Liebe Filmfreundinnen und Filmfreunde
Wann ist ein Priester ein Priester? Wenn er geweiht ist, wäre eine naheliegende Antwort. Die Debatte um die Missbräuche in der katholischen Kirche und das Gerangel im Verhältnis zwischen Priester und Laien hat gezeigt, dass die Weihe nicht zwingend einen guten Priester macht und dass ein mancher Laie das Charisma eines Priesters hätte. Berufung – Charisma – Weihe. Um diese Themen dreht sich der Film «Corpus Christi» von Jan Komasa. Kompromisslos testet der Regisseur diese Begriffe an der Figur des jugendlichen Straftäters Daniel. Es ist ein fulminantes Gedankenexperiment. Der Protagonist Bartosz Bielenia Ist eine Wucht. Er spielt den unkorrumpierbaren, tief gläubigen Möchtegern-Priester so überzeugend, dass man ihm das Weihe-Sakrament grad selber spenden möchte.
Herzlich,
Eva Meienberg und Natalie Fritz
Film des Monats September
September 2020
Corpus Christi
Der eindringliche Spielfilm «Corpus Christi» des polnischen Regisseurs Jan Komasa wirft Fragen nach der priesterlichen Weihe, Berufung und Charisma auf und zeigt auf, wie sich Wahrheit und Vergebung manifestieren könnten
Daniel sitzt in der Jugendstrafanstalt. Sein einziges Vorbild, im von Gewalt geprägten Anstaltsleben, ist Pfarrer Thomas. Wie er, will auch Daniel Pfarrer werden, was unmöglich ist, weil Daniel getötet hat. Nach der Entlassung soll sich Daniel in einer Sägerei zur Arbeit melden. Schon auf der Busfahrt wird klar, sein Leben wird sich nicht ändern. «Ich erkenne den Abschaum sofort», sagt der Polizist und hält ihm die Dienstmarke unter die Nase.
Daniel sucht Trost in der Kirche. Im Angesicht eines gekreuzigten Jesus, fühlt er sich berufen, sein Leben in die eigenen Hände zu nehmen. Daniel stellt sich als Pfarrer Thomas vor. Traumatisiert durch einen schrecklichen Unfall brauchen die Gemeindemitglieder genau einen wie ihn. Daniel kann ihnen helfen, weil er ist, wer er ist. Tief gläubig, empathisch, ohne Angst vor den menschlichen Abgründen, unkorrumpierbar mit einer starken persönlichen Beziehung zu Gott. Er vertröstet die Gemeinde nicht auf das Jenseits wie der alte Pfarrer, der heimlich seinen Kummer im Alkohol ersäuft.
Der Film des polnischen Regisseurs Jan Komasa testet das klerikale System. Er wirft die Frage nach der priesterlichen Weihe auf und verknüpft sie mit der Frage nach Berufung und Charisma. Die christliche Lehre von Schuld und Vergebung wird wörtlich genommen und wenn Daniel den Corpus Christi in der Monstranz durch das Dorf trägt, wird die Prozession zur Demonstration. Wahrheit, Echtheit, Liebe und Vergebung –für alle! Ein starker Film.
Eva Meienberg, Redaktorin Medientipp
«Corpus Christi» («Boże Ciało»), Polen/Frankreich 2019, Regie: Jan Komasa, Besetzung: Bartosz Bielenia, Eliza Rycembel, Aleksandra Konieczna, Verleih: Xenix Filmdistribution GmbH, Internet: http://www.xenixfilm.ch/de/index.php, Filmwebsite: http://www.xenixfilm.ch/de/film_info.php?ID=11981
Kinostart: 3. September 2020
https://vimeo.com/390684244https://www.medientipp.ch/events/corpus-christi/
Liebe Filmfreund*innen
Sommerzeit bedeutet für viele von uns Film-Aficionadas und -Aficionados
auch Festival- und Open Air-Zeit: draussen auf der grossen Leinwand
Filme anschauen, dazu ein Glace schlecken und nachher gemütlich auf der
Piazza über das Gesehene diskutieren ... Dieses Jahr ist alles anders,
digitaler, beschränkter. Aber das Kino lebt dennoch! Verleiher*innen und
Filmschaffende finden innovative Wege (virtuelle Festivals,
Streaming-Plattformen, Auto-Kinos...), uns trotzdem in den Genuss
hochwertiger Werke kommen zu lassen und unseren Blick auch über Corona
hinaus zu lenken.
