Liebe Filmfreundinnen und Filmfreunde
Februar ist die Zeit der grossen Film-Preise und wir empfehlen für
diesen Monat «The Wife» von Björn Runge, dessen Hauptdarstellerin Glenn
Close in dieser Rolle für den Oscar nominiert ist und unter anderem
bereits den Golden Globe gewonnen hat.
Das Ehedrama seziert nach und nach die eingespielte Ehe eines künftigen
Nobelpreisträgers und legt alte, unverheilte Wunden und Enttäuschungen
offen. Jonathan Pryce und Glenn Close spielen dieses Paar, das zwischen
Vergebung und Rache, Zuneigung und Abneigung hin und hergerissen ist,
derart überzeugend, dass einem bisweilen die Haare zu Berge stehen.
Mit den besten Wünschen für den «kalten» Monat
Natalie Fritz, Redaktorin Medientipp
FILM DES MONATS FEBRUAR
Februar/2019
THE WIFE
BJÖRN RUNGES EHEDRAMA «THE WIFE» ZEIGT MIT VIEL EINFÜHLUNGSVERMÖGEN AUF,
WIE EIN EINGESPIELTES PAAR PLÖTZLICH MIT OFFENEN WUNDEN AUS DER
VERGANGENHEIT KONFRONTIERT WIRD UND NUN VERSUCHT, SIE ZU HEILEN
Zwei herausragende Persönlichkeiten geben sich in diesem Drama die Ehre:
Glenn Close und Jonathan Pryce verkörpern das eingespielte Ehepaar
Castleman in reifem Alter. Ein Telefonat aus Stockholm bringt eine
unerwartete Freudenbotschaft: Joe hat den Nobelpreis für Literatur
gewonnen. Ausgelassen hüpfen Joan und Joe auf dem Ehebett herum. Diese
Freude wirkt so echt und verspielt, dass sie ansteckend wirkt. - Die
Vorbereitungen für die Reise nach Skandinavien beginnen. Dieser Weg zur
Preisverleihung ist mit Retrospektiven unterlegt, die Joan als begabte
Literatur-Studentin in Harvard zeigt, die sich in ihren Dozenten
verliebt. Es ist ihre Perspektive auf die Ereignisse, ihre Erlebniswelt
im Schatten des Ehemanns. Joan hat es satt, nur immer die Ehefrau des
begabten Literaten zu spielen. Konflikte zeichnen sich ab und treten
immer deutlicher hervor. Je näher die Preisverleihung rückt, desto
stärker schmerzen alte Wunden.
Glenn Close und Jonathan Pryce sind in ihrem Schauspiel so überzeugend,
dass man jede Szene des Paars mit grosser Empathie verfolgt. Man hätte
die Beziehung der beiden und Joans Rolle darin noch stärker vertiefen
können; mehr Kammerspiel und weniger klassisches Filmdrama wäre
wünschenswert. Wenn in einem Hotelzimmer in Stockholm Joans unterdrückte
Wut auf Joes gekränktes Ego trifft, ist der Film am stärksten. Alles
andere ist Beiwerk. Doch auch so ist «The Wife» ein Hochfest des
Schauspieler-Kinos.
Charles Martig, Filmjournalist kath.ch
«The Wife», Schweden/Vereinigte Staaten von Amerika 2017, Regie: Björn
Runge, Besetzung: Glenn Close, Jonathan Pryce, Christian Slater;
Verleih: Impuls; Internet: https://www.img.biz/de/ [1]; Filmwebsite:
https://www.img.biz/de/kino/demnaechst-im-kino/movie/the-wife/ [2]
Kinostart: 7. Februar 2019
https://www.youtube.com/watch?v=WgaVabjuqas [3]
https://www.medientipp.ch/events/the-wife/ [4]
Links:
------
[1] https://www.img.biz/de/
[2] https://www.img.biz/de/kino/demnaechst-im-kino/movie/the-wife/
[3] https://www.youtube.com/watch?v=WgaVabjuqas
[4] https://www.medientipp.ch/events/the-wife/
Liebe Filmfreundinnen und Filmfreunde
Schon wieder ist ein Jahr vergangen und bereits warten die ersten cinematografischen Delikatessen darauf, 2019 im Kino genossen zu werden!
«Sibel» erzählt eine wunderschöne, märchenhaft anmutende Emanzipationsgeschichte einer jungen Frau, die in einem entlegenen Teil der Türkei zuhause ist. Dort muss sie lernen, für sich selbst und ihre Lebensweise einzustehen – auch entgegen den Hierarchien und Traditionen.
Der Film gewann am letztjährigen Film Festival in Locarno den Preis der Ökumenischen Jury.
