Liebe Filmfreundinnen und Filmfreunde
Das Jahr neigt sich schon wieder dem Ende zu und wir warten mit einem
letzten Filmtipp für 2019 auf. «Echo» des Isländers Rúnar Rúnarsson ist
eine wundersame und zugleich wundervolle Reflexion über den Kreislauf
des Lebens, das Geborenwerden und das Sterben, das Lieben und das
Hassen, die Einsamkeit und die Gemeinschaft. Wie ein Kaleidoskop zeigt
der Episodenfilm unterschiedliche Lebenswelten und -auffassungen und
verdichtet so die einzelnen Einblicke und zu einem grossen Ganzen.
Ein Film, der unglaublich gut in die Zeit des Übergangs vom alten zum
neuen Jahr passt!
Ausserdem möchten wir Sie, liebe Filmfreundinnen und Filmfreunde, noch
darauf hinweisen, dass ab 20. Dezember 2019 Fernando Mereilles «The Two
Popes» auf Netflix und ab 02. Januar 2020 in den Deutschschweizer Kinos
zu sehen ist. Eine Kritik zum Film finden Sie auf:
https://www.medientipp.ch/events/the-two-popes/
Nun bleibt uns nur noch, Ihnen allen fröhliche Weihnachten und einen
guten Rutsch ins neue Jahr zu wünschen.
Mit den besten Grüssen
Eva Meienberg und Natalie Fritz
FILM DES MONATS DEZEMBER
Dezember 2019
ECHO (BERGMÁL)
IN INSGESAMT 59 EPISODEN LÄSST DER ISLÄNDISCHE REGISSEUR RÚNAR RÚNARSSON
EIN UNIVERSALES FRESKO DER MENSCHHEIT ENTSTEHEN, DAS MANCHMAL
HERZERWÄRMEND SCHÖN UND MANCHMAL IRONISCH GEBROCHEN UND IMMER LIEBEVOLL
INSZENIERT IST
Vom Tod zum Leben: Mit einer Aufbahrung in der Kirche beginnt dieser
Film und mit einer wunderbaren Geburtsszene endet er. Dazwischen finden
wir ein Kaleidoskop von insgesamt 59 Episoden, die sich in unserer
spätmodernen Welt abspielen. Da ist das traditionelle Krippenspiel
ebenso wichtig wie der moderne Bodybuilding-Wettbewerb. Hier wird
Weihnachten in der Familie, im Altersheim und in der einsamen
Nachtschicht gefeiert. Ein abbrennendes Haus fasziniert die Sinne ebenso
wie der Blick in die sozialen Realitäten im Zeitalter von Facebook und
WhatsApp. «Der Film erinnert uns daran, dass jeder Mensch Beziehung,
Verständnis, Vergebung und Liebe braucht», schreibt die Interfilm-Jury
in ihrer Begründung zum diesjährigen Gewinner ihres Preises an den
Nordischen Filmtagen Lübeck.
Der isländische Regisseur Rúnar Rúnarsson erlaubt uns viele
überraschende Zugänge. In festen Einstellungen reiht er ein Tableau ans
andere, einer Perlenkette gleich. Anhand von individuellen Schicksalen
repräsentiert der Film die Menschheit insgesamt. Die inszenierten
Menschen setzen sich mit ihrer Einsamkeit, ihren Ängsten, ihrem Grossmut
und ihrer Gegenwart auseinander. Daraus entsteht ein universales Fresko,
das manchmal herzerwärmend schön und manchmal ironisch gebrochen
erscheint. «Echo», der im isländischen Original «Bergmál» heisst, ist
der ultimative Film für die Zeit zwischen Weihnachten und Neujahr. Er
bietet ironische Reflexion, menschliche Wärme und einen universalen
Blick auf unser Leben.
