Liebe Filmfreundinnen und Filmfreunde
Ich hoffe, dass Sie alle die Osterfeiertage genutzt haben, um das zu tun, was sie gerne machen. Vielleicht ergab sich ja auch die Möglichkeit, den einen oder anderen Film-Klassiker – wie etwa «The Robe» oder «Ben Hur» – am TV anzuschauen. Auch der Film des Monats April, «Foxtrot», spielt in der näheren und weiteren Umgebung von Jesu Geburts- und Wirkungsstätten, aber in diesem bereits mehrfach preisgekrönten Werk von Samuel Maoz ist Veränderung nicht erwünscht.
Ein Film der aufwühlt, weil er die Absurdität der kriegerischen Auseinandersetzung zwischen Israelis und Palästinensern ungeschönt zeigt. Ein Film, der aber auch Hoffnung sät, weil er deutlich macht, dass wie und was wir erinnern, formbar ist und die nächste Generation es besser machen könnte, wenn sie sich anstrengt und alte Muster hinter sich lässt…
Mit frühlingshaften Grüssen
Natalie Fritz, Redaktorin Medientipp
Film des Monats
April 2018 by kath.ch
Foxtrot
«Wir tanzen den Foxtrot, jede Generation macht das. Wir enden immer wieder am Start». Der israelische Filmemacher Samuel Maoz verarbeitet mit viel Einfühlungsvermögen und einer grossen Portion zynischem Humor sein persönliches Kriegstrauma und die lähmende Angst vor Veränderung, die in seiner Heimat vorherrscht
Die Tür geht auf und das Unheil kommt herein. Drei Armeeangehörige treten ein und teilen dem Ehepaar Feldmann mit, dass ihr Sohn Jonathan im Dienst gefallen ist. Während die Mutter zusammenbricht, ist der Vater wütend und allein mit seiner Verzweiflung. Dann sieht man Jonathan und seine drei Kameraden bei der Grenzbewachung irgendwo im Nirgendwo, jedoch nicht als Rückblende. Denn die Geschichte ist hier noch nicht zu Ende erzählt. Sie fängt gerade erst an.
Samuel Maoz verarbeitet, nach seinem erfolgreichen Spielfilmdebüt «Lebanon», das 2009 in Venedig den Goldenen Löwen gewann, ein zweites Mal und ebenfalls schon mehrfach prämiert, sein persönliches Kriegstrauma. Intelligent erzählt, provokant und zynisch legt er den Finger auf die offenen Wunden der israelischen Gesellschaft. Im Blick sind dabei stets die Menschen, ihre inneren Kämpfe, ihre Narben.
Mit «Foxtrot» ist Maoz aber nicht nur ein inhaltliches Glanzstück gelungen, sondern auch ein visuell eindrückliches. Während die Beklemmung der Eltern in ihrer grossen und modernen Wohnung aus einer Vogelperspektive nachvollziehbar gemacht wird, muten die rostbraunen Panorama-Bilder aus dem Niemandsland surrealistisch an. Ein Kamel, eine Schranke, ein Tanz und die Einsicht, dass man Dinge nur ändern kann, wenn man Veränderung zulässt. «Wir tanzen den Foxtrot, jede Generation macht das. Wir enden immer am Start», sagte Samuel Maoz beim Interview in Zürich. Eine Einsicht, so traurig wie wahr.
Sarah Stutte, Filmjournalistin
«Foxtrot» hat am 32. Festival International de Films de Fribourg (FIFF) den Preis der Ökumenischen Jury gewonnen. http://www.inter-film.org/de/festivals/festival-international-de-films-de-f…
«Foxtrot», Israel/Deutschland/Frankreich 2017, Regie: Samuel Maoz, Schauspieler: Lior Ashkenazi, Sarah Adler, Yonatan Shiray,Verleih: Filmcoopi, www.filmcoopi.ch <http://www.filmcoopi.ch> ; https://www.filmcoopi.ch/movie/foxtrot
Kinostart: 5. April 2018
https://www.youtube.com/watch?v=8Qo-GENw92Ihttps://www.medientipp.ch/events/foxtrot/
Liebe Filmfreundinnen und Filmfreunde
Eben noch dicke Schneeflocken und heute schon Picknick im Freien! Alles ändert sich – die Migrationsfragen bleiben bestehen. Wie sollen wir die vielen Menschen empfangen, die eine lebensgefährliche Reise hinter sich haben? Wo bringe wir sie unter? Wie integrieren wir sie?