Mit dieser hoffnungsvollen Geschichte entlasse ich Sie ins neue Kinojahr und wünsche Ihnen – und mir – ganz viele berührende, verstörende und lange nachhallende Filme!
Mit den besten Grüssen und Wünschen fürs Neue Jahr
Natalie Fritz, Redaktion Medientipp
Film des Monats Januar
Januar 2019
Sibel
«Sibel» erzählt die märchenhaft anmutende Geschichte einer jungen Ausseinseiterin, die sich vom «enfant sauvage» zur selbstbewussten Frau entwickelt
Starke Frauengeschichten prägen das aktuelle Kino. Mit Sibel tritt eine junge Frau aus einem abgelegenen, türkischen Bergdorf auf die Leinwand, die sich durch den Alltag kämpfen muss. Sie ist stumm und verständigt sich mittels einer Pfeifsprache. Dies ist keine künstliche Dramatisierung durch das Filmpaar Guillaume Giovanetti und Çağla Zencirci, sondern nahe an der Realität. Die Geschichte ist in der Region Kusköy am Schwarzen Meer angesiedelt, wo diese Lautsprache verwendet wird. Hier streifen noch Wölfe durch den Wald und lauern Gefahren in der Natur. Sibel hat sich zum Ziel gesetzt, der Bedrohung zu trotzen und den Wolf zu erlegen.
Die Schönheit der Hauptfigur ist vorerst eine raue und wilde, denn der Film beschreibt den Weg einer Menschwerdung. Als «enfant sauvage» lernt Sibel ihre Schönheit zu begreifen: durch die Begegnung mit einem Mann, den sie vor der Gewalt im Dorf retten will. Sibel entdeckt sich als Mensch und als Frau, was zu einem Konflikt mit Normen und Konventionen führt. Die Selbstbehauptung von Sibel in dieser traditionellen Gesellschaft gelingt. Damit wirft der Film einen modernen Blick auf die archaische Welt am Schwarzen Meer. «Der Film zeigt ein kraftvolles Bild einer Figur, die patriarchalische Strukturen und Identitäten in Frage stellt und so zu einem Beispiel für die Würde der anderen Frauen in der Gemeinschaft wird», begründet die Ökumenische Jury am diesjährigen Filmfestival Locarno die vergabe ihres Preises an «Sibel».
Charles Martig, Filmjournalist kath.ch
Preis der Ökumenischen Jury, Locarno Festival 2018: https://www.kath.ch/medienspiegel/preis-der-oekumenischen-jury-geht-an-film…
Jury-Bericht: https://www.inter-film.org/de/festivals/festival-del-film-locarno/71-locarn…
«Sibel», Frankreich/Deutschland/Luxemburg/Türkei, 2018; Regie: Guillaume Giovanetti und Çağla Zencirci; Besetzung: Damla Sönmez, Emin Gürsoy, Erkan Kolçak Köstendi; Verleih: Trigon, Internet: www.trigon-film.or <http://www.tirgon-film.org> g, Filmwebsite: https://www.trigon-film.org/de/movies/Sibel
Kinostart: 10.Januar 2019
https://www.youtube.com/watch?v=VmDufkfkx94https://www.medientipp.ch/events/sibel/
Liebe Filmfreundinnen und Filmfreunde
Es «weihnachtet» bereits wieder sehr: überall stehen geschmückte Tannen, Marktstände, die allerlei Überflüssiges und wenig Nötiges anbieten wachsen aus dem Asphaltdschungel und im Radio dudeln die ewig gleichen Melodien tagein tagaus. Unser Film des Monats Dezember passt wunderbar in die Vorweihnachtszeit. Hirokazu Kore-edas berührendes Drama «Shoplifters» beschäftigt sich nämlich mit dem Thema, was eine funktionierende Familie ausmacht. Und das ist weder Blut noch materielle Sicherheit. Aber das wissen wir, wenn wir das Kripplein entstauben und uns die Protagonisten und ihre Situation wieder einmal vor Augen führen …
Mit herzlichem Dank für Ihr Interesse und den besten Wünschen für die Weihnachtszeit sowie das Neue Jahr
Natalie Fritz, Redaktion Medientipp
Film des Monats Dezember
Dezember/2018
Shoplifters
Hirokazu Kore-edas Drama «Shoplifters» hinterfragt die auf Leistung ausgerichtete japanische Gesellschaft und erklärt zugleich, was Familie ausmacht.