Einen faszinierenden Einblick in die Lebenswelten von Konvertit*innen
bietet der Dokumentarfilm "Shalom Allah" von David Vogel. Er zeigt auf,
mit welchen Vorurteilen und Problemen Schweizerinnen und Schweizer, die
zum Islam konvertiert sind, tagtäglich konfrontiert werden.
Mit herzlichen Grüssen aus dem Home Office
Eva Meienberg und Natalie Fritz
FILM DES MONATS AUGUST
August 2020
SHALOM ALLAH
«SHALOM ALLAH» ERZÄHLT DIE GESCHICHTE VON SCHWEIZERINNEN UND SCHWEIZERN,
DIE IN EINER ZEIT LATENTER ISLAMOPHOBIE ZUM ISLAM KONVERTIEREN UND
KONFRONTIERT DIE ZUSCHAUENDEN MIT IHREN VORURTEILEN
In der Schweizerischen Bundesverfassung Artikel 15 ist festgeschrieben,
dass alle Schweizerinnen und Schweizer das Recht haben, ihre
weltanschauliche Überzeugung frei zu wählen und zu bekennen. Sie dürfen
ihre Überzeugung auch ändern, so wie Johan, Aïsha und das Ehepaar Lo
Manto dies getan haben, als sie zum Islam konvertiert sind.
«Was ist denn am Islam schlecht?», fragt Miriam Lo Manto ihre Mutter,
die verzweifelt berichtet, dass Bekannte den Kontakt zu ihrer Tochter
der Konversion wegen abgebrochen hätten. Und Johann erklärt, er stehe
sofort unter Verdacht Islamist zu sein, wenn er im Tarnanzug an der
Reckstange trainiere. Es scheint fester Bestandteil der
Konversions-Biographie zu sein, mit harten Vorurteilen konfrontiert zu
werden. Wer bewusst seine Religion wählt, ist eine Überzeugungstäterin
und steht bald unter Verdacht fundamentalistisch zu sein. Könnte sein.
Kann aber auch nicht sein. David Vogel vermittelt seine Protagonistinnen
als religiös Suchende und Zweifelnde und er lässt sie mit grossem
Respekt mit ihren Widersprüchlichkeiten leben. «Shalom Allah» ist ein
Lehrstück über Vorurteile. Die zentrale Frage darin ist, belassen wir es
bei ihnen oder versuchen wir den Menschen zu begegnen, so wie David
Vogel es in seinem Film vormacht.
Eva Meienberg, Redaktorin Medientipp
«Shalom Allah», Schweiz 2019, Regie: David Vogel, Besetzung: Johan Shaw,
Aïcha Schmid, Miriam Lo Manto, Franco Lo Manto; Verleih: First Hand
Films, Internet: https://www.firsthandfilms.com/:
Kino-Re-Start: 13. August 2020
https://www.youtube.com/watch?v=o__-f5XiaD0https://www.medientipp.ch/events/shalom-allah/
Liebe Filmfreundinnen und Filmfreunde
Es ist eine spezielle Zeit, eine Phase des «Dazwischen» ... Zwischen
Pandemie und sogenannt neuer Normalität, zwischen erster und zweiter
Welle, zwischen staatlich verordnetem Social Distancing und
individuellem Bedürfnis nach Nähe. Unser Film des Monats Juli, «Berlin
Alexanderplatz», passt insofern bestens in diese Zeit: Burhan Qurbani
inszeniert seine Protagonisten als Wandler zwischen den Welten, den
Gesellschaftsschichten - als Hochseil-Akrobaten auf Messers Schneide.