Markus Imhoofs Dokumentarfilm «Eldorado» beschäftigt sich intensiv mit dieser humanitären Problematik, die uns alle betrifft. Sein Film zeigt eindringlich auf, dass es sich bei Flüchtlingen nicht um eine homogene Masse, eine Zahl handelt, sondern um Menschen. Menschen mit einer Geschichte, Menschen, die geprägt von Hoffnungen und Ängsten ihre Heimat verlassen haben, um ihr Glück in der Ferne zu versuchen.
Vielleicht bewirkt dieser neue, zutiefst menschliche Blick auf Migration – wenigstens in den Kinogängern – etwas...
Mit frühlingshaften Grüssen
Natalie Fritz
Medientipp
Film des Monats
März 2018 by kath.ch
Eldorado
Markus Imhoofs Dokumentarfilm gibt den Menschen ein Gesicht und eine Geschichte zurück, die alles hinter sich liessen, um an einem fremden Ort ein neues Leben zu beginnen
Markus Imhoof stellt sie oft, die Fragen nach unserer gesellschaftlichen Verantwortung für das, was auf der Welt passiert. Häufig liegt seine Sicht der Dinge dabei einer persönlichen Erfahrung zugrunde, so wie in seinen Spielfilmen «Das Boot ist voll» (1981) und «Flammen im Paradies» (1996). Auch «Eldorado» ist Imhoofs Kindheitserinnerung an das italienische Flüchtlingskind Giovanna geschuldet, dass von seiner Familie während des 2. Weltkrieges aufgenommen wurde. Auch die Odyssee der Flüchtlinge aus afrikanischen Ländern, die versuchen, über das Mittelmeer Italien zu erreichen, kann mit Begriffen wie Illusion, Hoffnung und Ernüchterung beschrieben werden.
Imhoof durfte die Operation «Mare Nostrum» mit der Kamera begleiten. Dadurch sehen wir als Zuschauer mehr, als die nüchternen Nachrichtenbilder, die uns verzweifelte und erschöpfte Gesichter zeigen. Wir verfolgen den Weg dieser Menschen, nachdem sie aus dem Wasser gefischt wurden. Wir sind dabei, wenn sie berichten, was sie erlebt haben. Wir sehen, in welche Auffanglager sie kommen und in welches, von der Mafia kontrollierte Ghetto, wenn ihr Asylgesuch abgelehnt wurde. Wir sitzen in den Anhörungen, die darüber entscheiden, wer bleiben darf und wer nicht. Und später mit denjenigen im Zug, die in ihre Länder zurückgeschickt werden. Am Ende, und das ist Imhoofs unbequemer Fragestellung zu verdanken, glauben wir nicht mehr, dass das Alles nicht in unserer Verantwortung liegt. Und das ist gut so.
Sarah Stutte, Filmjournalistin
«Eldorado», Schweiz 2018, Regie: Markus Imhoof, Verleih: Frenetic Films, www.frenetic.ch <http://www.frenetic.ch> , http://www.frenetic.ch/katalog/detail//++/id/1041 <http://www.frenetic.ch/katalog/detail/++/id/1041>
Kinostart: 8. März 2018
https://www.youtube.com/watch?v=WP_E3lfs_Fkhttps://www.medientipp.ch/events/eldorado/
Liebe Filmfreundinnen und Filmfreunde
Es tut sich was in der Medienlandschaft - im In- und Ausland. Nicht nur,
dass wir alle immer «digitaler» werden, sondern auch die Frage, was soll
und kann Journalismus leisten, wird aktuell immer wieder aus
unterschiedlichen Perspektiven hinterfragt. Dieter Fahrers «Die Vierte
Gewalt» - unser Film des Monats Februar - beschäftigt sich exakt mit
diesem Wandel, der ja weitaus tiefgreifender ist, als eine blosse
Verschiebung der Informationsvermittlung von Print zu Online. Auch im
Hinblick auf die kommende Abstimmung bietet dieser Dokumentarfilm eine
sachliche und gut recherchierte Reflexionsgrundlage.