Ein Vater geht mit seinem Sohn in einem Supermarkt auf Diebestour. Auf dem Heimweg entdecken sie auf einem ebenerdigen Balkon die kleine Yuri, die offenbar ausgesperrt und allein gelassen wurde. Da es bitterkalt ist, nehmen Vater Osamu und Sohn Shota das Mädchen mit zu sich, wo schon der Rest der Familie wartet: Osamus Frau Noboyu, deren Halbschwester Aki sowie Grossmutter Hatsue. Später wollen die Eltern das Kind wieder zurückbringen, doch am Haus angekommen, hören sie wie die Mutter, offenbar in einem Streit mit ihrem Freund, bekräftigt, das Mädchen gar nicht gewollt zu haben. Zudem entdecken sie Verbrennungsmale am Körper der Kleinen und nehmen sie deshalb kurzerhand wieder mit. Fortan lebt Yuri inmitten dieser Schicksalsgemeinschaft fremder Menschen, die allein von rechtmässiger Arbeit nicht überleben können. Sie geben ihr die Zuneigung, die sie bisher vermisste.
Hirokazu Kore-eda ist hier die präzise Momentaufnahme einer von Arbeit beseelten japanischen Gesellschaft gelungen, die die Menschen am Rand derselben vergisst. In seiner berührenden Geschichte hinterfragt er aber auch den Wert der Familie und die Vorstellung dessen, was diese ausmacht. Am Ende, wenn alle urteilen, weiss man als Zuschauer viel mehr, nämlich, dass die Grautöne im Leben das Spiel bestimmen. Das ist der grosse Gewinn dieses Films, dass wir unsere eigenen moralischen Grenzen hinterfragen, weshalb er dieses Jahr zu Recht mit der Goldenen Palme in Cannes ausgezeichnet wurde.
Sarah Stutte, Filmjournalistin
«Shoplifters», Japan 2018, Regie: Hirokazu Kore-eda, Besetzung: Lily Franky, Sakura Ando, Kairi Jō, Verleih: cineworx, www.cineworx.ch <http://www.cineworx.ch> ; Homepage: https://www.shopliftersfilm.com/
Kinostart: 13. Dezember 2018
https://vimeo.com/296646630https://www.medientipp.ch/events/shoplifters/
Liebe Filmfreundinnen und Filmfreunde
Die Zeit vergeht wie im Flug und schon sind wir beinahe wieder am Ende eines aufregenden Filmjahres angelangt. Die Fülle an Produktionen die jede Woche neu ins Kino kommen, macht es nicht einfach, sich in der spärlichen Freizeit für «den einen» Film zu entscheiden. Wir vom Filmplanungsteam bemühen uns, Ihnen Werke vorzustellen, die vielleicht nicht immer dem Mainstream-Gusto entsprechen, aber beispielsweise neue Perspektiven auf Themen wie Migration, Ressourcenverschwendung, Genderthemen eröffnen. Wir hoffen, dass die von uns empfohlenen Filme als Anstoss für ein Gespräch im Freundeskreis, im seelsorgerisch-pädagogischen Bereich oder sogar im wissenschaftlichen Kontext interessant sein könnten. Übrigens erscheint jede Woche auf www.medientipp.ch <http://www.medientipp.ch> ein Filmtipp.
Mit «Woman at War» haben wir einen skurriles, isländisches Werk zum Film des Monats erhoben, das ganz nahe an seinen Protagonisten bleibt und dabei mit viel abgründigem Humor und Fingerspitzengefühl aufzeigt, welche Folgen Ressourcenabbau für die betroffene Bevölkerung haben kann.
Mit herbstlich-goldenen Grüssen
Natalie Fritz
Film des Monats November
November/2018
Women at War
Im isländischen Film «Woman at War» zeigt Benedikt Erlingsson mit viel Feingefühl und abgründigem Humor auf, welche Folgen der Raubbau an der Natur für die «normalen» Menschen haben kann
Die 50-jährige Halla ist in ihrem isländischen Dorf eine beliebte Chorleiterin, die als radikale Umweltaktivistin ein Doppelleben führt. Immer wieder schleicht sie sich vermummt und im traditionellen Wollpullover in die Berge, um mit Pfeil und Bogen die örtliche Aluminiumindustrie zu sabotieren. Nur zwei Männer kennen ihre wahre Identität. Chormitglied Baldvin, seines Zeichens Beamter im Ministerium, der Halla mit Informationen versorgt. Und ein Bauer, der sie für eine entfernte Cousine hält und ihr mehrmals bei der Flucht vor den Behörden hilft. Deren Fahndungsbemühungen nach der «radikalen Zelle» nehmen zu, als die Chinesen ihre isländischen Investitionen überdenken. Und dann wird Halla auch noch plötzlich Mutter eines ukrainischen Waisenkinds.