Der hoffnungsvolle Sprung in eine bessere Zukunft kann sich umgehend in
den Fall in den Abgrund verwandeln ... Das epochale, mutige Werk
überzeugt mit erzählerischer Dichte, unzähligen Querbezügen und tollen
Schauspielern.
Also, trotzen wir den schwierigen Umständen und lassen uns für einige
Stunden im Halbdunkel des Kinosaals ablenken - natürlich unter
Einhaltung der Vorsichtsmassnahmen.
Herzlich grüssen Eva Meienberg und Natalie Fritz
FILM DES MONATS JULI
Juli 2020
BERLIN ALEXANDERPLATZ
FRANCIS FLÜCHTET AUS GUINEA-BISSAU UND ENTRINNT BEI DER ÜBERFAHRT NUR
KNAPP DEM TOD. DANKBAR UND MIT BESTEN ABSICHTEN GEHT ER SEINER ZUKUNFT
IN BERLIN ENTGEGEN, DOCH SEIN HARTES SCHICKSAL SCHEINT UNAUSWEICHLICH ZU
SEIN. EIN EPOCHALES WERK MIT BIBLISCHEN AUSMASSEN
Der junge Francis wird auf der Flucht von Guinea-Bissau allein ans
südeuropäische Land gespült. Froh, am Leben zu sein, will er ein
besserer Mensch werden. Doch das Schicksal meint es in Berlin, wo es ihn
hin verschlägt, nicht gut mit ihm. Er gerät in die Fänge des psychisch
labilen und unberechenbaren Reinhold, der Francis nun Franz nennt. Er
beschäftigt ihn als Drogendealer und reisst ihn mit sich in den Abgrund.
Nicht nur ist Alfed Döblins sprachgewaltiger Jahrhundertroman von 1929,
mit seinen biblischen Verweisen (Franz ist an die Figur Hiob angelehnt)
sowie seinen unzähligen mythologischen und literarischen Bezügen ein
fast unbezwingbarer Berg. Auch die drastisch-filmische Umsetzung als
14-teilige TV-Serie durch Rainer Werner Fassbinder aus dem Jahr 1980
galt bis anhin als die Beste. Fassbinders düsteres Millieu der
Entrechteten, Verlorenen und Vergessenen konnte man in jedem Bild und
jedem gesagten Wort fühlen, einatmen und schmecken.
Mit seiner freien Verfilmung, die das damalige Berlin in die Gegenwart
transferiert, hat sich Regisseur Burhan Qurbani nun mit derselben
Furchtlosigkeit in den Roman gestürzt, dem er aber in vielen Details
auch seinen Respekt zollt. Eine grandiose Darstellung liefert Albrecht
Schuch als gebrochener Reinhold. Keine Minute ist in diesem
dreistündigen Epos zu viel. Man durchlebt diese Geschichte, als tauche
man zum ersten Mal in sie ein und ist am Ende bewegt und berauscht von
diesem Gesamtkunstwerk und so viel mutigem deutschen Kino.
Sarah Stutte, Filmjournalistin
«Berlin Alexanderplatz», Deutschland/Niederlande 2020, Regie: Burhan
Qurbani, Besetzung: Welket Bungué, Albrecht Schuch, Jella Haase,
Verleih: filmcoopi, www.filmcoopi.ch
Kinostart: 9. Juli 2020
https://youtu.be/lpR9-YXR05khttps://www.medientipp.ch/events/berlin-alexanderplatz/
Liebe Filmfreundinnen und Filmfreunde
Die Rückkehr in die roten Samtsessel und zu den grossen Leinwänden hat
eingesetzt! Nicht länger nur zuhause streamen, sondern wieder gemeinsam
mitleiden, schwelgen und nachdenken - im Kino. Ein Highlight dieser
ersten Tag der Wiedereröffnung, das wir ihnen ans Herz legen möchten,
ist «Woman». Der Dokumentarfilm zeigt mit Humor und Feingefühl auf, was
es heisst, heutzutage eine «Frau zu sein». Mehr als 2000 Frauen aus 50
Ländern berichten von ihren Erfahrungen. Das ist anrührend, schön,
traurig, schrecklich und ungemein faszinierend.