Mit besten Grüssen aus der Medientipp-Redaktion
Natalie Fritz
FILM DES MONATS
Februar 2018
DIE VIERTE GEWALT
DER BERNER FILMEMACHER DIETER FAHRER MACHT SICH AUF, UM DIE AKTUELLE
SITUATION DER «VIERTEN GEWALT» IM LAND – DES UNABHÄNGIGEN JOURNALISMUS –
NACHZUZEICHNEN. EIN REFLEKTIERTER AUFRUF FÜR EINE FREIE SCHWEIZER
MEDIENLANDSCHAFT, DIE SICH DER QUALITÄT UND NICHT DER QUANTITÄT
VERSCHREIBT
Der Berner Filmemacher Dieter Fahrer («Thorberg») ist besorgt über die
Entwicklung der Presselandschaft und stellt Fragen zum Zustand der
öffentlichen Medien. Als «Vierte Gewalt» bilden sie neben Legislative,
Exekutive und Judikative eine wichtige Grundlage für das Funktionieren
der Demokratie. Er steht in der leeren Wohnung, in der seine betagten
Eltern ein halbes Jahrhundert gelebt und täglich den «Bund» gelesen
haben. Jetzt tun sie es im Altersheim. Wie lange noch?
Am Ende des Films der ernüchternde Blick in eine leere Ecke des
Grossraumbüros auf der «Bund»-Redaktion, die vor zwei Jahren im Rahmen
einer Spar- und Abbaurunde geräumt werden musste. Die Redaktoren
recherchieren gründlich und bemühen sich um wahrheitsgetreue
Berichterstattung. Aber wie lange betreiben die Printmedien noch
Qualitätsjournalismus, wie ihn Fahrer kennt und in Bild und Ton
einfühlsam schildert? Und ist auch das staatstragende «Echo der Zeit»
von SRF gefährdet? Gehört die Zukunft dem ausschliesslich
werbefinanzierten Onlineportal «Watson», das auf Emotionen setzt und
sich ein Ressort «Spass» leistet? Wird die «Republik», das neu
lancierte, werbefreie Online-Abo-Magazin eine Alternative dazu?
Dass die Unabhängigkeit der Vierten Gewalt auch bei uns nicht mehr immer
gewährleistet ist, bringt Fahrers Eltern nicht aus der Ruhe. Den
kritisch beobachtenden und unaufgeregt fragenden Regisseur, selbst auch
ein digitaler User, allerdings schon ein wenig.
Hans Hodel, Jury-Koordinator Interfilm
«Die Vierte Gewalt», Schweiz 2018, Regie: Dieter Fahrer; Verleih: fair &
ugly Filmverleih GmbH Bern, Internetseite: www.fairandugly.ch [1];
Filmseite: https://www.fairandugly.ch/filmverleih/dieviertegewalt/
Kinostart: 08. Februar 2018
https://www.youtube.com/watch?v=2per0tjSJTIhttps://www.medientipp.ch/events/die-vierte-gewalt-2/
Links:
------
[1] http://www.fairandugly.ch
Liebe Filmfreundinnen und Filmfreunde
Ich hoffe, Sie sind alle gut im Jahr 2018 angekommen! Haben Sie auch die stürmische Burglind als Vorwand benutzt, die Neujahrsvorsätze bezüglich Joggen und Spaziergängen an der frischen Luft ein erstes Mal zu umgehen – aus sicherheitstechnischen Gründen, selbstverständlich – und sind dafür in der wohligen Wärme eines Kinosessels versunken? Es wäre Ihnen nicht zu verdenken. Unser Film des Monats Januar ist «Lucky», der die tragikomische Geschichte eines alten Cowobys erzählt. Ein wunderbarer Film über das spektakulär Alltägliche! Zugleich ist der Film eine liebevolle Hommage an den im vergangenen September verstorbenen Hauptdarsteller, Harry Dean Stanton.