Benedikt Erlingsson legt nach seinem absurd-trockenhumorigen Debütfilm «Of Horses and Men» eine wunderbar skurrile Ökokritik nach. Der reale Hintergrund der zunehmenden Verbauung des isländischen Hochlands zur Gewinnung erneuerbarer Energiequellen und somit neuer Investoren, wird zutiefst warmherzig vermittelt, weil er sich den Sorgen und Nöten der kleinen Leute annimmt. Diese seltsam-bewundernswerten Menschen mit seltsam-bewundernswerten Ideen rühren jedes Herz. Wie die drei Musiker, die immer wieder unerwartet, mitten in der isländischen Weite, ins Bild drängen und drauflos spielen. So, als wären sie, wie die Hauptdarstellerin, unverrückbar und mutig-entschlossen in Zeiten des Wandels.
Sarah Stutte, Filmjournalistin
«Woman at War», Island/Frankreich/Ukraine 2018, Regie: Benedikt Erlingsson, Darsteller: Halldóra Geirharðsdóttir, Jóhann Sigurðarson, Juan Camillo Roman Estrada, Verleih: filmcoopi, www.filmcoopi.ch <http://www.filmcoopi.ch>
Kinostart: 1. November 2018
https://www.youtube.com/watch?v=hwOo8w6AkDshttps://www.medientipp.ch/events/women-at-war/
Liebe Filmfreundinnen und Filmfreunde
Tatsächlich ist es nun rasant kühler geworden und ein wohlig warmes
Plätzchen vor dem Kamin ist plötzlich wieder eine schöne Vorstellung.
Damit Frau und Mann bei flackernden Feuerschein auch etwas zu
diskutieren und zum Nachdenken haben, legen wir Ihnen, liebe
Filmfreundinnen und -freunde, «Girl» ans Herz. Dieser belgische Film hat
bereits in Cannes dieses Jahr für Furore gesorgt - und wie sich zeigt,
nicht umsonst! Der Spielfilm ist ein wunderbar einfühlsames Werk über
eine junge Transfrau und ihren Kampf für ein «Ich», das ihrem Bild von
sich selbst entspricht.
Mit herzlichen Grüssen aus der Redaktion
Natalie Fritz
FILM DES MONATS
Oktober 2018
GIRL
DAS EINDRINGLICHE BELGISCHE DRAMA «GIRL» TRÄGT DIE INNEREN KÄMPFE EINER
JUNGEN TRANSFRAU AN DIE OBERFLÄCHE, INDEM DIE KAMERA AUF IHREN UMGANG
MIT DEM EIGENEN UND DOCH SO FREMDEN KÖRPER FOKUSSIERT
Lara ist 15 und möchte Balletttänzerin werden. Mit ihrer Familie ist sie
umgezogen, um an einer renommierten Tanzschule die Ausbildung zu
absolvieren. Nicht nur das harte Training bringt Lara physisch und
psychisch an ihre Grenzen - sie ist mitten in einer Hormontherapie, die
sie auf eine Geschlechtsumwandlung vorbereitet. Lara möchte endlich ganz
Mädchen, ganz Frau sein.
Ihre Familie akzeptiert Laras Entscheidung und der alleinerziehende
Vater bemüht sich, sie auf ihrem Weg zu unterstützen. Doch Lara - wie
die meisten Adoleszenten - redet nicht gerne mit Erwachsenen über ihre
Gefühle. Ungeduldig betrachtet sie sich abends im Spiegel und hält nach
zartem Brustansatz Ausschau. Unzufrieden mit ihrem Körper, der nicht
ihrem Ich entspricht, trainiert sie immer härter. Ganz so, als wolle sie
ihn für seine Mängel bestrafen ...
Lukas Dhonts erster Langspielfilm zeigt die alltäglichen körperlichen
und seelischen Kämpfe einer jungen Transfrau mit einer Intensität, die
den Zuschauenden schmerzt. Die blutenden Zehen klebt Lara weg wie die
anderen Mädchen; trinken aber kann sie erst nach den anstrengenden
Lektionen, weil sie zuvor in einer schmerzhaften Prozedur das Tape
entfernen muss, mit dem sie ihren Penis wegklebt. Die wechselhafte
Gefühlslage der jungen Frau spiegelt sich - ohne je voyeuristisch zu
sein - in der Art, wie die Kamera Laras eigenen und doch so fremden
Körper ins Bild setzt: distanziert, bewundernd, liebevoll. Ein kleines
Meisterwerk, das ans Herz geht!