Auf einen guten Re-Start und bleiben Sie gesund,
Eva Meienberg und Natalie Fritz
FILM DES MONATS JUNI
6/2020
WOMAN
2'000 FRAUEN AUS 50 LÄNDERN ERZÄHLEN, WIE ES IST, ALS FRAU ZU LEBEN –
EIN INTIMES, TRAURIGES UND KOMISCHES KALEIDOSKOP DER WEIBLICHKEIT!
Schon die ersten Minuten des Dokumentarfilms von Anastasia Mikova und
Yann Arthus-Bertrand sind hochemotional. Die mexikanische Triathletin
Norma Bastidas erzählt unter Tränen, dass sie Wüsten durchquert und
einen Weltrekord aufgestellt hätte, doch niemals solche Angst empfand,
wie in dem Moment, als sie öffentlich zugab, sexuelle Gewalt und
Menschenhandel erlebt zu haben. «Gewalt verbreitet sich im Schweigen.
Wir haben eine Stimme, nur will uns niemand hören», sagt sie. Die
Journalistin Mikova und der Fotograf Bertrand wollten zuhören.
Für ihren Film befragten sie 2'000 Frauen in 50 Ländern. Nicht nur zu
Themen wie erlebte Gewalt, Missbrauch, Zwangsheirat und Beschneidung,
auch zu Sexualität, Kindern, dem Älterwerden, Bildung und finanzieller
Unabhängigkeit. Entstanden ist ein Kaleidoskop aus Momentaufnahmen, das
traurige, witzige und sehr ehrliche, intime Einblicke in verschiedene
Lebensrealitäten gibt. In einer Szene zeigen sich einige der Frauen
nackt, mit Narben von Brustamputationen und Körpern, die von
Säureangriffen gezeichnet sind. Das setzt viel Vertrauen in die
Filmemacher und die ausnahmslos weiblichen Interviewerinnen voraus, die
während zwei Jahren die langen Gespräche mit den verschiedenen Frauen
führten und daraus die Essenz herausfilterten.
Fast zwei Stunden ist man davon ausnahmslos bewegt und von der visuellen
Kraft der Bilder gleichermassen beeindruckt. «Woman» ist eine
Demonstration innerer Stärke und zollt den Frauen den Respekt, den sie
verdienen.
Sarah Stutte, Filmjournalistin
«Woman», Frankreich 2019, Regie: Anastasia Mikova, Yann Arthus-Bertrand,
Verleih: JMH Distributions, www.jmhsa.ch, Filmhomepage:
http://www.woman-themovie.org/en/
Kinostart: 6. Juni 2020
https://www.medientipp.ch/events/woman/
Liebe Filmfreundinnen und Filmfreunde
Selbstverständlich sollte es Greta Thunberg und nicht Great Thunberg
heissen, auch wenn sie für viele Menschen sicherlich great ist!
Beste Grüsse
Eva Meienberg und Natalie Fritz
Liebe Filmfreundinnen und Filmfreunde
Zwar wird es noch eine Weile dauern, bis wir wieder gemütlich im Kino
sitzen und Filme auf grosser Leinwand geniessen können, aber damit die
Zeit nicht zu lang wird, versorgen wir Sie heute mit einem «Film des
Monats», der gestreamt werden kann.
Bruno Dumonts «Jeanne d'Arc»-Adaption ist vielmehr eine Reflexion über
Machtstrukturen, Absolutismusansprüche und Willenskraft, denn eine
psychologische Annäherung an die französische Freiheitskämpferin. Dieser
sozio-politische Ansatz, den Dumont in «Jeanne» verfolgt, aktualisiert
die jahrhundertealte Geschichte und verweist auf gegenwärtige Ereignisse
und exponierte Persönlichkeiten (Great Thunberg?!) und darauf, dass sich
die Geschichte stets wiederholt ... Leider?!