Auf vielseitigen Wunsch wird der Film des Monats wieder mit zusätzlichem pdf-Anhang zum Ausdrucken versandt.
Mit den besten Wünschen zum Neuen Jahr
Natalie Fritz, Redaktorin Medientipp
Film des Monats
Januar 2018
Lucky
Die Geschichte über einen alten und etwas skurrilen Cowboy namens «Lucky» balanciert gekonnt zwischen Ironie und Ernsthaftigkeit, zwischen alltäglichen Freuden und dräuender Tragik. Eine herzerwärmende Geschichte, die umwerfend schön inszeniert ist
Harry Dean Stanton ist mit 90 Jahren nochmals vor die Kamera getreten und gab den verschrobenen, aber lebenstauglichen Cowboy im Südwesten der USA. Mit «Lucky» hat ihm der junge Regisseur John Carroll Lynch ein Denkmal gesetzt. Mit viel Witz und Ironie führt uns der Regisseur durch die Schauplätze. Sein Protagonist hat keinen Namen. Alle nennen ihn einfach «Lucky», wohl weil er eine robuste Gesundheit und einen gesunden Menschenverstand hat. Lucky ist Realist und bekennender Atheist. Er hat feste Rituale, einen geregelten Tagesablauf und Freunde in der Bar, die er regelmässig besucht. «Bloody Mary» ist sein Lieblingsdrink und die Zigarette seine stetige Begleiterin. Mit kleinen Widerstandsakten gegen die «Political Correctness» hat er sich Respekt und Feinde verschafft.
Auf der Reise durch das Universum von «Lucky» gibt es aber auch Schmerz und die Angst vor dem Tod. So findet der Film eine wunderbare Balance zwischen banalem Alltag und tiefgründigen Gesprächen, zwischen Ironie und Ernsthaftigkeit. Es handelt sich um ein kostbares Stück bestehend aus entwaffnender Alltags-Poesie und lakonischer Americana-Stilisierung. Harry Dean Stanton hat – kurz vor seinem Tod – mit dieser Rolle nochmals die Gelegenheit bekommen, all seine Stärken auszuspielen. Konfrontiert mit dem Ende des eigenen Lebens ist dieser herausragende Schauspieler mit seiner Rolle verschmolzen. Dafür wurde der Film mit dem Preis der Ökumenischen Jury in Locarno ausgezeichnet.
Charles Martig, Filmjournalist kath.ch
«Lucky», USA 2016, Regie: John Carroll Lynch, Besetzung: Harry Dean Stanton, David Lynch, Ron Livingston; Verleih: Xenix Filmdistribution, Filmwebseite: http://xenixfilm.ch/de/film_info.php?ID=11945
Kinostart: 18.01.2018
Trailer: https://vimeo.com/235364358
Blog-Post «Lucky klärt die grossen Fragen des Lebens»: https://www.kath.ch/blogsd/lucky-klaert-die-grossen-fragen-des-lebens_b_https://www.medientipp.ch/events/lucky/
Liebe Filmfreundinnen und Filmfreunde
Für die Adventszeit haben wir einen passenden «Film des Monats» ausgewählt. «On Body and Soul» ist eine wunderschöne Liebesgeschichte und noch viel mehr – beschäftigt sich der Film doch auch virtuos mit der Verbindung zwischen Körper und Seele. Ein Thema, das auch zur Adventszeit und mehr noch zu Weihnachten passt, geht es doch darin um die Menschwerdung des Gottessohns: «Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit.» Joh. 1,14
Ich wünsche Ihnen allen einen wunderbaren und erbaulichen Kinoadvent und sende vorweihnachtliche Grüsse
Natalie Fritz, Redaktorin Medientipp
Film des Monats
Dezember 2017
On Body and Soul
Der ungarische Liebesfilm inszeniert liebevoll eine ungewöhnliche Beziehung zwischen zwei Menschen, die die Grenzen zwischen Körper und Seele im Traum überwinden
Eine Liebesgeschichte im Schlachthaus? Mit den ersten Einstellungen befinden wir uns mitten im Alltag der fleischverarbeitenden Industrie von Budapest. Der Film erzählt eine ungewöhnliche Liebesgeschichte zwischen der jungen Mária, die gerade mit der Arbeit als Qualitätskontrolleurin begonnen hat, und Endre, dem Finanzchef der Fabrik.