Charles Martig, Filmjournalist kath.ch
«Echo» («Bergmál»), Island 2019, Regie: Rúnar Rúnarsson; Verleih: Xenix
Filmdistribution GmbH, Internet: http://www.xenixfilm.ch [1],
Filmwebsite: http://www.xenixfilm.ch/de/film_info.php?ID=11979 [2]
Kinostart: 26. Dezember 2019
Interfilmjury an den Nordischen Filmtagen Lübeck:
https://www.inter-film.org/de/festivals/nordische-filmtage-luebeck/61-nordi…
[3]
https://vimeo.com/371350988 [4]
https://www.medientipp.ch/events/echo-bergmal/ [5]
Links:
------
[1] http://www.xenixfilm.ch
[2] http://www.xenixfilm.ch/de/film_info.php?ID=11979
[3]
https://www.inter-film.org/de/festivals/nordische-filmtage-luebeck/61-nordi…
[4] https://vimeo.com/371350988
[5] https://www.medientipp.ch/events/echo-bergmal/
Liebe Filmfreundinnen und Filmfreunde
Halloween und Allerheiligen waren eben noch in aller Munde und haben sich – wie jedes Jahr – auch medial wunderbar verwerten lassen. Ein bisschen Erinnern, Friedhöfe und Thanatologen und etwas gut dosiertes Gruseln waren allenthalben die dominierenden Themen. Auch Tim Burton’s berührende Frankenstein-Adaption, «Frankenweenie» (US 2012), war im Fernsehen zu sehen: Wo der kleine Victor Frankenstein seinen über alles geliebten Hund wieder auferstehen lässt, versucht in unserem Film des Monats, «My Zoe», eine Genetikerin, ihre Tochter am Leben zu halten – mit allen zu Verfügung stehenden Mitteln.
Der Film wirft gekonnt ethische Fragen auf, die nicht leicht zu beantworten sind und heute, mehr als 200 Jahre nach Veröffentlichung von Mary Wollstonecraft Shelleys Roman «Frankenstein oder Der moderne Prometheus», beängstigend real und umsetzbar scheinen.
In diesem Sinne wünschen wir Ihnen einen guten Start in die dunklere Jahreszeit und viele anregende Stunden im Kino
Eva Meienberg und Natalie Fritz
Film des Monats November
11/2019
My Zoe
In Julie Delpys Drama «My Zoe» kann eine Genetikerin den drohenden Tod ihrer kleinen Tochter nicht akzeptieren und überschreitet aus Liebe die Grenzen der Ethik ...
Was geschieht mit der Mutterliebe, wenn ein Kind schwer erkrankt oder gar stirbt? Julie Delpy spielt als Regisseurin und Hauptdarstellerin des Films «My Zoe» verschiedene Aspekte dieses familiären Dramas durch und überzeugt dabei in mehrfacher Weise. Sie gibt Isabelle, eine berufstätige Frau und Mutter, die geschieden lebt und das Sorgerecht mit ihrem Mann James teilt. Krisen und Spannungen sind Teil des Alltags in dieser zerbrochenen Familie. Und doch geht die Hauptfigur noch einen entscheidenden Schritt weiter. Nach einer Hirnblutung von Zoe versucht Isabelle das Kind dem unerbittlichen Schicksal zu entreissen. Dabei überschreitet sie im Spital die Grenze des ethisch Erlaubten.
Entstanden ist daraus ein kluger Film über die Möglichkeiten der Biomedizin und Fortpflanzungstechnik. Als Regisseurin geht Delpy die Inszenierung kühl an. Sie erzählt von der Logik einer Genetikerin, die bis zum Äussersten geht, um ihren Traum von der idealen Mutter-Kind-Beziehung zu leben. Der Film erinnert nicht nur wegen Julie Delpy an Kieslowskis «Drei-Farben-Trilogie». Vielmehr sind es dringende moralische und existentielle Fragen, auf die «My Zoe» den Fokus setzt. Das Drama bewegt sich zwischen anspruchsvollem Arthouse und realer Science-Fiction, die ganz und gar in unsere Lebenswelt eingebettet ist. Das ethische Dilemma ist hautnah erlebbar, die existentielle Betroffenheit ebenso. Der offene Schluss provoziert und gibt zu reden.
Charles Martig, Filmjournalist kath.ch
«My Zoe», Regie und Drehbuch: Julie Delpy, Besetzung: Julie Delpy, Richard Armitage, Daniel Brühl, Gemma Artenton, Verleih: Warner Bros; Filmwebseite: http://www.warnerbros.ch/modules/obomovie/detail.php?page_id=1 <http://www.warnerbros.ch/modules/obomovie/detail.php?page_id=1&lang=1&suisa…> &lang=1&suisa=1012.873
Kinostart: 14. November 2019
https://www.youtube.com/watch?v=nIwjd1AEg-4https://www.medientipp.ch/events/my-zoe/
Liebe Filmfreundinnen und Filmfreunde
Die morgendlichen Nebelschleier und die beginnende Färbung der Blätter
zeigen an, dass der Herbst langsam aber sicher da ist. Irgendwie
romantisch, wenn die Tautropfen des Morgens in den Spinnennetzen
glitzern, aber der Herbst hat stets auch etwas Melancholisches,
irgendwie Abgründiges an sich.