Natalie Fritz, Religionswissenschaftlerin und Redaktorin Medientipp
«Girl», Belgien 2018, Regie: Lukas Dhont, Besetzung: Victor Polster,
Arieh Worthalter, Katelijne Damen; Verleih: DCM Schweiz, Internet:
https://dcmworld.ch/ [1], Filmwebsite:
https://dcmworld.ch/portfolio/girl/ [2]
Kinostart: 18.10.2018
https://www.youtube.com/watch?v=aq-XSVPpEH4 [3]
https://www.medientipp.ch/events/girl/ [4]
Links:
------
[1] https://dcmworld.ch/
[2] https://dcmworld.ch/portfolio/girl/
[3] https://www.youtube.com/watch?v=aq-XSVPpEH4
[4] https://www.medientipp.ch/events/girl/
Liebe Filmfreundinnen und Filmfreunde
Im heissen Sommer kurz ins kühle Nass abtauchen ist wunderbar. Im Fluss, im See oder gar im Meer. Leicht vergisst man da, was sich tagtäglich für Dramen – beispielsweise auf dem Mittelmeer abspielen. Die jüngsten Meldungen aus Italien und Spanien rücken nun wieder die Fluchtroute Meer ins Gedächtnis. Unser Film des Monats September, «Styx», gemahnt nicht nur dem Titel nach an die ambivalente Bedeutung eines Gewässers, das zugleich als Lebensspender und Todbringer fungiert. «Styx» ist keine leichte Kost, aber ein wichtiges filmisches Werk über das Ohnmachtsgefühl angesichts der Tragik – insbesondere deshalb, weil der Film mit einer gewissen Dringlichkeit die durchaus unangenehme Frage stellt «Was kann ICH tun?».
Mit besten Wünschen für einen guten Start in den Frühherbst – oder Spätsommer
Natalie Fritz, Redaktorin Medientipp
Film des Monats
September 2018
Styx
Als Kammerspiel auf hoher See konfrontiert uns «Styx» mit dem Migrations-Dilemma und zeigt auf, dass Europa die Augen vor der prekären Situation nicht länger verschliessen darf
Rike will ins Paradies, nach Ascencion Island. Dort liess Charles Darwin einst seine Vision vom Garten Eden anlegen. Allein auf einer Yacht macht Rike sich von Gibraltar aus auf den Weg über den Atlantik. Sie braucht eine Pause vom Arbeitsalltag als Notärztin. Nach einem Sturm vor der Küste Nordafrikas entdeckt sie ein in Seenot geratenes Fischerboot – hoffnungslos überfüllt. Über hundert Menschen an Bord schreien um Hilfe, springen panisch ins Wasser, um Rikes Schiff zu erreichen. Sie verständigt die Küstenwache und macht Notizen in ihrem Logbuch, ganz die disziplinierte Kapitänin und professionelle Rettungsärztin. Als Rike aufgeht, dass jede Hilfe zu spät kommen wird, wird sie mit einem alptraumhaften Dilemma konfrontiert: Ihr Schiff ist zu klein, um die Ertrinkenden zu retten. Was kann sie, ganz auf sich allein gestellt, ausrichten?
In der griechischen Mythologie markiert der Fluss Styx die Grenze zwischen der Welt der Lebenden und dem Totenreich. Homer beschreibt ihn als «Wasser des Grauens». Mit überzeugendem Plot und eindrücklichen Naturaufnahmen thematisiert Regisseur Wolfgang Fischer das Grauen, das sich auf dem Meer vor der Festung Europa abspielt. Das Kammerspiel auf See ist packend, aufwühlend und keine Minute zu lang. Und einer der wichtigsten Filme des Jahres. Denn die Tragik von Rikes Konflikt liegt darin, dass sich doch eigentlich keine Menschenseele in Gefahr bringen müsste, wenn es endlich sichere Fluchtwege gäbe.
Laura Lots, Redaktorin «Neue Wege»
«Styx» wurde bei der Berlinale 2018 mit dem Preis der Ökumenischen Jury ausgezeichnet.
«Styx», Deutschland/Österreich 2018, Regie: Wolfgang Fischer, Besetzung: Susanne Wolff, Gedion Oduor Wekesa; Verleih: trigon-film, www.trigon-film.ch <http://www.trigon-film.org>
Kinostart: 20. September
https://www.youtube.com/watch?v=X6EHvRyJy8whttps://www.medientipp.ch/events/styx/
Liebe Filmfreundinnen und Filmfreunde
Die Zeit der grossen Festivals ist da: Locarno beginnt bald und dann
lockt auch schon Venedig ... Unser Film des Monats August,
«BlacKkKlansman», hatte im Frühling in Cannes für Furore gesorgt und
dort den «Grand Prix» gewonnen sowie eine lobenden Erwähnung der
Ökumenischen Jury erhalten. Spike Lees packendes Drama basiert auf einer
wahren Geschichte, die abstruser nicht erfunden werden könnte. Ein
bitterböser Trip in die menschlichen Abgründe, der die Absurdität
gewisser Ideologien schonungslos offen legt.