Aus unterschiedlichen Gründen haben die beiden Protagonisten keinen leichten Zugang zum Leben. Sie sind mit körperlichen und sozialen Grenzen konfrontiert, die sie täglich herausfordern. Die Kommunikation zwischen Mária und Endre ist fast unmöglich. Zufällig entdecken sie, dass sie sich regelmässig in Träumen treffen. In diesen Träumen wird die Natur zu einem Ort von unglaublicher Schönheit und Intensität. Ihnen steht der Tod im Schlachthof gegenüber. Das sind – auf den ersten Blick – zwei unversöhnliche Welten.
Der starke Kontrast zwischen Freiheit und Zwang wird nicht nur innerhalb der Erzählung inszeniert, sondern auch stilistisch mittels Nahaufnahmen von kleinen Dingen des Alltags. Körper und Seele sind als Bruchstücke im alltäglichen Leben präsent. Immer mehr lösen sich die Grenzen auf. Der präzise und sensible Blick der Kamera deutet an, dass Körper und Seele nicht unabhängig voneinander existieren können. Die ungarische Regisseurin Ildikó Enyedi wurde für Ihre herausragende Sensibilität im Umgang mit dem Thema mehrfach ausgezeichnet, unter anderem auch mit dem Preis der Ökumenischen Jury in Berlin.
Charles Martig, Filmjournalist kath.ch
Preis der Ökumenischen Jury und Goldener Bär an der Berlinale 2017
«On Body and Soul» (Teströl és lélekr öl), Ungarn 2017, Regie: Ildikó Enyedi, Besetzung: Alexandra Borbély; Géza Morcsányi, Réka Tenki, Verleih: Filmcoopi, Filmwebseite: https://www.filmcoopi.ch/movie/on-body-and-soul
Kinostart: 07.12.2017
https://www.youtube.com/watch?v=dv2i263piOMhttps://www.medientipp.ch/events/on-body-and-soul/
Liebe Filmfreundinnen und Filmfreunde
Die Adoleszenz ist eine Zeit der Veränderung, der Suche und des Sich-Unverstandenfühlens. Unser Film des Monats November «Blue My Mind» inszeniert diese wechselvolle Phase mit wunderschönen Bildern und mit viel Verständnis für die Nöte und Fragen der jugendlichen Protagonistin.
Der Spielfilm der Schweizer Regisseurin Lisa Brühlmann gewann am diesjährigen Zürich Film Festival unter anderem den Preis der Zürcher Kirchen, der zum ersten Mal verliehen wurde (https://www.kath.ch/medienspiegel/filmpreis-der-zuercher-kirchen-am-zurich-…).