Unser Film des Monats Oktober passt insofern bestens in den Herbst.
«Grace à Dieu» von François Ozon ist einerseits die unfassbar tragische
Chronologie der Ereignisse, die in Frankreich dazu geführt haben, dass
ein übergriffiger Priester im Juli 2019 endlich in den Laienstand
versetzt wurde und der Kardinal Lyons im März für das aktive Vertuschen
der Missbrauchshandlungen erstinstanzlich verurteilt wurde. Andererseits
zeigt der Film mit äusserster Sorgfalt und Würde auf, wie sich die
ehemaligen Opfer aus dieser Rolle befreien konnten, indem sie den Mut
fanden, über die Missbräuche zu sprechen. Durch all die Tragik scheint
zumindest ein feiner Hoffnungsschimmer - für die Opfer, aber auch die
Kirche. Um es mit den Worten Ozons zu sagen: «Es ist keine Film gegen
die kathoische Kirche, sondern eine Chance für sie!» Hoffen wir
inständig, sie weiss sie zu packen!
Einen einordnenden Beitrag zum Film finden Sie zusätzlich auf:
https://www.kath.ch/newsd/wenn-ein-gebet-nicht-mehr-genuegt/
Mit den besten Grüssen
Eva Meienberg und Natalie Fritz
FILM DES MONATS OKTOBER
Oktober 2019
GRACE À DIEU
FRANÇOIS OZON ZEIGT IN «GRACE À DIEU» EINDRINGLICH AUF, WIE HEILSAM DAS
REDEN ÜBER MISSBRAUCH SEIN KANN UND ENTLARVT DIEJENIGEN, DIE WISSENTLICH
SCHWEIGEN ALS ÜBELTÄTER AN IHREN MITMENSCHEN UND LETZTLICH AUCH AN DER
KIRCHE
Der streng katholische Familienvater Alexandre kann es kaum glauben:
Père Preynat hatte ihn jahrelang sexuell missbraucht und steht immer
noch als Priester am Altar und erteilt Religionsunterricht. Alexandre
nimmt Kontakt zur Diözese Lyon und Kardinal Barbarin auf. Er will
wissen, weshalb Preynat nicht seines Amtes enthoben wurde, bekommt aber
nur ausweichende Antworten. Letztlich erstattet er Anzeige. Der
ermittelnde Kommissar spürt rasch andere Opfer auf. Unter ihnen auch
François, der den Verein «La parole libérée» gründet. Er möchte
möglichst viele Opfer Preynats zum Reden bringen. Je mehr Fälle
auftauchen, desto grösser wird der Druck auf die kirchlichen
Würdenträger, die Preynat während Jahrzehnten gedeckt hatten.
François Ozon wirft in «Grace à Dieu» einen überaus differenzierten
Blick auf die Machtstrukturen der katholischen Kirche, die Missbräuche
ermöglichen und ihre Offenlegung während einer viel zu langen Zeit durch
eine veritable «Omertà» verhinderten. Aus der Perspektive dreier
Protagonisten nähert sich der Film dem Thema an und zeigt eindringlich
auf, welche lebenslangen Folgen ein Missbrauch nach sich zieht. Dabei
lässt Ozon den persönlichen Glauben neben der offiziellen Lehrmeinung
der Kirche stehen, klagt weder die gesamte Institution an noch wertet
er. Vielmehr gibt der Film jenen eine Stimme, die nicht länger schweigen
wollen und können und entlarvt diejenigen, die zu lange nichts gesagt
haben als wahre Übeltäter - an ihren Mitmenschen und letztlich auch an
der katholischen Kirche.
Natalie Fritz, Religionswissenschaftlerin und Redaktorin Medientipp
«Grace à Dieu», Frankreich 2018, Regie: François Ozo, Besetzung: Melvil
Poupaud, Swann Arlaud, Denis Ménochet; Verleih: Filmcoopi Zürich,
Internet: www.filmcoopi.ch [1], Filmwebsite:
https://www.filmcoopi.ch/movie/grace-a-dieu
Kinostart: 03. Oktober 2019
https://www.youtube.com/watch?v=TyCuvrxdy0Ahttps://www.medientipp.ch/events/grace-a-dieu/
Links:
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[1] http://www.filmcoopi.ch
Liebe Filmfreund*innen
Unser Film des Monats ist Sprengstoff. Benni, ein neunjähriges Mädchen sprengt alle Rahmen und den Zuschauenden fast das Herz.