Wir wünschen Ihnen allen Kraft und Energie für die nächsten Wochen und
senden herzliche Grüsse
Eva Meienberg und Natalie Fritz
FILM DES MONATS MAI
Mai 2020
JEANNE
JEANNE VON BRUNO DUMONT IST DIE GESCHICHTE EINES MÄDCHENS, DAS SEINEN
GLAUBEN NICHT VERRÄT. IHRE ENTSCHLOSSENHEIT LÄSST DIE MÄCHTIGEN ZITTERN
UND FÜHRT DEN MENSCHEN IHREN WANKELMUT VOR AUGEN
Am Ende brennt Jeanne d'Ârc auf dem Scheiterhaufen. Im Film von Bruno
Dumont brennt Jeanne aber schon vor ihrem gewaltsamen Tod. Sie brennt
für die Freiheit ihrer Landsleute, für Gerechtigkeit und für Gott,
dessen Aufträge sie unbedingt erfüllen will.
Mit kindlichem Eifer und ein wenig trotzig will sie die Engländer
vertreiben, so wie Stimmen es ihr befohlen haben. Ihre Gebete finden in
den aufwühlenden Liedern des französischen Chansoniers Christoph ihren
Ausdruck. Jeanne weiss, worauf sie sich einlässt und geht mit wehender
Fahne dem tödlichen Feuer entgegen. Dieser Weg verlangt Übermenschliches
und übermenschlich ist auch die dargestellte Figur. Jeanne ist ein
Symbol, steht für ein Ideal.
Schonungslos entlarvt das Mädchen das kirchliche Gericht, vor dem es
sich wegen Häresie verteidigen muss. Die eloquent vorgebrachten
Argumente der studierten Theologen vermögen nicht darüber
hinwegzutäuschen, dass hier ein Mensch geopfert wird um das System - die
katholische Kirche - zu retten.
Viele lange Totalen zeigen eine symmetrische Welt und geben vor, alles
sei in einer Ordnung, wäre da nicht dieses Mädchen, das alles
durcheinanderbringt. In vielerlei Hinsicht ist der Film reduziert und
gleichzeitig so geladen mit Bedeutung und Spannung, dass der brennende
Scheiterhaufen am Ende nicht nur für den kirchlichen Ankläger zur
Erlösung wird.
Eva Meienberg, Redaktorin Medientipp
«Jeanne», Frankreich 2019, Regie: Bruno Dumont, Besetzung: Lise Leplat
Prudhomme, Robert Luchini, Benoît Robail; Verleih: Outside the Box,
Internet: https://www.outside-thebox.ch/de/, Filmwebsite:
https://www.outside-thebox.ch/de/jeanne-2/
Streaming ab: 26. März 2020
https://vimeo.com/399092823https://www.medientipp.ch/events/jeanne/
Liebe Filmfreundinnen und Filmfreunde
Wer hätte Anfang Märze gedacht, dass die Welt vier Wochen später ganz
anders aussieht ... Zum Daheimbleiben verpflichtet, mit geschlossenen
Kinos, möchten wir Sie an dieser Stelle auf vier lohnenswerte Schweizer
Streaming-Portale hinweisen, die eine gut kuratierte Auswahl an
Schweizer und internationalen Produktionen gratis oder für einen
geringen Unkostenbeitrag zu Verfügung stellen. Sozusagen ein
«Rettungsänkerli» für Kino-Süchtige.
www.filmingo.ch – Das Streamingportal bietet internationale
Arthouse-Film-Klassiker und Arthouse-Filme wie «Camille», die gerade
erst im Kino liefen. Ein Film kostet CHF 8, ein Monatsabo gibts CHF 9.