«Blue My Mind» ist ein faszinierendes Werk, das das «feeling blue» der Pubertierenden nachvollziehbar macht und einen daran erinnert, dass das Thema Sinnsuche nicht nur den Adoleszenten vorbehalten ist…
In diesem Sinne mit blauen – nicht novembergrauen – Grüssen
Natalie Fritz
Redaktorin Medientipp
Film des Monats
November 2017
Blue My Mind
Die schwierige Metamorphose eines Mädchens zur Frau wird in Lisa Brühlmanns Spiefilm in poetische Bilder gefasst, die den Zustand innerer Zerrissenheit und Orientierungslosigkeit auf berührende Art wiedergeben
Das Erwachsenwerden ist schwierig. Gerade für die 15jährige Mia, die mit Ihren Eltern umgezogen ist und sich in einer neuen Schule zurechtfinden muss. Sie lebt in der Zürcher Agglo und fühlt sich fremd in einer Welt, die ganz in Blau getränkt ist. Ihre Periode tritt ein. Mias Körper verwandelt sich. Die Eltern werden ihr fremd. Die Teenagerin – herausragend dargestellt von Luna Wedler –muss einen Weg aus dieser Verlorenheit finden.
Unter der Regie von Lisa Brühlmann wird diese «Coming-of-Age» Geschichte zu einem wahren Juwel. Sie wählt dabei die Form des Sozialdramas, das aber nicht in die Tragödie führt. Die verstörenden Erfahrungen der jungen Darstellerin, die sich als Monster empfindet, vermischen sich mit Elementen des magischen Realismus. Dabei sprengt die Regisseurin in ihrem Erstlingswerk die Grenzen des Genres. Ihr gelingt ein hoffnungsvoller Blick in die Zukunft. Mit viel Empathie für die Figuren geht sie das universelle Thema des Erwachsenwerdens an.
Drastisch ist die Darstellung des körperlichen Leidens, der Exzesse in der Jugendszene und der Metamorphose der Hauptfigur. Aber auch das vollständige Versagen der Eltern ist schwer zu ertragen. Schlussendlich ist es die Solidarität unter Freundinnen, die zu einer Lösung des Konflikts führt. Lisa Brühlmann findet mit dem Bild der Meerjungfrau eine poetische Metapher, die dem Leiden ein Ende bereitet. Und Mia wird in ihr erlösendes Element entlassen.
Charles Martig, Filmjournalist kath.ch
«Blue My Mind», Schweiz 2017, Regie: Lisa Brühlmann, Besetzung: Luna Wedler, Zoë Pastelle Holthuizen, Regula Grauwiller; Verleih: Frenetic, Internet: www.frenetic.ch <http://www.frenetic.ch> , Filmwebsite: http://www.frenetic.ch/katalog/detail//++/id/1079 <http://www.frenetic.ch/katalog/detail/++/id/1079>
Kinostart: 9. November 2017
https://www.youtube.com/watch?v=xCy2RHMtjAkhttps://www.medientipp.ch/events/blue-my-mind/
Liebe Filmfreundinnen und Filmfreunde
Unser Film des Monats Oktober ist keine leicht verdauliche Kost, sondern liegt – wie eine herbstliche Metzgete – relativ schwer auf. Michael Haneke seziert in «Happy End» unsere digitalisierte Gesellschaft, in der zwar alle mit allen kommunizieren, aber doch «blind» und «taub» für die Bedürfnisse der Mitmenschen bleiben. Ein wichtiger Film, der grossartig gespielt ist, verstört und zum Nachdenken darüber anregt, was wirklich wichtig ist.
Mit herbstlichen Grüssen
Natalie Fritz
Redaktorin Medientipp
Film des Monats
Oktober 2017
Happy End
Michael Haneke erzählt auf schmerzhaft-eindringliche Weise von der hedonistischen Ichbezogenheit der bürgerlichen Gesellschaft und ihrem gefährlichen Desinteresse an dem, was in der «kleinen» und «grossen» Welt um sie herum passiert
Das Ende des Hamsters wird per Smartphone-Kamera festgehalten und in Form eines Whatsapp-Chats trocken kommentiert. Auch den Selbstmordversuch des Grossvaters dokumentiert die dreizehnjährige Eve mit dem Mobiltelefon. Eine unmenschliche, eine kalte Welt ist es, die Michael Haneke dem Publikum präsentiert. In «Happy End» zerbröckelt die polierte Oberfläche einer gutbürgerlichen Industriellenfamilie, weil zu viel Geheimniskrämerei betrieben wird und zu viel Desinteresse vorherrscht. Vor allem aber mangelt es an zwischenmenschlicher Kommunikation.