Freundliche Filmgrüsse
Natalie Fritz und Eva Meienberg
Film des Monats
September 2019
Systemsprenger
«Systemsprenger» ist die Geschichte eines neunjährigen Mädchens, das die Grenzen der sozialen Institutionen zu sprengen vermag, indem es erbittert um die Beziehung zu ihrer Mutter kämpft
Dieser Film ist eine Zumutung. Da schleudert einem Benni, ein neunjähriges Mädchen, Plastikautos entgegen, geht mit dem Messer auf andere los, rennt mitten in der Nacht auf befahrener Strasse herum, um sich nach Hause chauffieren zu lassen. Nach Hause aber darf sie nicht. Die Mutter hat Angst vor Benni, was man verstehen kann.
„Mama, Mama, Mama“ ruft Benni in den Wald, wo sie drei Wochen mit Micha verbringen darf. Sie hört nur ihr Echo, es verhallt. Micha verbringt mit ihr drei Wochen in einer Hütte. Es ist ein weiterer verzweifelter Versuch, Benni zur Ruhe kommen zu lassen, Benni zu zähmen. Micha ist Erzieher. Benni nennt Micha beim Namen, alle anderen sind schlicht Erzieher und machen einfach ihre Arbeit. Benni will mehr, sie will Beziehung. Sie testet alle mit ihren emotionalen Ausbrüchen. Zweimal landet sie sediert in der psychiatrischen Klinik. Eines Tages bricht die Sozialarbeiterin zusammen, sie findet für Benni keinen Betreuungsplatz mehr. Benni streicht ihr über den Kopf und tröstet sie. Das ist eine der Szenen, die einem fast das Herz sprengen.
Systemsprenger ist ein gewaltiger Film in vielerlei Hinsicht. Er zeigt uns am Beispiel eines neunjährigen Mädchens die Grenzen eines institutionellen Systems. Aus der Perspektive von Benni legt er die klare Forderung auf den Tischt: ich will geliebt werden, nicht versorgt und ich will mich auf diese Liebe verlassen können: immer!
Eva Meienberg, Religionswissenschaftlerin, Redaktorin Medientipp
«Systemsprenger», DE 2019, Regie: Nora Fingscheidt, Besetzung: Helena Zengel, Albrecht Schuch, Gabriela Maria Schmeide; Verleih: cineworx, Internet: https://cineworx.ch/jetzt-im-kino/, Filmwebsite: https://cineworx.ch/movie/systemsprenger/
Kinostart: 3. Oktober 2019
https://vimeo.com/352198757https://www.medientipp.ch/events/systemsprenger/
Liebe Filmfreundinnen und Filmfreunde
Die Vorfreude ist gross: nach Cannes stehen nun Locarno und Venedig auf der Festival-Liste. Und wie jedes Jahr wird die Hoffnung auf viele anregende, versponnene, dramatische, berührende und kritische Kinomomente die filmaffinen Massen in die In- und Outdoor-Vorführungen locken. Ein inspirierendes Werk, dass Sie bereits jetzt im Kino geniessen können, ist Denys Arcands kapitalismuskritische Komödie «The Fall of the American Empire» – unser Film des Monats August.
Mit locarnesisch-vorfreudigen Grüssen
Natalie Fritz und Eva Meienberg
Film des Monats August
8/2019
The Fall of the American Empire
Denys Arcand erzählt in «The Fall of the American Empire» die Geschichte eines Gutmenschen, der das kapitalistische System zu wohltätigen Zwecken umnutzen will
Denys Arcand ist in kirchlichen Kreisen berühmt für seinen Film «Jésus de Montréal» (1989). Weniger bekannt ist seine Trilogie zum Niedergang des US-amerikanischen Imperiums. Diese begann der kanadische Regisseur 1986 mit «The Decline of the American Empire» und setzte sie 2003 mit «The Barbarian Invasions» fort, der den Oscar und zahlreiche weitere Preise gewann. Nun kehrt er mit seinem Spätwerk zurück auf die Kinoleinwand. Arcand kritisiert mit Humor, Menschlichkeit und bissigem Spott das herrschende System des Geldes.