Das Portal gehört zu trigon film.
www.artfilm.ch –Das Streamingportal bietet eine bunte Palette Spiel-,
Kunst-, Dok- und Kurzfilme aus der Schweiz. Bis zum 30.4. ist das
Video-On-Demand-Sortiment, das unter anderem Leckerbissen wie Peter
Liechtis «Signers Koffer» oder Ursula Meiers «Home» umfasst, gratis.
www.filmstream.ch – Die Zentralschweizer Filmschaffenden haben innert
Wochen eine Plattform aus dem Boden gestampft, wo sie Kurz-, Spiel- und
Dokfilme aus eigener Produktion, sozusagen «aus der Region für die
Schweiz», für 30 Tage gratis zum Visionieren anbieten. «All Inclusive»
von Corina Schwingruber Ilić findet sich hier genauso wie Alice Schmids
«Das Mädchen vom Änziloch». Tolle Aktion!
www.cinefile.ch – Ein Portal, das vor allem aktuelle Kinofilme und
ausgewählte Klassiker im Programm hat. Der Lebenslauf-Zyklus in
Tableaus, «Echo» von Rúnar Rúnarsson, lässt sich hier streamen oder eine
Auswahl südkoreanischer Meisterwerke von Bong Joon-ho oder Kim Ki-duk
entdecken. Ab CHF 9/Monat.
Wir wünschen Ihnen allen gute Gesundheit und trotz Corona frohe
Osterfeiertage.
Herzliche Grüsse aus dem Home Office
Eva Meienberg und Natalie Fritz,
Redaktion Medientipp
Liebe Filmfreund*innen
Kein Schnee, dafür Winterstürme ... Das Klima verändert sich - nicht nur
das meteorologische. «Shalom Allah» unser Film des Monats März
(Kinostart 19.03.2020) erzählt ebenfalls bewegte, bisweilen gar
stürmische Geschichten von Menschen, die zum Islam konvertiert sind und
dadurch nicht nur neue Freunde gewonnen haben. Der Filmemacher David
Vogel begegnet seinen Protagonisten mit viel Respekt und Toleranz und
hinterfragt während der Dreharbeiten seinen eigenen jüdischen
Background.
Ein Film, der dazu anregt, sich darüber klar zu werden, wie Vorurteile
entstehen und wie man ihnen begegnen kann.
Mit herzlichen Grüssen aus dem stürmischen Zürich
Eva Meienberg und Natalie Fritz
FILM DES MONATS MÄRZ
März 2020
SHALOM ALLAH
«SHALOM ALLAH» ERZÄHLT DIE GESCHICHTE VON SCHWEIZERINNEN UND SCHWEIZERN,
DIE IN EINER ZEIT LATENTER ISLAMOPHOBIE ZUM ISLAM KONVERTIEREN UND
KONFRONTIERT DIE ZUSCHAUENDEN MIT IHREN VORURTEILEN
In der Schweizerischen Bundesverfassung Artikel 15 ist festgeschrieben,
dass alle Schweizerinnen und Schweizer das Recht haben, ihre
weltanschauliche Überzeugung frei zu wählen und zu bekennen. Sie dürfen
ihre Überzeugung auch ändern, so wie Johan, Aïsha und das Ehepaar Lo
Manto dies getan haben, als sie zum Islam konvertiert sind.
«Was ist denn am Islam schlecht?», fragt Miriam Lo Manto ihre Mutter,
die verzweifelt berichtet, dass Bekannte den Kontakt zu ihrer Tochter
der Konversion wegen abgebrochen hätten. Und Johann erklärt, er stehe
sofort unter Verdacht Islamist zu sein, wenn er im Tarnanzug an der
Reckstange trainiere. Es scheint fester Bestandteil der
Konversions-Biographie zu sein, mit harten Vorurteilen konfrontiert zu
werden. Wer bewusst seine Religion wählt, ist eine Überzeugungstäterin
und steht bald unter Verdacht fundamentalistisch zu sein. Könnte sein.
Kann aber auch nicht sein. David Vogel vermittelt seine Protagonistinnen
als religiös Suchende und Zweifelnde und er lässt sie mit grossem
Respekt mit ihren Widersprüchlichkeiten leben. «Shalom Allah» ist ein
Lehrstück über Vorurteile. Die zentrale Frage darin ist, belassen wir es
bei ihnen oder versuchen wir den Menschen zu begegnen, so wie David
Vogel es in seinem Film vormacht.