Teenie-Mädchen Eve hat zuerst ihren Hamster und danach ihre nervende Mutter mit Antidepressiva vergiftet. Ihr Vater, der mit einer neuen Familie auf dem grossbürgerlichen Familiensitz lebt, nimmt sie zu sich, hat aber kein grosses Interesse an ihr. Auch die Tante verhält sich distanziert. Ihren eigenen, alkoholkranken Sohn vernachlässigt sie. Der greise Grossvater, der sich als Gefangener bezeichnet, versucht immer wieder, sich selbst zu töten – allerdings ohne Erfolg. Eine dysfunktionale Familie par excellence: denn, obwohl alle miteinander via digitaler Medien kommunizieren, wird nicht geredet. Haneke unterstreicht dieses Paradoxon, indem er ein grosses Manko dieser Kommunikationsmittel verdeutlicht: zu einem wirklichen Austausch braucht es ein Gegenüber, das zuhört, mitdenkt und sich vor allem einfühlt. «Happy End» ist eine erschütternde Gesellschaftskritik, die lange nachhallt.
Natalie Fritz, Religionswissenschaftlerin und Redaktorin Medientipp
«Happy End», Frankreich/Österreich/Deutschland, 2017, Regie: Michael Haneke; Besetzung: Isabelle Huppert, Mathieu Kassovitz, Jean-Louis Trintignant; Verleih: Filmcoopi Zürich, Internet: www.filmcoopi.ch <http://www.filmcoopi.ch> ; Filmseite: http://www.filmcoopi.ch/filmreel-Happy%20End-de_CH.html
Kinostart: 12.10.2017
https://www.youtube.com/watch?v=PU1cNL-FM8Ihttps://www.medientipp.ch/events/happy-end/
Liebe Filmfreundinnen und Filmfreunde
Es wird bereits wieder früher dunkel und auch die – noch – vereinzelten, morgendlichen «Nebelschwädlein» erinnern uns daran, dass bald schon der Herbst heraufzieht. Für Sommerfans ein dramatischer, für Filmfreunde ein hoffnungsvoller Moment. Endlich wieder ohne schlechtes Gewissen drinnen bleiben und Filme geniessen! Um den Übergang vom Sommer zum Herbst erträglicher zu machen, empfehlen wir «Ava», ein berührendes Werk, das vor Kraft, Licht und Energie nur so strotzt.
Mit spätsommerlichen Grüssen
Natalie Fritz
Redaktorin Medientipp
Film des Monats September
Ava
«Ava» ist ein besonderer, lichtdurchfluteter Film in Zeiten, wo es um die adoleszente Protagonistin dunkel wird
Die 13-jährige Ava wächst bei ihrer Mutter und ihrer kleinen Schwester in einem französischen Badeort auf und geniesst die Sommerferien am Strand. Als ihr der Arzt bei einer Routineuntersuchung eine bald eintretende Erblindung diagnostiziert, entwickelt sie ihre eigenen Methoden, um mit der Situation umzugehen. Zusammen mit dem älteren Juan stürzt sie sich in das Abenteuer Leben. Der Erstlingsfilm der französischen Schauspielerin und Drehbuchautorin Léa Mysius thematisiert das Heranwachsen, also den Beginn von etwas Neuem und gleichzeitig den Abschied des Bisherigen. Doch hier ist die Problematik zugespitzt, denn die junge Protagonistin verliert langsam ihr Augenlicht und damit alles, was ihr bisher vertraut war. «Ava» ist trotzdem kein Drama im herkömmlichen Sinn geworden, sondern ist eine optimistische Ode an die Andersartigkeit und das bewusste Erleben des Moments. Dies spiegelt sich auch in der märchenhaft anmutenden, surrealen Erzählung wider. In Traumbildern, in denen Ava ihre Ängste verarbeitet, tanzt sie auf offener Strasse oder sie stellt sich amazonenhaft ihrer Wirklichkeit mit einer Waffe. Sie nimmt sich, was sie will und dabei verschwimmen die Grenzen. Am diesjährigen Festival in Cannes gewann Ava den SACD-Preis in der Rubrik Semaine de la Critique. Ein besonderer, lichtdurchfluteter Film in Zeiten der Dunkelheit. Mit einer besonderen Heldin. Noée Abita ist eine Entdeckung!