«The Fall of the American Empire» ist eine Raubüberfall-Komödie. Im Mittelpunkt steht der Antiheld Pierre-Paul, der als Doktor der Philosophie sehr viel weiss, aber für das alltägliche Leben in der Konsumgesellschaft untauglich ist. Beziehungen fallen ihm schwer. Geldverdienen ist nicht sein Ding. Und seine Skepsis gegenüber der Welt lassen ihn beinahe verzweifeln. Bis er durch einen unverhofften Zufall zu sehr viel Geld kommt. Dieses will er aber nicht für sich, sondern für wohltätige Zwecke gebrauchen. Mit einigen barmherzigen Komplizen beginnt er das Finanzsystem für mehr Gerechtigkeit in der Welt einzusetzen.
Dass Denys Arcand diesem Gutmenschen eine Chance gibt und seine Geschichte als modernes Märchen erzählt, verwundert und macht neugierig zugleich. Mitgefühl und Nächstenliebe sind nicht zuletzt christliche Tugenden, die in den eindrücklichen Schlussbildern von Obdachlosen in Québec zum Ausdruck kommen.
Charles Martig, Filmjournalist kath.ch
«La chute de l’empire américain», Kanada 2018, Regie: Denys Arcand, Besetzung: Maxim Roy, Rémy Girard, Vincent Leclerc; Verleih: Filmcoopi; https://www.filmcoopi.ch/movie/the-fall-of-the-american-empire
Kinostart: 08. August 2019
https://www.youtube.com/watch?v=JHTU_p4mw7Y
Liebe Filmfreund*innen
Wenn die «Strawberry Fields» abgeerntet sind, dann wissen wir, dass der Sommer Einzug gehalten hat. Bei sommerlichen Temperaturen träumt manch eine*r vom kühlen Nass und davon, abzutauchen mit einem «Yellow Submarine». Im Sommer tragen wir nicht nur gerne leichte Stoffe und geniessen leichteres Essen, sondern führen uns auch eher einmal einen «leichteren» Film zu Gemüte. «Yesterday» ist eine sommerlich-erfrischende Komödie mit guter Musik und einer absurden – aber durchaus ansprechenden Ausgangslage. In diesem Sinne «Come Together» im Kino, denn «(T)Here Comes the Sun»….
«Hello Goodbye»
Ihre Medientipp Redaktion
Eva Meienberg und Natalie Fritz
Film des Monats Juli
Juli 2019
Yesterday
Danny Boyles Sommerkomödie «Yesterday» versetzt uns in eine Welt, in der die Beatles unbekannt sind und der einzige, der sich an sie erinnert, mit ihren Songs Karriere macht ...
Stell dir vor, du wachst eines Tages auf und niemand erinnert sich an die Beatles. Genau das passiert dem erfolglosen Liedermacher Jack: Im Spital kommt er zu sich, nachdem er während eines weltweiten Stromausfalls von einem Bus angefahren worden ist. Wieder genesen, weiht er seine neue Gitarre mit einem besonderen Lied ein: Er spielt seinen Freunden «Yesterday» vor und erntet konsterniert-begeisterte Reaktionen. Nach und nach findet Jack heraus, dass er offenbar der einzige ist, der sich nach dem Stromausfall an die Beatles erinnert, und dass neben den Fab Four auch noch andere Dinge nicht mehr existieren.
Regisseur Danny Boyle fand mit Himesh Patel einen Hauptdarsteller, der auch singen kann und die bekannten Lieder des Liverpooler Quartetts ansprechend neu interpretiert. Dazu erweist sich Starmusiker Ed Sheeran als perfekte Besetzung, indem er sich selbst spielt und nicht nur mit Selbstironie punktet. «Yesterday» ist eine wunderbare Reise mit witzigen Einfällen und Wendungen, obwohl dann und wann die Handlung schon sehr strapaziert wird: Jacks Kampf um die Liebe seiner ehemaligen Managerin Ellie, die früher als einzige zu ihm gehalten hat und nun seiner Karriere im Weg steht, ist etwas gar dick und romantisch aufgetragen. Dennoch liegt hier der perfekte Sommerfilm vor: eine unterhaltsame Mischung aus Hommage an die Beatles und erhobenem Zeigefinger, der darauf hinweist, was wirklich zählt im Leben.