Eva Meienberg, Redaktorin Medientipp
«Shalom Allah», Schweiz 2019, Regie: David Vogel, Besetzung: Johan Shaw,
Aïcha Schmid, Miriam Lo Manto, Franco Lo Manto; Verleih: First Hand
Films, Internet: https://www.firsthandfilms.com/:
Kinostart: 19. März 2020
https://youtu.be/s0p5VCyHgQghttps://www.medientipp.ch/events/shalom-allah/
Liebe Filmfreundinnen und Filmfreunde
Das Jahr hat interessant begonnen, die Filmtage in Solothurn
beispielsweise haben einen faszinierenden Überblick über das Schweizer
Filmschaffen geboten, und wir sind gespannt, was an cineastischen
Leckerbissen in diesem Jahr noch alles auf uns zukommen wird.
Unser Film des Monats beschäftigt sich mit der Vergangenheit, die bis
heute nachwirkt. In «A Hidden Life» erzählt Regie-Altmeister Terrence
Malick die Geschichte des österreichischen Kriegsdienstverweigerers
Franz Jägerstätter und seiner Frau Franziska. Der Film zeigt sehr
eindrücklich, wie schwierig es sein kann, gewaltlosen Widerstand zu
leisten und welche einschneidenden Konsequenzen ein solches Verhalten
mit sich bringen kann. Eine Geschichte aus dem Zweiten Weltkrieg, die
bis heute leider nichts an Dringlichkeit verloren hat ...
Mit winterlichen Grüssen aus Zürich
Eva Meienberg und Natalie Fritz, Redaktorinnen Medientipp
FILM DES MONATS FEBRUAR
Februar 2020
A HIDDEN LIFE
DER US-AMERIKANISCHE AUSNAHMEREGISSEUR TERRENCE MALICK HAT SICH IN «A
HIDDEN LIFE» DEM ÖSTERREICHISCHEN KRIEGSDIENSTVERWEIGERER FRANZ
JÄGERSTÄTTER ANGENÄHERT, DER ALS GLÄUBIGER KATHOLIK LIEBER DEN EIGENEN
TOD ALS DIE VERNICHTUNG UNZÄHLIGER UNSCHULDIGER AUF SICH NAHM
Der US-amerikanische Regisseur Terrence Malick galt jahrzehntelang als
genialer Filmemacher, der seine philosophischen Grundgedanken in
überzeugende Bilder umzusetzen vermochte. In den letzten Jahren hatte
sein Ruf jedoch gelitten. Nun meldet er sich mit einem dreistündigen,
ebenso stillen wie eindringlichen Alterswerk zurück. In «A Hidden Life»
widmet er sich Franziska und Franz Jägerstätter, Bauersleuten aus
Oberösterreich. Aus Gewissensgründen verweigert der Ehemann im zweiten
Weltkrieg den Kriegsdienst bei der Wehrmacht. Seine Frau trägt seine
Entscheidung mit. Er wird hingerichtet, sie gerät in Armut und wird
sozial ausgegrenzt.
Die wahre Widerstandsgeschichte des vitalen, frommen katholischen
Ehepaars nimmt der Filmemacher zum Anlass, um radikal über den Sinn
solchen Widerstands zu meditieren. Bildmächtig schildert er zunächst,
wie das Paar in Harmonie mit der ländlichen Natur ein kleines Paradies
schaffen will. Beklemmend berichtet er dann, wie auch kirchliche
Amtsträger und andere Gläubige sich von den beiden distanzieren.
Grossartig spielen Valerie Pachner, August Diehl und andere, nicht
zuletzt Bruno Ganz in einem seiner letzten Filmauftritte. Das sehr
sehenswerte Drama legt nahe, wie Glaubenskraft und Treue zum Evangelium
einzelne Menschen trotz übermächtigem Druck, Barbarei und Gewalt in
grosse innere Freiheit führen.
