wenn Amin sich an die
Schrecken erinnert, die er und seine Familie in Afghanistan erlebten.
«Flee» ist eine erschütternde Geschichte über Verlust, Schuldgefühle und
das ständige Leben in Angst. Aber auch über Widerstandskraft und
Befreiung, denn ohne die kunstvolle Form der Animation, die ihm
Anonymität bietet, hätte sich der Protagonist vielleicht nie mit seinen
Gespenstern konfrontiert.
Sarah Stutte, Filmjournalistin
«Flee», Dänemark und weitere 2021, Regie: Jonas Poher Rasmussen,
Besetzung: Rashid Aitouganov, Verleih: Filmcoopi, www.filmcoopi.ch [1]
Kinostart: 21. Juli 2022
https://www.youtube.com/watch?v=ceqK0h4gslkhttps://www.medientipp.ch/events/flee/
Links:
------
[1] http://www.filmcoopi.ch