Thomas Schüpbach, Pfarrer ref. Kirchgemeinde Zürich und Mitglied bei Interfilm
«Yesterday», Grossbritannien 2019, Regie: Danny Boyle; Besetzung: Himesh Patel, Lily James, Ed Sheeran; Verleih: Universal Pictures Schweiz, www.universalpictures.ch <http://www.universalpictures.ch>
Kinostart: 11.07.2019
https://www.youtube.com/watch?v=GzyPjODcKFohttps://www.medientipp.ch/events/yesterday/
Liebe Filmfreund*innen
«Mon tissu préféré» erzählt die Geschichte einer jungen Frau in Syrien kurz
vor Ausbruch des Krieges, die sich mit der Heirat eines Exil-Syrers in die
USA retten könnte. Sie tut es nicht und hat dafür ihre Gründe. Ein starker,
vielschichtiger Film über eine Frau, eine Zeit, ein Land.
Film des Monats
Juni 2019
Mon tissu préféré
«Mon tissu préféré» ist ein Film über eine junge Frau in den Anfängen des
syrischen Krieges, der ihre persönliche Geschichte mit dem Schicksal einer
ganzen Generation verwebt
Wenn Nahla den Koffer öffnet, um durch die Negligés zu wühlen, beginnt sie
zu träumen. Ihre Tagträume verbringt sie mit einem Mann in einem
sonnenhellen Zimmer. Ihre Verbindung ist sehnsüchtig, ihre Berührungen sind
zart. Entfesselte Lust gibt es hier nicht. In diesem Zimmer führt Nahla
Regie. Ihr Alltag aber läuft ihr aus dem Ruder.
Wir schreiben das Jahr 2011, der «Arabische Frühling» hat Syrien erreicht
und die Staatsgewalt schlägt die Opposition brutal zurück. Samir, ein in der
USA lebender Syrer, kommt in die alte, fremde Heimat auf Brautschau. Nahlas
Mutter wünscht sich, durch die Heirat ihrer Tochter aus Syrien ausreisen zu
können. Aber Nahla will nicht. Sie brüskiert Samir, worauf dieser kurzerhand
die ältere Schwester heiratet.
Gleichzeitig bezieht Madame Gigi zwei Stockwerke weiter oben eine Wohnung,
in der sie ein Bordell einrichtet. Nahla ist fasziniert und tut alles, um
die Frau kennen zu lernen. Der Film spiegelt Nahlas Unbehagen in den
politischen Unruhen. Der Ruf nach Freiheit von Überkommenem wird immer
lauter. Doch wo sind die Vorbilder, woran sich orientieren?
Die Filmemacherin Gaya Jiji lässt in ihrem Film starke Frauen auftreten,
welche die paradoxe Situation aufzeigen, dass sie innerhalb der Familien
Autoritäten und Entscheidungsträgerinnen sind und dennoch gesellschaftlich
marginalisiert werden. Der Bezug zum eigenen Körper und die Verfügung
darüber erscheint als Schlüssel zur Revolte.
Eva Meienberg, Religionswissenschaftlerin, Redaktorin Medientipp
«Mon tissu préféré», Frankreich/Deutschland/Türkei 2018, Regie: Gaya Jiji,
Besetzung: Manal Issa, Ula Tabari, Souraya Baghdadi; Verleih: First Hand
Films, Internet: http://www.firsthandfilms.ch/de/, Filmwebsite:
http://www.firsthandfilms.ch/de/mon-tissu-prefere/
Kinostart: 06. Juni 2019
https://www.youtube.com/watch?v=RK8EUcXbXTQhttps://www.medientipp.ch/events/mon-tissu-prefere/
Liebe Filmfreund*innen
Am 14. Juni ist Frauenstreiktag, an dem sich auch die Kirchenfrauen beteiligen. Ihr Slogan lautet: Gleichberechtigung. Punkt. Amen.
In diesem Sinne empfehlen wir Ihnen den Film: «God Exists, Her Name is Petrunya» als ein Beispiel weiblichen Protests in einer patriarchalen Gesellschaft.
Die religionskritische Komödie hat in Berlin den Preis der Ökumenischen Jury 2019 erhalten.
Viel Vergnügen!
Natalie Fritz und Eva Meienberg, Redaktorinnen Medientipp
Film des Monats Mai
Mai 2019
God Exists, Her Name is Petrunya
Teona Strugar Mitevska hat mit «God Exists, Her Name is Petrunya» eine bitterböse Satire über die patriarchalische Gesellschaft Nord-Mazedoniens geschaffen, die zugleich zum Lachen und zum Nachdenken anregt
Nord-Mazedonien ist ein Ort zwischen zwei Welten: der postindustriellen Arbeitswelt und der traditionellen Welt der patriarchalen Kirche. In diesem Gefüge erhält die Gottesfrage eine ganz neue Brisanz. Ob Gott existiert ist in dieser sozialen Misere vollkommen unklar. Aber wenn er existiert, dann wohl als eine junge Frau ohne Zukunftsaussichten. Petrunya hat einen Universitätsabschluss als Historikerin, aber keine feste Anstellung. Auf Drängen ihrer Mutter bewirbt sie sich in einer Nähfabrik. Auch dort will man sie nicht, obwohl sie sich bemüht. Das Bewerbungsgespräch ist erniedrigend. Doch dann platzt Petrunya in eine orthodoxe Prozession am nahgelegenen Fluss, wirft sich zum Fest der Heiligen drei Könige in die Fluten und findet das begehrte Kreuz. Mit diesem Glücksfang beginnen die Irrwege Gottes hienieden.