Franz-Xaver Hiestand SJ, Leiter des aki Zürich
«A Hidden Life», Deutschland/USA 2019, Regie: Terrence Malick,
Besetzung: Valerie Pachner, August Diehl, Bruno Ganz, Verleih: Walt
Disney Company Schweiz, Internet:
https://www.cineimage.ch/film/hiddenlife/ [1], Filmwebsite:
https://www.ein-verborgenes-leben.de/ [2]
Kinostart: 30. Januar 2020
https://www.youtube.com/watch?v=zsKSuxcO_nA [3]
https://www.medientipp.ch/events/a-hidden-life/ [4]
Links:
------
[1] https://www.cineimage.ch/film/hiddenlife/
[2] https://www.ein-verborgenes-leben.de/
[3] https://www.youtube.com/watch?v=zsKSuxcO_nA
[4] https://www.medientipp.ch/events/a-hidden-life/
Liebe Filmfreundinnen und Filmfreunde
Wir hoffen, dass Sie besinnliche und bereichernde Festtage verlebt haben und gut ins neue Jahr gerutscht sind. Unser erster Film des Monats im «Doppel-Zwanzig» ist der Schweizer Dokumentarfilm «Im Spiegel», der Menschen ins Zentrum stellt, die sonst am Rande der Gesellschaft leben und nur so aus dem Augenwinkel wahrgenommen werden. Hier erzählen vier Obdachlose ihre Geschichte, während die Coiffeuse Anna Tschannen ihnen die Haare schneidet. Ein bewegender Einblick in eine andere Lebenswelt – und ein nachhaltiger Aufruf dazu, ab und an die Perspektive zu wechseln … Warum nicht im 2020 damit beginnen?
Mit den besten Wünschen fürs neue Jahr
Eva Meienberg und Natalie Fritz
Film des Monats
Januar 2020 by kath.ch
Im Spiegel
«Im Spiegel» macht obdachlose Menschen sichtbar, die sonst in der Hektik des Alltags verschwinden. Der neue Film von Matthias Affolter gibt den obdachlosen Protagonistinnen viel Raum. Ihre Erzählungen stehen im Zentrum und sind eine Bereicherung, wenn man Zeit hat, ihnen zuzuhören
Haare wachsen immer, auch wenn man unter einer Brücke schläft. Anna Tschannen schneidet sie obdachlosen Frauen und Männern für fünf Franken. In einem hellen Zimmer mit grossem Spiegel beobachten sie Anna bei ihrer Arbeit. Sie führt sie sorgfältig und bedächtig aus, gerade so, als wollte sie ihren Kundinnen genügend Zeit zum Erzählen geben. Über die Zeit verdichten sich die Berichte der Obdachlosen zu traurigen Biografien von Einsamkeit, Scham, Gewalt, Drogen und Flucht.
Ramon Gigers Kamera begleitet Markus, Aarold, Urs und Lilian auf ihren Streifzügen. Immer sind sie unterwegs, niemals zu Hause. Sorgfältig komponierte Tableaus zeigen in Variationen das gleiche Bild: Menschenströme, die an den wartenden Obdachlosen vorbeiziehen ohne innezuhalten, als sähe man sie nicht, als gäbe es sie nicht.
Unvergessliche Sätze, die Anna Tschannen in ihrem mobilen Coiffeursalon vernommen hatte, schrieb sie in ein Buch. Es sind Erkenntnisse von Menschen in Wartehäuschen, die alle Zeit haben zu beobachten. Diese Erkenntnisse sind wertvoll für hastende Zeitgenossen, die keine Zeit haben, sich diese Gedanken zu machen.
Matthias Affolters Film vermittelt uns Zuschauenden eine Perspektive, die wir normalerweise meiden, auf eine eingängliche Weise. Wir verstehen, dass das Schicksal von Urs, Aarold, Markus oder Liliane auch das unsrige sein könnte. Die Geschichten verdeutlichen, es braucht wenig, um zu straucheln.
Eva Meienberg, Religionswissenschaftlerin und Redaktorin Medientipp
«Im Spiegel», Schweiz 2019, Regie: Matthias Affolter, Besetzung: Anna Tschannen, Urs Saurer, Lilian Senn; Verleih: Royal Film, Internet: https://www.royal-film.ch, Filmwebsite: https://www.im-spiegel.ch
Kinostart: 15. Januar 2020
https://vimeo.com/354637025https://www.medientipp.ch/events/im-spiegel/