Sarah Stutte, Filmjournalistin
«Ava», Frankreich 2017, Regie: Léa Mysius, Besetzung: Noée Abita, Laure Calamy, Juan Cano,Verleih: Praesens, www.praesens.com <http://www.praesens.com>
Kinostart: 21. September 2017
https://www.youtube.com/watch?v=AF01BrHIioUhttps://www.medientipp.ch/events/ava/
Liebe Filmfreundinnen und -freunde
Die Sommerhitze lässt die Eine oder den Anderen ins wohlig klimatisierte Museum oder Kino flüchten. «Final Portrait», der Film des Monats August, der sich mit Alberto Giacomettis obsessive Suche nach Perfektion auseinandersetzt, stellt daher die ideale Ausrede für Liebhaberinnen und Liebhaber der bildenden und der 7. Kunst dar, um nicht andauernd in der Badeanstalt braten zu müssen…
In diesem Sinne wünsche ich Ihnen allen einen inspirierenden und kühlenden Kinobesuch.
Natalie Fritz, Redaktorin Medientipp
Film des Monats
August 2017 by kath.ch
Final Portrait
«Final Portrait», der Film über Alberto Giacometti, geht in die Tiefe, riskiert überraschende Seitenblicke und -einstellungen und wirkt beinahe wie ein poetischer Dokumentarfilm
Als sich der junge amerikanische Schriftsteller und Kunstliebhaber James Lord 1964 in Paris aufhält, fragt ihn sein Freund Alberto Giacometti, ob er ihm für ein Porträt ein paar wenige Stunden lang an einem Nachmittag Modell sitzen würde. Lord sagt geschmeichelt zu und lernt in der Folge Giacomettis Schaffen unmittelbar kennen; er wird Zeuge, wie der Künstler immer wieder von seinem Umfeld abgelenkt wird und an seinem Können zweifelt. Aus einer Laune heraus kann Giacometti wertvollste Zeichnungen verbrennen; und er übermalt immer wieder das begonnene Porträt. Lord muss seinen Rückflug etliche Male verschieben und erreicht schliesslich erst durch eine List, dass das Porträt nach mittlerweile 18 Sitzungen endlich fertig wird – es sollte sich als Giacomettis letztes Bild herausstellen. Regisseur Stanley Tucci hat sich intensiv mit Giacometti auseinandergesetzt. Er übernahm Originalaufzeichnungen von Lord, liess das Künstleratelier sehr detailgetreu nachbauen, und fand eine herausragende Besetzung der Hauptrollen. Obwohl nur ein Ausschnitt aus Giacomettis Wirken gezeigt wird, offenbaren sich umfassende Wesens- und Schaffenszüge – insbesondere sein Ringen um Vollendung. «Final Portrait» geht in die Tiefe, riskiert überraschende Seitenblicke und -einstellungen, unterhält mit süffigen Zitaten, und wirkt deshalb – bei aller Fiktion – beinahe wie ein poetischer Dokumentarfilm.
Thomas Schüpbach, Pfarrer ref. Kirchgemeinde Zürich-Sihlfeld und Mitglied bei Interfilm
«Final Portrait», Grossbritannien 2017, Regie: Stanley Tucci; Besetzung: Geoffrey Rush, Armie Hammer, Sylvie Testud; Verleih: Filmcoopi Zürich AG, www.filmcoopi.ch <http://www.filmcoopi.ch>
Kinostart: 24.08.2017
https://www.youtube.com/watch?v=T7mIbBHIsC0https://www.medientipp.ch/events/final-portrait/