Mit besten Sommer-Grüssen
Natalie Fritz
FILM DES MONATS
August 2018 by kath.ch
BLACKKKLANSMAN
DAS KRIMI-DRAMA «BLACKKKLANSMAN» ZEIGT TEMPOREICH UND MIT POINTIERTEN
DIALOGEN AUF, WIE DER RECHTSEXTREME KU-KLUX-KLAN RELIGION ALS
LEGITIMATION FÜR IHR RASSISTISCHES GEDANKENGUT MISSBRAUCHT
Im Amerika der 1970er-Jahre schien es unmöglich zu sein, dass ein
dunkelhäutiger Mensch einen Dienst bei der Polizei antreten konnte. In
Colorado Springs gelang dies aber Ron Stallworth als erstem
Afroamerikaner. Mit Fleiss und Durchsetzungskraft verschaffte er sich so
viel Respekt bei seinen Vorgesetzten, dass er verdeckt gegen den
Ku-Klux-Klan ermitteln durfte - mit einer erfolgreichen, aber äusserst
gefährlichen Idee: er infiltrierte als Schwarzer den Ku-Klux-Klan. Das
lief so ab, dass Stallworth die Verantwortlichen des Klans am Telefon
mit flammenden rassistischen Aussagen blendete und sein jüdischer (!)
Kollege Flip Zimmerman ihn bei leibhaften Auftritten verkörperte.
Regisseur Spike Lee hätte diese auf wahren Begebenheiten beruhende
Geschichte nicht temporeicher, spannender und unterhaltsamer inszenieren
können: Schlagfertige Dialoge wechseln sich ab mit halsbrecherischen
Situationen, in denen die Protagonisten nun wirklich aufzufliegen
drohen. Alles scheint nur eine Frage der Zeit zu sein, bis ihr
gefährliches Spiel beendet wird. Am Filmfestival von Cannes 2018 vergab
die Ökumenische Jury eine lobende Erwähnung an «BlacKkKlansman» mit der
Begründung, dieses Werk bedeute «einen Weckruf gegen Rassismus nicht nur
in den USA, sondern in der ganzen Welt. Erzählt mit Witz und Horror,
verurteilt dieser Film, dass Religion missbraucht wird, um Hass zu
rechtfertigen.»
Thomas Schüpbach, Pfarrer ref. Kirchgemeinde Zürich-Sihlfeld und
Mitglied bei Interfilm
Statement der Ökumenischen Jury in Cannes 2018:
https://www.inter-film.org/auszeichnungen/18181818/commendation-ecumenical-…
[1]
«BlacKkKlansman», Vereinigte Staaten 2018, Regie: Spike Lee, Besetzung:
John David Washington, Adam Driver, Jasper Pääkkönen; Verleih: Universal
Pictures Schweiz, www.universalpictures.ch [2]
Kinostart: 23.08.2018
https://www.youtube.com/watch?v=yLtwZ1r_XUM&list=PLTkN4KoRlJadJsN0fT_XWFrsS…
[3]
https://www.medientipp.ch/events/blackkklansman/ [4]
Links:
------
[1]
https://www.inter-film.org/auszeichnungen/18181818/commendation-ecumenical-…
[2] http://www.universalpictures.ch
[3]
https://www.youtube.com/watch?v=yLtwZ1r_XUM&list=PLTkN4KoRlJadJsN0fT_XW…
[4] https://www.medientipp.ch/events/blackkklansman/
Liebe Filmfreundinnen und Filmfreunde
WM, Sonne, Ferienzeit - und doch laden die kühlen Kinosäle mit
grossartigen Filmen zum Verweilen im Dunkeln. Der faszinierende
Dokumentarfilm «Searching for Ingmar Bergman» kommt rechtzeitig zum 100.
Geburtstag des schwedischen «Grossmeisters» in die Kinos und ist ganz
sicher einen Besuch wert. Auch das Fernsehen (3Sat - siehe
www.medientipp.ch [1]) und Spezial-Reihen (beispielsweise im Filmpodium)
widmen sich den Werken und dem Leben des Regisseurs. Fröhliches
Sesselfläzen und anregendes Visionieren!