Die Komödie offenbart eine starke junge Frau, die von Zorica Nusheva mit grossartiger Wucht gespielt wird. Ihre Präsenz im Bild und ihre stoische Art des Widerspruchs gegen die Männerwelt geben Einblick in die mazedonische Gesellschaft. Die Regisseurin Teona Strugar Mitevska spielt mit ihrer Inszenierung an der Grenze zwischen Empathie und Ironie. Die religionskritische Sozialsatire hat eine Bissigkeit, die stellenweise weh tut. Doch wie sie die herrschaftlichen Spielregeln von Kirche, Polizei und Medienzirkus offenlegt, wirkt künstlerisch überzeugend und erfrischend. Das Eröffnungsbild von Petrunya im Schwimmbad bleibt unvergesslich.
«God Exists, Her Name is Petrunya» gewann den Preis der Ökumenischen Jury von Berlin 2019 (Internationaler Wettbewerb).
Charles Martig, Filmjournalist kath.ch
«God Exists, Her Name is Petrunya» («Gospod postoi, imeto i’ e Petrunija»), Mazedonien 2018, Regie: Teona Strugar Mitevska <https://www.trigon-film.org/de/directors/Teona_Strugar_Mitevska> , Besetzung: Zorica Nusheva, Labina Mitevska, Simeon Moni Damevsk; Verleih: Trigon-Film, Internet: www.trigon-film.org <http://www.trigon-film.org> , Filmwebsite: www.trigon-film.org/de/movies/Petrunya <http://www.trigon-film.org/de/movies/Petrunya>
Kinostart: 09. Mai 2019
https://vimeo.com/320757676#at=1https://www.medientipp.ch/events/god-exists-her-name-is-petrunya/
Liebe Filmfreundinnen und Filmfreunde
Es ist Frühling, alles spriesst und entfaltet sich – nur in unserem Film des Monats, «Wildlife», geht eine Familie buchstäblich ein … Kein Grund jedoch, den Film nicht zu sehen!
Paul Danos Regiedebüt «Wildlife» zeigt nämlich auf feinfühlige Weise auf, wie sich ein Familienidyll aufgrund der alltäglichen Belastungen und Probleme langsam als blosse Fassade herausstellt. Aus der Perspektive des jugendlichen Protagonisten geschildert ist das zugleich ein berührender Abgesang auf eine unbeschwerte Kindheit als auch eine kritische Bestandesaufnahme der amerikanischen Gesellschaft zu Beginn der 60er – und ihren Auswirkungen auf das Individuum bis heute ...
Mit herzlichen Grüssen aus der Medientipp-Redaktion
Eva Meienberg und Natalie Fritz
Film des Monats April
April/2019
Wildlife
In «Wildlife» – der Verfilmung des gleichnamigen Romans von Richard Ford – zerbricht die Welt des vierzehnjährigen Joe vor seinen Augen
Nach mehreren Umzügen haben sich die Brinsons – die Eltern Jerry und Jeanette sowie der 14-jährige Joe – Anfang der 60er-Jahre in einer Kleinstadt in Montana niedergelassen. Als Jerry seinen Job als Caddie in einem Golfclub verliert, hält Jeanette die Familie mit ihrem Teilzeitjob als Schwimmlehrerin über Wasser. Jerry, in seiner männlichen Ehre gekränkt, lässt sich daraufhin als schlecht bezahlter Hilfsarbeiter anstellen und ist dafür wochenlang unterwegs. In dieser Zeit fängt seine Mutter ein Verhältnis mit einem älteren Mann an. Joe muss hilflos mitansehen, wie die Ehe seiner Eltern langsam zerbricht und mit ihr die Welt, wie er sie bis anhin kannte. Behutsam hat sich Schauspieler Paul Dano («Swiss Army Man»), zusammen mit seiner Lebensgefährtin Zoe Kazan, an den Stoff des Romans von Richard Ford herangetastet und legt mit «Wildlife» sein beachtliches Regiedebüt vor. Sanft und eindringlich wird hier vom Abschied erzählt. Vom Ende einer Kindheit und einer Beziehung in einer Zeit der trügerischen Sicherheit, die das kleine Glück des Vorstadtlebens versprach. Ganz langsam baut Dano das Gefühl des Unbehagens auf. Dies mit viel Empathie für seinen jugendlichen Helden, der sich in seiner Haut und seinem Zuhause immer fremder fühlt. In den nostalgischen Bildern spürt man die Melancholie genauso mitschwingen wie in den schmerzhaften Blicken, die sich tief in die Seele bohren. Unausgesprochene Anklage sowie Verzweiflung darüber, dass die Träume, die man teilte, leise zerbrochen sind.
Sarah Stutte, Filmjournalistin
«Wildlife», USA 2018, Regie: Paul Dano, Besetzung: Jake Gyllenhaal, Carey Mulligan, Ed Oxenbould, Verleih: Praesens
https://www.praesens.com/praesens-pro-presse/katalog/wildlife/# <https://www.praesens.com/praesens-pro-presse/katalog/wildlife/>
Kinostart: 11. April 2019
https://www.youtube.com/watch?time_continue=1 <https://www.youtube.com/watch?time_continue=1&v=KJ-nQOyQVak> &v=KJ-nQOyQVak
Liebe Filmfreund*innen
In «Tel Aviv on Fire» wird die Grenze zwischen Israel und Palästina immer wieder überschritten und dies in vielschichtiger Weise. Auf komische Art wird dabei das richtige Leben zur Inspiration für die gleichnamige TV-Serie im Film: «Tel Aviv on Fire».
Ich wünsche Ihnen viel Inspiration aus diesem Film für Ihr richtiges Leben!
Herzliche Grüsse
Eva Meienberg, Redaktorin Medientipp
Film des Monats März
März 2019
Tel Aviv on Fire
Sameh Zoabis brillante Komödie zeigt die absurden Auswüchse des Israel-Palästina-Konflikts genauso auf, wie sie den alltäglichen Medienkonsum hinterfragt
Auch mitten in einem der heissesten Konflikte des Planeten schauen Menschen gerne TV-Serien. In dieser Komödie geht es um die Produktion der palästinensischen Serie Tel Aviv on Fire, in der eine faszinierende Spionin mit einem israelischen Offizier flirtet. Das Publikum steht vor der Frage: Wird es ihr gelingen, diesen Mann zu erobern?
Salam, ist auf dem Set der TV-Serie in Ramallah als Praktikant angestellt. Unfreiwillig wird er in eine unheimliche Kooperation mit einem Kommandanten des Checkpoint involviert, den er jeden Tag auf dem Arbeitsweg passieren muss. Aus dieser erzwungenen Arbeitsbeziehung entstehen neue Ideen für die Folgen der Serie, was Salam eine Beförderung zum Drehbuchautor einbringt.
Die Realität des Lebens in Israel, das tägliche Überqueren der Grenzen zwischen Israel und Palästina spiegelt sich in der seriellen Fiktion, die wiederum zur Inspiration für Beziehungen jenseits von Stereotypen wird. «Tel Aviv on Fire» liefert eine feinfühlige, nie banalisierende Auseinandersetzung mit Fragen nach Identitäten und Konflikten in Israel. Auf ungewohnte Weise eröffnen das Genre der Komödie und die Film-im-Film-Narration einen unkonventionellen Raum der Imagination. Die TV-Serie wird zum sozialen Experiment, in dem Beziehungen ausprobiert werden, die im realen Alltag undenkbar wären. Die Komik wird zum entlastenden Moment: Damit entstehen gerade dort, wo es nichts zu lachen gibt, Momente des konstruktiven Zusammenseins.
Daria Pezzoli-Olgiati, Religionswissenschaftlerin und Mitglied Interfilm
«Tel Aviv on Fire», Luxembourg, Frankreich, Israel, Belgien 2018, Regie: Sameh Zoabi, Besetzung: Kais Nashif, Lubna Azabal, Yaniv Biton, Verleih: Trigon, Filmwebsite: https://www.trigon-film.org/de/movies/Tel_Aviv_on_Fire
Kinostart: 7. März 2019
https://vimeo.com/312903688https://www.medientipp.ch/events/tel-aviv-on-fire/