Mit sommerlich heiteren Grüssen
Natalie Fritz, Redaktorin Medientipp
FILM DES MONATS JULI
Juli 2018
SEARCHING FOR INGMAR BERGMAN
DIE DEUTSCHE FILMEMACHERIN MARGARETHE VON TROTTA NÄHERT SICH AUS EINEM
GANZ PERSÖNLICHEN BEDÜRFNIS HERAUS DEM GROSSEN FILMEMACHER INGMAR
BERGMAN AN UND DECKT DIE PERSON HINTER DEM «FILM-GENIE» AUF
«Das siebente Siegel» steht am Anfang dieser dokumentarischen Suche nach
dem Menschen Ingmar Bergman. Die Regisseurin Margarethe von Trotta liess
sich von diesem genialen Totentanz für das Kino begeistern; und sie ist
bis heute davon fasziniert. Zum Anlass des 100. Geburtstags von Bergman
geht sie der Sache auf den Grund und wirft einen persönlichen Blick auf
das Leben der «Film-Ikone».
Trotta führt intensive Gespräch mit Familie, Schauspielern und
Weggefährten. Besonders tiefgehend ist die Sichtweise der Schauspielerin
Liv Ullmann. Überraschend sind die Erzählungen von Daniel Bergman, der
aus der Sicht das Sohnes auf seinen «Übervater» zurückschaut.
Offensichtlich ging Bergman in seiner Rolle als Regisseur dermassen auf,
dass er keine direkte Beziehung zu seinen Kindern aufbauen konnte.
Nachhaltig sind die Einschätzungen der Regie-Grössen Carlos Saura und
Olivier Assayas. Mit zahlreichen Szenen aus den Filmen von Bergman wird
belegt, was ihn Zeit seines Lebens beschäftigte und wie er auf dem
Film-Set wirkte.
Die Regisseurin zeigt seltenes Archivmaterial und fragt sich selbst im
Off-Kommentar, wieso Bergman ihren eigenen Film «Die bleierne Zeit» als
einen der wichtigsten Filme für sein Schaffen bezeichnete. So entsteht
ein filmisches Gespräch auf Augenhöhe: fiktiv rekonstruiert und doch
voll von authentischen Sichtweisen auf Bergman.
Charles Martig, Filmjournalist kath.ch
«Searching for Ingmar Bergman», Deutschland / Frankreich 2017, Regie:
Margarethe von Trotta, Besetzung: Liv Ullmann, Daniel Bergman, Ruben
Östlund, Carlos Saura, Olivier Assayas; Verleih: Präsens-Film,
Filmwebseite für Presse:
http://www.praesens.com/praesens-pro-presse/katalog/searching-for-ingmar-be…https://www.youtube.com/watch?time_continue=1&v=hVmMxGQqwYw
Kinostart: 19.07.2018
Das Zürcher Filmpodium zeigt zum 100. Geburtstag des Regisseurs eine
Programmreihe ab 01. Juli, Infos auf:
https://www.filmpodium.ch/reihen-uebersicht/57588/ingmar-bergman-zum-100-ge…https://www.medientipp.ch/events/searching-for-ingmar-bergman/
Links:
------
[1] http://www.medientipp.ch
Liebe Filmfreundinnen und Filmfreunde
Die katholische Schweiz fiebert dem Papstbesuch am 21.Juni entgegen – die 41'000 Gratis-Tickets waren innert kürzester Zeit ausverkauft. Allen, die Franziskus nicht live sehen können, bietet sich im Kino jedoch die Möglichkeit, den argentinischen Papst etwas näher kennenzulernen. Wim Wenders Dokumentarfilm nähert sich gleichermassen dem Papst und dem Menschen Jorge Mario Bergoglio an.
Mit den besten frühsommerlichen Grüssen
Natalie Fritz, Redaktorin Medientipp
Film des Monats
Juni 2018
Papst Franziskus. Ein Mann seines Wortes
Wim Wenders faszinierendes Papst-Portrait zeigt den Menschen hinter dem Amt und macht deutlich, mit welcher Inbrunst Jorge Mario Bergoglio Franz von Assisis Vision einer Kirche für alle umzusetzen versucht
Wim Wenders versetzt uns an den Schauplatz Assisi. Hier am Ursprungsort der franziskanischen Armutsbewegung sucht er nach den Motiven, die für Papst Franziskus prägend sind. In seinem aufwühlenden Porträt zeigt Wenders eine Persönlichkeit, die die Herausforderungen seines «Lieblingsheiligen» ernst nimmt. Seit seiner Wahl im Jahr 2013 steht für Jorge Mario Bergoglio die Umkehr von der reichen und mächtigen Kirche zur Solidarität mit den Armen an erster Stelle. «Solange eine Kirche ihre Hoffnung daraufsetzt, reich zu sein, ist Jesus nicht darin zuhause!», spricht Papst Franziskus direkt in die Kamera, wiederholt den Satz mit Nachdrücklichkeit und wirkt dabei sehr authentisch. Auch sein Engagement für die Bewahrung der Schöpfung wird vom Regisseur hoch geschätzt.
Für Wenders ist Papst Franziskus eine Art «utopische Gestalt», die sich wirklich für das Gemeinwohl einsetzt und nicht nur Lippenbekenntnisse macht. Bei allem gebotenen Respekt gegenüber Person und Amt vermittelt der Film eine bezaubernde Nähe. Dabei kommt Wenders entgegen, dass Papst Franziskus über eine Offenheit und Direktheit verfügt, die den Zugang zu ihm wie von selbst ermöglicht. Entstanden ist ein wunderbares Porträt. Aus dem reichhaltigen Archiv des Vatikan-Fernsehens und vier langen Gesprächen mit Papst Franziskus ist eine sehenswerte Hommage an Papst Franziskus entstanden, die sympathisch und begeisternd wirkt.
Charles Martig, Filmjournalist kath.ch
«Papst Franziskus. Ein Mann seines Wortes» («Pope Francis. A Man of His Word»), Deutschland/Italien 2018, Regie: Wim Wenders, Besetzung: Jorge Mario Bergoglio; Verleih: Universal Pictures International, Filmwebsite: https://www.universalpictures.ch/pope-francis-a-man-of-his-word
Kinostart: 14.06.2018
https://www.youtube.com/watch?time_continue=2 <https://www.youtube.com/watch?time_continue=2&v=g3I89SqF-i4> &v=g3I89SqF-i4
https://www.medientipp.ch/events/pope-francis-a-man-of-his-word/
Liebe Filmfreundinnen und Filmfreunde
Frühling ist mehr als spriessende Blumen und tränende Augen: es ist
Film-Festival-Saison und viele wunderbare Filme finden den Weg in die Kinos.
Für den Mai möchten wir Ihnen «In den Gängen» ans Herzen legen. Der Gewinner
des diesjährigen Preises der Ökumenischen Jury an der Berlinale erzählt eine
wunderbare, kleine Geschichte in den weiten Gängen eines Grosslagers. «In
den Gängen» von Thomas Stuber macht deutlich, dass ein grosses Kinoerlebnis
nicht zwingend eines grossen Bumbums oder ausgeklügelter Animationen bedarf.
Mit frühlingshaften Grüssen
Natalie Fritz, Redaktorin Medientipp
Film des Monats
Mai 2018 by kath.ch
In den Gängen
«In den Gängen» nähert sich den Angestellten eines Grosslagers mitsamt ihren
Träumen, Hoffnungen und Ängsten an und würdigt damit nicht nur ihre Arbeit,
sondern die Schönheit des Lebens in all seinen Facetten
Ein junger Mann in einem neuen Beruf das ist ein ebenso banales wie
aufregendes Sujet. Regisseur Thomas Stuber macht daraus eine Ballade über
das Leben des Grosslager-Personals irgendwo in der ostdeutschen Provinz. In
den langen Gängen der Lagerhallen befinden sich Getränke, Nudeln und
Süsswaren, die mit Gabelstaplern in der Horizontalen und Vertikalen hin- und
herbewegt werden. So beginnt auch der Film mit einer Fahrt durch das Lager
zu den Klängen von Strauss «Auf der schönen blauen Donau.» Diese
Kamerafahrten sind das ästhetische Programm des Films. Sie sind aber auch
die Grundbewegung des Lebens von Christian.
«In den Gängen» ist eine gelungene Mischung aus Drama, Tragik und Romantik.
Christian begegnet am Kaffeeautomaten Marion, eine berührende Geschichte,
die von kleinen Gesten und liebevollen Blicken lebt, beginnt. Auch wenn
Christian von Marion als «Frischling» bezeichnet wird, hält ihn das nicht
davon ab, sich ihr zu nähern: in all seiner Verletzlichkeit und
Unbeholfenheit. Diese kleine Geschichte im grossen Lagermarkt blüht langsam
auf und gibt den Blick für einen reichhaltigen Mikrokosmos frei.
Die Qualität dieses Erzählens des Kleinen im Grossen, wurde in Berlin mit
dem Preis der Ökumenischen Jury ausgezeichnet. Wer mit diesem Film Geduld
hat, wird reichlich belohnt. In der Verbindung von horizontalen und
vertikalen Bewegungen erschliesst sich bei genauem Schauen auch eine
christliche Sicht aufs Leben.
Charles Martig, Film, Journalist kath.ch
«In den Gängen», Deutschland 2017, Regie: Thomas Stuber, Besetzung: Franz
Rogowski; Sandra Hüller; Peter Kurth Verleih: Name, Internet:
http://www.xenixfilm.ch/
Kinostart: 26.04.2018
https://vimeo.com/261989812https://www.medientipp.ch/events/in-den-gaengen/